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»Ein Stück ist wie eine Seifenblase«

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Der König des Kinder- und Jugendtheaters: Abdul-M. Kunze - hier in den Kulissen seiner jüngsten Inszenierung. © Friese

Der im Sommer scheidende Abdul-M. Kunze leitet seit fast 20 Jahren das Gießener Kinder- und Jugendtheater. Im Gespräch erzählt er, was die Faszination der Bühne ausmacht.

Gießen. Die Biografie von Abdul-M. Kunze bietet jede Menge Stoff für eine abendfüllende Erzählung. Dazu gehören eine Kindheit in Pakistan und Chicago, die Jugend im aufgewühlten Frankfurt der Nach-68er-Jahre, vor allem aber ein pralles Theaterleben, das ihn durch die halbe Republik führte. Dann kam er vor 20 Jahren nach Gießen, um seither dem jungen Publikum als Leiter des Kinder- und Jugendtheaters den Zauber des Bühnengeschehens zu vermitteln. Nun geht diese Ära im Sommer zu Ende. Sein Vertrag am Stadttheater läuft aus und Kunze wird das Haus zusammen mit Intendantin Cathérine Miville und einigen weiteren Kollegen verlassen. Was den Reiz des Kindertheaters für ihn ausmacht, wie er nach Gießen kam und was er künftig vorhat, darüber hat der 67-Jährige mit dem Anzeiger gesprochen.

Den Zugang zum jüngsten Theaterpublikum hat Kunze früh entdeckt. Denn im Gegensatz zu manchen Kollegen hat er das traditionelle Weihnachtsstück schon immer gerne inszeniert. »Da geht es, platt gesagt, nicht ums gescheite Reden, sondern um Lebendigkeit.« Kinder fänden eine Geschichte entweder gut - oder doof. Dazwischen gebe es nichts. Das biete enorme Freiräume für die künstlerische Arbeit.

Als Regisseur hat er sich selbst in Sachen Nachwuchspublikum immer weiter »runtergearbeitet - bis zu den Zweijährigen«. Für Kunze eine »wunderbare Erfahrung«. Dabei gehe es nicht darum, das die Kleinsten auch wirklich jedes auf der Bühne gesprochene Wort verstehen. »Sie müssen verstehen, mit welchem Gefühl du es sagst.« Eine Erkenntnis, die zur Intensität und Leidenschaft passt, mit der er selbst seine Aufgabe ausfüllt. Es sei eben kein normaler Job. Ohne das Brennen für die Aufgabe gehe es nicht. Denn welcher Zuschauer wolle schon sehen, dass jemand auf der Bühne einfach seine Arbeit erledigt?! Aber wenn sich die Spiellust in den Saal übertrage, »dann sind die Leute angesteckt!« Darauf kommt es Kunze vor allem an.

Sein jüngstes Beispiel sind die zwei Darsteller im von ihm inszenierten Stück »Ein König zu viel«, das sich an Kinder ab vier Jahren richtet. Den Ensemble-Schauspielern Lukas Goldbach und David Moorbach »macht das riesigen Spaß, die haben Lust, das sind Spielratze!«, schwärmt er. »Und das merken auch ihre Zuschauer.« Doch was genau macht für Kunze die Faszination dieser Theaterform aus? Es sind die »wahrhaftigen Liveerlebnisse in einer digitalisierten Welt«. Es gehe ums Sehen, Denken, Spüren, Miterleben, Auseinandersetzen. Und um den Moment. Eine Kombination, die nur im Theater zu erleben sei.

Ist er selbst durch die in all den Jahren gesammelten Erfahrungen denn ein besserer Regisseur geworden? »Ich merke, was klappt und was nicht klappt«, lautet die Antwort. »Aber es ist jedes Mal auch ein kleines Wunder. Eine Welt in der Welt.« Für ihn ist ein Theaterabend wie eine Seifenblase. Man wisse im Vorfeld nicht, welche Gestalt sie annimmt, in welcher Farbe sie schimmert, wie das Ergebnis ausfällt. Theater entstehe nur im Moment. »Danach ist die Seifenblase weg.« Intendant habe er nie werden wollen, betont Kunze. Aber wäre er einer, bekäme das Familienstück die beste Ausstattung der gesamten Spielzeit. Licht, Ton, Drehbühne, Schnürboden: »Das ist ein Zauberkasten ohne Ende. »Wir müssen die Kinder verblüffen. Da muss das Theater zeigen, was es kann.«

