1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Ein Ständchen vom Meister

Erstellt:

gikult_LangerKalaidjiev0_4c
Geigenvirtuose Georgi Kalaidjiev erinnerte sich beim Filmgespräch im Kino Traumstern an seine gemeinsame Arbeit mit Ennio Morricone. Foto: Schultz © Schultz

Spiel mir das Lied vom Film: Der Gießener Geigenvirtuose Georgi Kalaidjiev arbeitete jahrelang mit dem großen Komponisten Ennio Morricone zusammen.

Lich. Ein besonderes Schmankerl wurde in der jüngsten Matinee des Kinos Traumstern serviert: Guiseppe Tornatores aktueller Film »Ennio Morricone - Der Maestro«. Nach dem Doku-Epos gab es ein Gespräch mit einem Musiker, der viele Schallplattenaufnahmen mit dem weltberühmten Filmkomponisten eingespielt hat: Georgi Kalaidjiev (75), langjähriges Mitglied des Philharmonischen Orchesters Gießen, Gründer mehrerer Musikensembles sowie der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Maria Hauschild in Gießen ins Leben gerufenen Initiative »Musik statt Straße«.

»Eigentlich fand ich es unter meiner Würde, Filmmusik zu schreiben«, bekennt der 2020 gestorbene Morricone zu Beginn des Films. Nach zehn Jahren in diesem Genre habe er damit aufhören wollen. Das sagte er bis 2000 alle zehn Jahre, bevor er es nach eigenen Worten unterließ, dieses leere Versprechen weiter zu wiederholen - die Filmmusik war schließlich ein wesentlicher Teil seines Schaffens.

Morricone, 1928 in Rom geboren, war längst als Neuerer des Genres zum Weltstar geworden, als er mit großer Verspätung 2007 einen Oscar für sein Lebenswerk erhielt. 2016 folgte eine zweite Goldstatue für den Soundtrack zu Quentin Tarantinos »The hateful eight«. Da hatte er neben Dutzenden von italienischen Schlagern schon zwischen 500 und 1000 Filmmusiken geschrieben, anfangs noch unter Pseudonym, und über 50 Millionen Alben verkauft. Der mit zweieinhalb Stunden etwas zu lange Film lässt eine Unzahl berühmter Musiker und Fachleute zu Wort kommen: etwa Quincy Jones, Clint Eastwood und John Williams. Sowie natürlich Regisseur Sergio Leone, für den Morricone häufig Musik schrieb, allen voran für den Westernklassiker »Spiel mir das Lied vom Tod« sowie das Mafiaepos »Es war einmal in Amerika«, Leones letzter Film. Die beiden Italiener hatten dieselbe Klasse am Konservatorium in Rom besucht und arbeiten gemeinsam an vielen Filmen.

Zu Morricones Einfluss als Neuerer trug bei, dass er Geräuscheffekte wie Peitschenknallen und Pfeifen einführte, wohlgemerkt als Teil der Musik, die inzwischen vielen unvergesslich ist und aus dem Genre »Spaghettiwestern« nicht mehr wegzudenken. So schuf er eine weitere inhaltliche Ebene, die die Aussage des jeweiligen Films auf besondere Weise spiegelte. »Er erweitert das Visuelle,« sagte Tarantino. Tornatores Film vermittelt seine enorme Faktenfülle mit Leichtigkeit, Lebendigkeit und kraftvollen Emotionen.

