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Ein Trip in die Zukunft

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Das Gießener Zentrum Östliches Europa widmete sich Stanislaw Lems »Sterntagebüchern«. Foto: Schultz © Schultz

Ein Werk des großen Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem wurde als zweisprachige szenische Lesung im Levi-Saal gezeigt: auf Deutsch und auf Polnisch.

Gießen. Witz, Kulturkritik und fantastische Erfindungen bekam das Publikum geboten, als das Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) der Liebig-Universität am Donnerstagabend eine zweisprachige, szenische Lesung aus einem Werk des Science-Fiction-Weltautors Stanislaw Lem (1921-2006) inszenierte. Ausschnitte aus den »Sterntagebüchern« des polnischen Schriftstellers machten den Auftritt zu einem interessanten Trip.

Der Clou des Abend war, dass alles zweisprachig ablief. So wurden die Texte teils polnisch und teils deutsch vorgetragen, während auf der Leinwand des Levi-Saals die Übersetzung zu lesen war oder eine Illustration aus einem Buch Lems erschien.

Stanislaw Lem, wurde 1921 im polnischen Lwów, dem heutigen L’viv in der Ukraine geboren; er starb 2006. Nach einem Medizinstudium landete er 1945 in Krakau. Mehr und mehr verlegte er sich fortan aufs Schreiben und wurde zu einem der bekanntesten Science-Fiction-Autoren des Jahrhunderts; er machte sich auch einen Namen als Essayist und Philosoph.

Offiziell ging es an diesem Abend um die Schriften des Raumfahrers Ijon Tichy, der in den »Sterntagebüchern« einige witzige Abenteuer erlebt. Mit der Einführung durch »Prof. zool. astr. A. Tarantoga« begann die Vorstellung in fünf Teilen. Dazu gehörte zunächst ein Dialog, in dem eine polnisch sprechende Abgeordnete einer Art intergalaktischer Föderation mit einem Erdbürger Details des Aufnahmeverfahrens besprach (»Eine herrliche Sache, die Menschheit!«). Da wanderte der Zuschauerblick jedoch ständig auch von den anderen kostümierten Spielern weg: Man las auf der Leinwand mit und fiel aus dem szenischen Geschehen heraus. Ein Vorgang, der sich durch die Lesung zog, und damit den Spaß ein wenig bremste.

Unüberhörbar waren jedoch die wunderbaren Sottisen und verspielten Spezialausdrücke, die der einfallsreiche Autor fand. Die Atomenergie hatten die Menschen da noch nicht etwa zur Behebung irdischer Mängel eingesetzt, sondern nur zum Bombenbauen. Man spürte förmlich die Verwunderung der Fremden. Außerdem ging es um die »elektronische Überarbeitung der Vergangenheit« mit dem Ziel, die Dinge zu verbessern, eine charmante Idee. Oder um »die Abhängigkeit des Verwandtschaftsgrads von der Geschwindigkeit«.

In der Zeitschleife

Lem war ein grenzenlos vielseitiger Autor und Denker, der sich im Gewimmel von Paradoxa wie ein Fisch im Wasser bewegte und ganze Szenen mit der Thematik etwa einer Zeitschleife füllte, ein Thema, das für reichlich Verwirrung des Publikums sorgen kann. Doch Lem konnte es packend in Worte fassen: in einer späteren Szene bekommt er Besuch von sich selbst, aus der Zukunft.

Fröhliche Konfusion zeichnete die Szene 5 aus, offiziell den Wettbewerb zweier Waschmaschinenhersteller, in der sich jemand auf das Ein-Millionenfache vergrößert hat. Ein anderer (?) Mensch weilt da auf einem Planeten, der er selbst ist - bei Lem gibt’s das und noch ein paar andere schön verrückte Einfälle.

Die Darsteller mühten sich auf der Bühne redlich, die Textüberfülle blieb anstrengend, aber insgesamt war es ein interessanter, definitiv aparter Abend. Seine Originalität und der humanistische Ansatz machen Lem zu einem sympathischen, kritischen Betrachter der Zeit, auch wenn der enorme Fluss von Ideen seine Texte zuweilen etwas unübersichtlich macht. Am Ende wird jedoch das Gefühl geweckt, gleich noch einmal nachzuschauen, ob man nicht etwas von Stanislaw Lem im Buchregal stehen hat.

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