Er selbst konnte sich früh beweisen, nachdem er mit 14 Jahren das Frankfurter Elternhaus verließ, um Schauspieler zu werden. Kurz zuvor hat ihn eine Mitschülerin überredet, eine Aufführung zu besuchen. Gespielt wurde die Feydeau-Komödie »Floh im Ohr« - das war »für mich wie der erste Schuss für den Junkie«, lacht Kunze. So ging er bald darauf zur Berufsberatung: Wie wird man bitte Schauspieler? Er bekam Fachlektüre ausgehändigt: »Eins der ersten Bücher nach Grimms Märchen, die ich komplett in Deutsch gelesen habe.«

In der Folge entdeckte der Junge die Vielzahl der damaligen Frankfurter Bühnen: Schmiere, Komödie, Theater am Turm sowie vor allem das Schauspiel unter dem legendären Intendanten Harry Buckwitz. Er stellte sich bei einer Schauspielschule vor, wurde abgewiesen und kam auf dem Rückweg nach Hause am Eschersheimer Turm vorbei. Dort befand sich auch das Theater am Turm, dessen Seiteneingang gerade offen stand, weil ein paar Mitarbeiter draußen eine Zigarettenpause einlegten. Kurzerhand ging er hinein und fragte nach Arbeit. Am nächsten Tag durfte er wiederkommen und als Hilfsarbeiter »die Bühne fegen und Nägel gerade kloppen«. Der Wunsch, Schauspieler zu werden, hatte sich aber schon bald verflüchtigt. »Als ich begriffen habe, was das heißt, auf der Bühne zu stehen, war das sofort weg. Außerdem war ich viel zu verklemmt.« Sein Interesse galt vielmehr dem Leben hinter dem Vorhang.

In den nächsten zwei Jahren baute er Kulissen auf, schaltete das Licht und Tonbänder ein, wenn es im Stück gefordert war. Ein erfahrener Bühnenbildner vermittelte ihm viel Hintergrundwissen. So wurde er Inspizient - mit gerade einmal 16 Jahren. »Da dachte ich: Jetzt hast du es geschafft.« Und das an einem Ort, der Theatergeschichte schrieb. Denn es war die Zeit, als Filmgenie Rainer Werner Fassbinder das Haus übernahm und seine berühmte Schauspieltruppe mitbrachte: Gottfried John, Volker Spengler, Margit Carstensen, Irm Hermann, Brigitte Mira. »Die hab ich alle kennengelernt. Es war eine wilde Zeit.«

»Als Schauspieler arbeiten? Dafür war ich viel zu verklemmt«

Doch Fassbinder warf in Frankfurt nach wenigen Monaten hin - und den abenteuerlustigen jungen Kunze zog es hinaus in die Fremde. Als 17-Jähriger nahm er eine Stelle am Theater in Essen an. Morgens stieg er in den Zug, mit einem Koffer und 800 Mark in der Tasche. Um 10 Uhr war die erste Probe - eine Wohnung in der neuen Stadt hatte er da noch nicht. Dafür konnte er weitere Erfahrungen sammeln: »Ich habe da als Inspizient jede Vorstellung gefahren und viel zu Rhythmus, Timing mitgenommen.« So wurde er Regieassistent.

So ging es weiter nach Recklinghausen und Bochum zum legendären Intendanten Peter Zadek. Doch der wurde zwei Jahre darauf von Claus Peymann samt neuem Team abgelöst. Da wurde Kunze von Theaterregisseur Henry Hohenemser angesprochen, der 1979 als Schauspieldirektor nach Gießen ging: »Abdul, kommste mit?« »Er versprach mir eigene Inszenierungen. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen.«

Auch dieses Engagement beschreibt Kunze als eine wilde Zeit. Das Team habe viele künstlerische Freiräume bekommen. Die CDU wollte Stücke verbieten. Hochhuth inszenierte sein Skandalwerk »Juristen«. Eine alte Zigarrenfabrik wurde zur ersten Studiobühne. Und jede Menge Partys gab es auch. Kunze zählt 28 Inszenierungen in acht, neun Jahren auf, die er in der Stadt auf die Beine stellte. Zudem schuf er mehr als 30 Bühnenbilder. »Von morgens bis abends gab es für mich nur das Theater.« Dann ging auch diese Zeit zu Ende.

