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Er schrieb ein Kapitel deutscher Theatergeschichte: Günther Rühle.

Bedeutender Theatermann aus Gießen gestorben

»Ein Theatermann durch und durch«

Der in Gießen geborene Kritiker und einstige Frankfurter Theater-Intendant Günther Rühle ist 97-jährig gestorben. Spuren hat er auch an der Lahn hinterlassen.

Frankfurt/Gießen (bj/dpa). Der in Gießen geborene Theaterkritiker, Publizist und ehemalige Frankfurter Schauspiel-Intendant Günther Rühle ist vor wenigen Tagen im Alter von 97 Jahren zu Hause in Bad Soden gestorben. Er hinterlässt zwei Kinder und soll nach Angaben seiner Familie in Frankfurt beigesetzt werden. Doch auch wenn die Verbindung zu seiner Geburtsstadt keine sonderlich innige war, hat er auch hier seine Spuren hinterlassen. Dietgard Wosimsky, die Gießener Galeristin und Gründerin der Hein-Heckroth-Gesellschaft, gewann Rühle vor rund 20 Jahren als Redner, der sich auf der Bühne intensiv mit der Person des eine Generation älteren Bühnenbildners befasst hat - wie er selbst ein Gießener, der in Frankfurt ein Kapitel Theatergeschichte geschrieben hat.

Denn auch Günther Rühles Bedeutung für das deutsche Theater ist enorm. Der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Anselm Weber, würdigte den Verstorbenen als »einen der klügsten Köpfe der Nachkriegszeit«. Rühle sei mit Leib und Seele Theatermensch gewesen, Theaterkritiker und -theoretiker. Die Geschäftsführerin im S. Fischer Verlag, Siv Bublitz, bezeichnete Rühle als »wortmächtigen, kenntnisreichen und vielseitigen Kritiker, Autor, Herausgeber, der uns in seinen späten Jahren mit einer ungeheuer anschaulichen Geschichte des Theaters in Deutschland beschenkt hat«.

Rühle wurde am 3. Juni 1924 in Gießen geboren. Er wuchs in Weilburg auf und studierte in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Volkskunde. Ab 1960 war er Feuilleton-Redakteur der »FAZ«, ab 1974 Ressortchef. Zwischen 1985 und 1990 war Rühle Intendant des Schauspiels Frankfurt. In diese Zeit fiel die aufsehenerregende Aufführung von Rainer Werner Fassbinders Skandalstück »Der Müll, die Stadt und der Tod«. Rühle verhalf auch der innovativen Theaterarbeit von Einar Schleef zum Durchbruch. Nach seiner Zeit als Intendant arbeitete Rühle wieder als Publizist.

Zudem schieb er umfangreiche Dokumentationen über die deutsche Theatergeschichte, agierte als Herausgeber, unter anderem von Werken und Briefen von Alfred Kerr und Marieluise Fleißer, und erhielt zahlreiche Journalistenpreise. Seine großen Dokumentationen, darunter »Theater in Deutschland. 1887 - 1945« wurden grundlegend für Erforschung und Nacherleben des Theaters jener Zeit. Rühle war zudem Ehrenpräsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste sowie der Alfred Kerr Stiftung.

Dietlind Wosimsky erinnert sich an eine Begegnung mit ihm vor rund 20 Jahren in seinem Haus in Bad Vilbel, die ihr bis heute eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. »Es war eine berührende Begegnung.« Damals konnte sie Rühle überreden, eine öffentliche Laudatio auf Heckroth anlässlich des gerade ins Leben gerufenen Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises in Gießen zu halten. Zunächst habe er gezögert. »Doch ich habe dann einen Koffer voller Material zu ihm mitgenommen. So konnte ich ihn umstimmen.« Gleichzeitig habe sie »unglaublich bewundert, welches umfangreiche Wissen aus diesem Mann sprudelte. Er war ein Theatermann durch und durch.«

Laudatio auf Heckroth

Bei seiner Gießener Rede im Jahr 2003 anlässlich der ersten Verleihung des Bühnenbildpreises an Erich Wonder, widmete sich Rühle dann dem Namensgeber der Auszeichnung. Rühle nannte es »eine glückhafte Entscheidung, dass mit der Stiftung eines Preises in Hein Heckroths Namen der Kunst des Bühnenbildners endlich ein rühmendes Forum geschaffen ist.« Heckroth habe »durch sein bildnerisches Bühnen-Werk Maßstäbe gesetzt »und durch sich selbst auch Erinnerung gestiftet... Denn: Erinnerung hilft Überleben, nimmt das Gewesene mit in unsere Zukunft und ist auch eine Form der Dankbarkeit, daß einer da war, der unsere Gedanken bewegt.»

Gleiches darf Günther Rühle vor allem dank seiner monumentalen Arbeit zur Theatergeschichte sowie seines zuletzt erschienenen und von der Kritik hochgelobten Memoirenbands »Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch« nun auch für sich selbst beanspruchen.

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