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Ein serbisches Coming-out

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Ein Überfall auf die lesbische Schriftstellerin Dragoslava Barzut schlug in Serbien hohe Wellen - und fand auch Eingang in ihren Roman. Foto: Müller © Müller

Die Schriftstellerin und Aktivistin Dragoslava Barzut war zu Gast im »Prototyp« und berichtete von traurigen und hoffnungsvollen Geschehnissen in ihrer Heimat.

Gießen. Die serbische Queer-Aktivistin und Autorin Dragoslava Barzut stellte am Donnerstagabend im »Prototyp« ihren preisgekrönten Debütroman »Die Nähe verlieren« vor. Dabei sprach sie mit Moderator Dr. Franz Schindler vom Institut der Slavistik an der Justus-Liebig-Universität sowie Übersetzerin Marie Alpermann über die Beweggründe ihres Werkes und gab Einblicke in ihre Vergangenheit. Dazu zählte ein Vorfall, der das Leben der Schriftstellerin für immer verändern sollte.

In ihrem Heimatland ist Dragoslava Barzut eine bekannte Aktivistin, die für Menschenrechte und vor allem mehr Rechte für LGBTIQ*-Personen kämpft. Neben einer Reihe von Kurzgeschichten hat sie auch eine Sammlung ex-jugoslawischer lesbischer Literatur herausgegeben. Zudem ist sie Mitbegründerin der Organisation »Da ze zna!«, eine Online-Plattform zum sicheren Anmelden und Dokumentieren von Gewalt gegen LGBTIQ*- Personen in Serbien. Nicht nur anhand dieser Aufzählung merkt man: Für die engagierte Frau ist dieser Kampf gegen Diskriminierung eine Herzensangelegenheit.

Romanstoff und Biografie

Auch in ihrem Buch »Die Nähe verlieren«, das in den 1970er und 80er Jahren im damaligen Jugoslawien angesiedelt ist, berichtet Barzut von Protagonistin Elodi, die in ihrer Kindheit nach Anschluss sucht. Dabei entdeckt sie ihre Leidenschaft für Fußball, die sie in durch ihr Leben begleiten wird, später im Buch kommt auch die Liebe zu Frauen hinzu. Die Serbin erzählt diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, wechselt immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die für die Kindheit und das Erwachsensein stehen. »Zunächst wollte ich den Roman aus klassischer Ich-Perspektive erzählen. Den personalen Erzähler nutze ich vor allem, wenn ich auf das Heranwachsen von Elodi« zu sprechen komme«, erläuterte Barzut.

Spätestens nach einem weiteren Auszug aus dem Roman, der teilweise zunächst auf Serbisch, dann auf Deutsch vorgetragen wurde, wurde deutlich, dass viele Überschneidungen im Leben der Protagonistin und der Autorin vorliegen. Dabei spielt der von Männern dominierte Fußball eine besondere Rolle: »Fußball war und ist eine Art Safe Place für mich. Dabei habe ich mich immer wohl gefühlt. Ich habe in Serbien einen Verein für lesbische Frauen gegründet. Dort haben wir die Möglichkeit uns auszutauschen, egal ob über alltägliche Probleme, Beziehungsstress oder etwa wegen einem Coming-Out.«

Neben ihrer Leidenschaft für den Ballsport diente dieser zunächst als Startschuss für die Entstehung des Buches - doch dann kam alles ganz anders. »Ich wollte ehemalige professionelle Fußballerinnen interviewen, die in den 70er Jahren aktiv waren, und dazu ein Buch schreiben«, berichtete Barzut. Doch stattdessen kam es zu einem hässlichen Vorfall.

Mithilfe der Autofiktion verarbeitete die Schriftstellerin Geschehnisse in einem Café in Belgrad, in dem sie gemeinsam mit ihrer Freundin von jungen Hooligans angegriffen und verletzt wurde, weil sie lesbisch ist. Die Mischung aus dem Verstecken und dem Zeigen der eigenen Sexualität wird in »Die Nähe verlieren« auf bedrückende Weise thematisiert. Die Attacke wird im Buch nicht direkt beschrieben, allerdings enthält das Werk den originalen Polizeibericht zu diesem Vorfall.

Der Zwischenfall schlug in Serbien hohe Wellen und stellte den ersten dokumentierten Angriff auf lesbische Frauen dar, über den breit in den Medien berichtet wurde. Ein Blick in die Gegenwart zeigt, dass es weltweit weiterhin ein langer Weg ist, bis zur Gleichberechtigung von LGBTIO*-Personen - aber ein Anfang ist gemacht.

»Wir haben in Serbien mit Ana Brnabic eine Premierministerin, die aus ihrer gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung nie ein Geheimnis gemacht hat. Erste Entwürfe und Gesetze gegen Diskriminierung und für mehr Rechte wurden verabschiedet, doch in der Realität sieht es anders aus, es herrscht weiterhin viel Ungerechtigkeit. Aber ich bleibe vorsichtig optimistisch für die Zukunft,« so Barzut.

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