Es folgten Stationen in Heilbronn und Augsburg. Bis der Familienvater beschloss, ein festes Einkommen zu beziehen, ohne ständig in neue Städte zu ziehen. Er wechselte zu einer Stiftung, die Schulen mit besonderer pädagogischer Prägung und neuen Lehrmethoden finanzierte. An Standorten in Hessen und Thüringen brachte er jugendliche Schüler mit dem Theater zusammen, »manche von ihnen sind Schauspieler geworden«. Kunze gewann mit dieser Arbeit Preise, erzielte öffentliche Aufmerksamkeit - doch »irgendwann hatte ich einen Durchhänger«. So kam er ins Schmidts Tivoli auf der Hamburger Reeperbahn, wo er sieben Jahre blieb. »Danach hatte ich das Bedürfnis, wieder an ein Stadttheater zu gehen. Und ich wollte in die alte Heimat zurück.« Also bewarb sich Kunze an verschiedenen hessischen Häusern.

Und so wurde die neue Gießener Intendantin auf ihn aufmerksam. Sie suchte jemanden, der eine neue Sparte mit Kinder- und Jugendtheater im Stadttheater aufbaut. Im Schlosskeller wurde einige Stunden miteinander über Pläne und Vorstellungen geredet. Dann sagte Cathérine Miville: »Herr Kunze, ich kann mir vorstellen, wir können miteinander.« Daraus sind beinahe 20 Jahre geworden, lacht der Theatermann. »Sie hat mich engagiert, mit ihr gehe ich auch wieder.«

Für Kunze waren es »20 schöne Jahre«. Zumal er es immer wieder geschafft habe, die Schauspieler so zu motivieren, »dass sie mit Lust bei der Sache sind«. Von der Intendantin fühlte er sich dabei stets unterstützt, »weil sie ein Bewusstsein für diese Sparte hat«. Und wie bewertet er nun den durch den Intendantenwechsel ausgelösten Abgang vieler führender Köpfe? »Das ist ein ganz normaler Prozess«, konstatiert Kunze nüchtern. »Ich kenne das nicht anders, habe das schon viermal erlebt.« Theater bedeute eben auch stetige Veränderung.

Wie es nach dem Sommer für ihn persönlich weitergehen wird, steht noch nicht fest. Kunze, der Wohnungen in Frankfurt und Gießen hat, steckt mitten in der Saison und hat »noch immer eine Mordsarbeit« zu erledigen. Was er in Zukunft aber auf keinen Fall will: eine administrative Position. »Früher war ich nur Regisseur und Bühnenbildner, das habe ich genossen.« Und so könnte es wieder werden. »Ich bin offen für Neues, ich bin offen für die Welt.« Und natürlich auch für künftige Aufgaben in Gießen, sollte sich die Möglichkeit ergeben.

Abdul-Majid Kunze , 1954 als Sohn eines aus Schlesien stammenden Imams und dessen pakistanischer Frau in der dortigen Großstadt Multan geboren, zog als Kind mit seiner Familie nach Chicago und weiter nach Deutschland, als der Junge elf Jahre alt war. Kunze wuchs in Frankfurt auf und entdeckte dort als Schüler seine Leidenschaft fürs Theater. Nach ersten Berufserfahrungen dort folgten die Stationen Essen, Recklinghausen, Bochum, Gießen, München, Augsburg, Heilbronn und Hamburg. Seit 1979 arbeitet er im Bereich Regie und Bühnenbild; später kamen theaterpädagogisches und therapeutisches Arbeiten hinzu. Zur Spielzeit 2002/03 kehrte Kunze als Leiter des Kinder- und Jugendtheaters ans Stadttheater Gießen zurück, wo er seitdem zahlreiche Stücke inszenierte. Zum Ende dieser Spielzeit im Sommer scheidet er zusammen mit Intendantin Cathérine Miville aus dem Amt. (bj)

Wie kam Abdul-M. Kunze eigentlich zu seinem außergewöhnlichen Namen? Sein Vater, ein gebürtiger Schlesier, entdeckte den Islam für sich und studierte in Nordafrika Theologie. Als die Nazis dann im Zweiten Weltkrieg große Teile der Region besetzten, ging er nach Indien, wo er als Imam Gottes Wort predigte - und Kunzes Mutter heiratete, eine Pakistanerin. So erhielten Abdul und seine fünf Geschwister alle islamische Vornamen - sowie den sehr deutschen Nachnamen Kunze. »Ich bin irgendwie stolz drauf, das ist eine einmalige Kunze-Kombination«, lacht der 67-Jährige, dessen vollständiger Vorname Abdul-Majid lautet - zu Deutsch: »Dienend der Menschlichkeit«. (bj)

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Auch so kennen ihn die Gießener Theatergänger: als Kunstfigur Erna von Hessen. © Rolf K. Wegst

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