Aufeinandertreffen in Bulgarien

Der Gießener Musiker Georgi Kalaidjiev, Gast im Traumstern, hatte eine besondere berufliche Beziehung zu Ennio Morricone. Denn der Geigenvirtuose spielte in den 1980er Jahren in Bulgariens Hauptstadt Sofia jahrelang gemeinsam mit dem Maestro Filmmusiken ein. Kalaidjiev war damals Mitglied der »Sofioter Solisten«, einem international renommierten Ensemble. Das Studio Balkanton hat seinerzeit mit den »Sofioter Solisten« mindestens 100 Alben eingespielt, erinnert sich Kalaidjiev. Es besaß Anfang der 80er das neueste digitale Aufnahmeequipment, weshalb Morricone dort aufzeichnete. »Wir waren die Besten Bulgariens und wurden überallhin eingeladen - unter anderem nach Russland, China, Süd- und Nordamerika«, berichtete der Musiker, der bei Tourneen auch häufig in Italien spielte. Ennio Morricone hörte die »Solisten« bei einem Festival 1981 in Stresa am Lago Maggiore auf Empfehlung des renommierten Geigers Henrich Schäring, der zusammen mit Kalaidjiev im Ensemble spielte. Schäring riet Morricone: »Hör dir die mal an«. Und tatsächlich kam umgehend ein Engagement zustande.

Die Aufnahmen fanden immer nachts statt, nach den anderen Verpflichtungen der Musiker, erinnert sich Kalaidjiev. »Morricone war vollkommen klar im Kopf, sehr ehrgeizig und penibel, aber zugleich ein ausgesprochen freundlicher Mensch«. Die Noten waren damals noch handgeschrieben und Morricone spielte den Musikern schon mal einige Szenen choreografisch vor, um ihnen Atmosphäre und Stimmung zu vermitteln. Mittels Metronom wurden die Aufnahmen dann sekundengenau eingespielt.

»Er brachte immer Snacks mit. In den Pausen war er absolut humorvoll, freundlich und lustig; die Arbeit mit uns hat ihm richtig Spaß gemacht«, berichtete der Bulgare, der das überregional beachtete Musikprojekt für arme Kinder in seiner Heimatstadt Sliven ins Leben gerufen hat.

Morricones Material sei nicht schwer zu spielen gewesen, es habe meist schnell geklappt. »Hinterher hat er uns immer gelobt und war sehr zufrieden.« Eine Nacht reichte häufig, um einen Film fertig zu vertonen. »Wir wurden sehr gut bezahlt und es hat allen Spaß gemacht.« Manchmal wurden auch mehrere Filme pro Woche eingespielt.

Lange Suche nach den Noten

Georgi Kalaidjievs Kontakt zum berühmten Komponisten bestand etwa acht Jahre lang. »Ich war sein Ansprechpartner und kam sehr gut zurecht mit ihm.« Einmal fiel eine Aufnahmesession auf Kalaidjievs Geburtstag. Spontan schrieb Morricone für ihn als Geschenk eine Musik. Die wurde lange Zeit vom Ensemble des langjährigen Gießener Philharmonikers als erste Zugabe gespielt. Äußerst bedauerlich ist allerdings, dass diese Noten seit 20 Jahren nicht mehr zu finden sind. Kalaidjiev hat schon viele Kollegen aus der Zeit darauf angesprochen, bislang erfolglos. Dennoch bleibt er optimistisch: »Ich finde sie schon noch.«

Vieles andere aus der Zeit der »Sofioter Solisten« blieb ihm hingegen erhalten, denn Kalaidjiev schrieb während ihrer Tourneen Tagebuch, und diese Aufzeichnungen hat er jetzt wiedergefunden. Darin finden sich berühmte Namen. Mit Nigel Kennedy spielte er in Sofia und Amerika , mit Leon Spierer auch in Gießen, er lernte Mstislaw Rostropowitsch kennen, mit Thomas Brandis bestritt er eine Eröffnung der Wagnerfestspiele. Doch Morricone zählt zu den klangvollsten.

Die Kinodokumentation »Ennio Morricone - Der Maestro« ist noch einmal am heutigen Mittwoch um 20.30 Uhr im Kino Traumstern in Lich zu sehen.

gikult_em_pressefoto_08__4c
Komponist und Dirigent Ennio Morricone in der Filmdokumentation »Der Maestro«, die heute Abend noch einmal im Licher Kino Traumstern zu sehen ist. Foto: Plaion Pictures © Plaion Pictures

Auch interessant