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Ein ungewöhnlicher Schritt

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Von: Albert Mehl

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Propst Matthias Schmidt geht - aber nicht in den Ruhestand. Foto: Hartmann © Hartmann

Matthias Schmidt wechselt von der Propstei Oberhessen zur Basisarbeit im Nassauer Land. Seine Entpflichtung findet am Sonntag in einem Gottesdienst in der Marienstiftkirche Lich statt.

Gießen. »Und wenn Du gehst, dann geht nur ein Teil von Dir.« So sang Peter Maffay 1974 in dem Lied »So bist Du«. Da war Matthias Schmidt noch ein Schuljunge. Jetzt geht er. Aber nicht in den Ruhestand. Dafür ist der 1964 geborene kirchliche Amtsträger noch zu jung. Wie bereits seit längerem angekündigt, beendet Schmidt am 31. Oktober seine Tätigkeit als Propst für Oberhessen in den Evangelischen Kirchen von Hessen und Nassau (EKHN). Er wird sich am Sonntag (30. Oktober) in der Marienstiftskirche Lich als Leiter der Evangelischen Propstei Oberhessen entpflichten lassen.

Und wechselt in seine Heimatregion im Westen der Landeskirche, in das Dekanat Nassauer Land. Ab dem 1. November ist Matthias Schmidt mit einer halben Stelle als Klinikseelsorger im Katholischen Krankenhaus Lahnstein tätig, vor allem in der dortigen Psychiatrischen Tagesklinik; mit einer weiteren halben Stelle in Nassau in einer Einrichtung für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Ein eher ungewöhnlicher Wechsel, der bei vielen Freunden und Bekannten für Aufsehen sorgt, wie er erzählt. »Ich finde das sehr spannend. Dort werde ich mit Menschen arbeiten, die eher als kirchenfern einzustufen sind«, ist Schmidt Vorfreude wie Spannung gleichermaßen anzumerken.

Der Wechsel wird gravierend sein, nicht nur für seinen Geldbeutel. Das ficht den scheidenden Propst aber nicht an. »Die Arbeit an der Basis ist ganz wichtig«, hat er neue Prioritäten gesetzt für die voraussichtlich letzten zehn Berufsjahre. »Das sind doch alles Ämter auf Zeit«, relativiert er den Umstieg aus seiner Sicht, nachdem er, im Frühjahr 2010 als Nachfolger von Klaus Eibach berufen, etwas über zwölf Jahre als Propst für die Region Oberhessen mit Amtssitz in Gießen tätig war.

Die EKHN hat fünf Propsteien installiert als organisatorisches Bindeglied zwischen der Zentrale in Darmstadt und den Dekanaten. Neben Oberhessen sind das noch Rhein-Main, Starkenburg, Nord Nassau sowie Rheinhessen und Nassauer Land. »Zum einen war ich Teil der Kirchenleitung, aber gleichzeitig auch Stimme der Region«, blickt Matthias Schmidt zurück.

Mit der Corona-Zeit sei der Entschluss zu dem ungewöhnlichen Schritt gereift. »Da habe ich mich gefragt, was ich beruflich noch machen will.« Er sei zu der Erkenntnis gekommen, mehr im Gestaltungskontext denn in Leitungsfunktionen tätig sein zu wollen. Auf die neuen Stellen habe er sich ganz normal beworben, es habe keinen Propst-Bonus gegeben. »Ich bin gespannt, wie es funktioniert.« Ein Sprung ins kalte Wasser wird es aber nicht sein. Zum einen hat er bereits ein Coaching in Anspruch genommen. Daneben will er die nächste Zeit im neuen Metier hospitieren und Fortbildungen wahrnehmen.

Zuletzt sei er viel als Brückenbauer tätig gewesen, erzählt er beim Pressetermin. Als Brückenbauer zwischen der Gesamtkirche und der Region, die ja in den Landkreisen Gießen, Oberhessen und Wetterau immerhin etwas über 300 Kirchengemeinden und 300 000 Mitglieder umfasst. »Als Propst ist man unendlich viel unterwegs«, blickt Matthias Schmidt auf eine durchschnittliche Summe von 45 000 gefahrenen Kilometern im Jahr. Und hat die Erfahrung gewonnen, dass »viel kommuniziert werden« müsse, in Zukunft »noch mehr«, gerade im Blick auf den strukturellen Organisationswandel der Evangelischen Kirche unter dem Stichwort »EKHN 2030«.

Eine Erkenntnis hat sich ihm in den vergangenen Jahren dabei aufgedrängt: Dass die Kirche »kleiner, frommer und politischer« werden wird. Unabhängig von der Parteipolitik müsse Kirche zusammen mit der Diakonie Gesellschaft gestalten, sagt er und weist auf die Beispiele Tafel, Sonntagsschutz und Gemeinden mit Kirchenasyl hin. Deshalb erwartet Schmidt, dass Kirche noch mehr für eine »lebenswerte Welt eintreten« müsse.

Das nimmt der scheidende Propst auch für sein langjähriges Wirken in Anspruch. Im Blick zurück freut er sich, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften in der Kirche angekommen seien (und diese damit auch zum Wandel in der Gesellschaft beigetragen habe) und dass die Kirche in der Corona-Zeit viel geleistet habe. Besonders in Erinnerung werden ihm aber die Reisen zu den Partnergemeinden bleiben, nach Indien, Israel und in den Libanon. »Von denen können wir unendlich viel lernen«, verbucht er zudem den Einsatz in Gießen für die jüdische Gemeinde und die daraus resultierende Zusammenarbeit auf der Habenseite.

Matthias Schmidt hofft, dass seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger »mit neuer Energie« ans Werk gehe, denn er habe viele junge Kräfte in der Kirche mit vielen neuen Ideen kennengelernt. Sein Wunsch ist, dass die neue Pröpstin oder der neue Propst von der nachfolgenden Generation aus denke.

Die Stelle ist ausgeschrieben, die Wahl soll im April 2023 stattfinden und der Amtsantritt wird wohl im Sommer nächsten Jahres liegen. Bis dahin ist Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer aus Herborn als Vakanz zuständig. Und Matthias Schmidt kann überprüfen, welcher Teil von ihm in Gießen bleibt, wenn er ab dem 1. November zu neuen Ufern aufbricht.

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