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»Ein überzeugter Nationalsozialist«

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Prof. Volker Bank aus Chemnitz widmet sich in Gießen der Geschichte der Wirtschaftspädagogik und dabei insbesondere der Rolle von Friedrich Feld.

Gießen . Mehrere Jahrzehnte trug die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) den Namen Friedrich-Feld-Schule. Der Professor für Wirtschaftspädagogik zählte zu den Pionieren der Handelsschulausbildung und genoss in seiner Disziplin lange Zeit Renommee. Dann fiel auf: Er war auch ein überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten. Wie also mit dem historischen Erbe umgehen? »Es ist wichtig, sich inhaltlich mit der Geschichte der Schule auseinanderzusetzen«, betonte deren Leiterin Annette Greilich anlässlich eines Gastvortrages zum 100-jährigen Schuljubiläum. Dabei widmete sich Prof. Volker Bank von der Technischen Universität Chemnitz der Frage »Die Geschichte der Berufs- und Wirtschaftspädagogik - ein zu braunes Feld?«

Der Referent blickte auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Akteure dieses Fachbereichs und vor allem auf Friedrich Feld. Wem anhand des Titels die möglicherweise verdrängte Erinnerung an Theodor Fontanes Werk »Effi Briest« in den Kopf kommt, dem sei versichert: Volker Bank wusste diese Anspielung klug zu nutzen. Fontane schrieb einst: »Das mit der Kreatur, damit hat’s doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld.« Wie der Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik verdeutlichte, sei auch die Vergangenheit des früheren Namensgebers ein kontroverses und weites Feld. Der habe »als erster ordentlicher Professor für Wirtschaftspädagogik die später nach ihm benannte Schule nicht nur verwaltet, sondern mitgeprägt und vorangetrieben«. 1887 geboren, wurde Feld mit 36 Jahren Schulleiter und nutzte die Umbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreichs aus, um für liberalere Gedanken in der Schulpolitik einzutreten. Später begann er allerdings, mit den Nazis zu sympathisieren; im Jahr 1939 unterschrieb er eine Solidaritätsadresse an Adolf Hitler. »Feld war am Ende seines Lebens überzeugter Nationalsozialist. Daran gibt es keine Zweifel«, attestierte Volker Bank. Vielleicht sei der Pädagoge zuvor »nur« ein Deutschnationaler gewesen, aber zum Ahnherren für eine ganze Zunft und als Namenspatron tauge Friedrich Feld nicht.

Als Gegenpol verwies der Hochschullehrer auf Theodor Franke, den einige Jahre älteren Erfinder der Wirtschaftspädagogik. »Franke war Bürgerschullehrer. Die ganzen Gymnasiallehrer haben ihm und seinen Ideen wenig Interesse entgegengebracht. Eine Idee war, dass das Fach Wirtschaft an allen Schulen thematisch behandelt werden sollte«, skizzierte Volker Bank. Franke habe sich dabei auf die sogenannte »Sozialerziehung« bezogen, die sich auf Charakterstärke und nicht etwa auf Funktionalismus konzentrierte. »Disziplinen wie etwa Altgriechisch seien demnach zu vernachlässigen. Sie können sich vorstellen, dass die Gymnasiallehrer nicht begeistert waren.«

»Es geht hier nicht um Relativierung«

Wie aber war die Situation der Berufs- und Wirtschaftspädagogen im »Dritten Reich«? »Die, die was zu sagen hatten, waren ziemlich braun. Es geht hier nicht um eine Relativierung, auch nicht nach dem Krieg. Jeder verantwortet sein eigenes Denken und Handeln. Aus national wurde christlich, aus völkisch wurde katholisch. Es war alles sehr NS-dominiert«, so Bank. Nichts an der Demokratie sei ein für allemal gegeben, das unterstreiche insbesondere die NS-Herrschaft. »Wir als Lehrer müssen uns die Indoktrination von Ungewissheiten zur Aufgabe machen.« Dennoch sei es kompliziert, wenn nach dem Schema des Buchs »1984« von George Orwell Namen aus der Erinnerung getilgt würden.

Gleichzeitig stehe Friedrich Feld paradigmatisch für die Farbe grau in einer schwarz-weißen Welt. »Er passt nicht in ein Schema. Er hat seinen Fachbereich aufgebaut, hat sich den Nazis angeschlossen und hat deren Denke in sein Wesen integriert. Ist Feld also zu braun? Nun, er hat sich mutmaßlich nicht an Deportationen beteiligt, aber hat sich dennoch für die neue Ideologie offen gezeigt. Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld.«

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