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»Ein wunderbares Publikum«

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Premiere geglückt: Die Berlinerin Anette Daugardt stellte ihre Version von Stefan Zweigs Novelle vor. Foto: Czernek © Czernek

Premiere in Gießen:Die Berliner Schauspielerin Anette Daugardt war mit der szenischen Lesung von Stefan Zweigs Novelle um eine fatale Liebesbeziehung zu Gast in den Marktlauben.

Gießen . Ein einzelnes Erlebnis kann das ganze Leben verändern. Davon erzählt Stefan Zweig in seiner Novelle »24 Stunden aus dem Leben einer Frau«, einem literarischen Kleinod, das leider viel zu häufig übersehen wird. Umso erfreulicher ist es, wenn sich eine erfahrene Schauspielerin sich dieses Textes annimmt und ihn zudem noch brillant vorträgt. So geschehen am Sonntag in Gießen. Im Rahmen der Reihe »Eine(r) liest« stellte die Berlinerin Anette Daugardt ihre Interpretation der 1927 erschienen Geschichte vor.

Die Novelle Zweigs handelt von der Lebensbeichte einer älteren Frau, die einer dritten Person berichtet, wie sie sich vor vielen Jahren - gerade verwitwet - leidenschaftlich in einen deutlich jüngeren Mann verliebte und im Sog dieser Leidenschaft bereit war, alles hinter sich zu lassen - bis sie erkannte, dass sie getäuscht wurde. Sie rettete dem Mann das Leben, verbrachte eine Nacht mit ihm. Doch er, ein Spieler, nahm zwar Geld von ihr, um seine Schulden zu bezahlen. Doch dabei verspielte er sein Leben - im wahrsten Sinne des Wortes.

Aktuell und brisant

Ein Thema, das heute genauso aktuell und brisant ist, wie es damals war. Anette Daugardt gelingt es in den Marktlauben, das Publikum von Beginn an einzufangen. Sie liest den Text nicht, sondern hat ihn verinnerlicht, trägt ihn als Monolog mit einem enormen Feingefühl für die Sprache Stefan Zweigs vor, der sich vor 80 Jahren nach der Flucht vor den Nazis in Brasilien das Leben genommen hat.

Die Schauspielerin wird bei ihrem Auftritt, einer öffentlichen Premiere, zu jener Frau, deren Leben sich nachhaltig verändert hat. Denn nach dieser einen Nacht kann sie nicht mehr in ihre alte bürgerliche Existenz zurückkehren. Nicht nur sie hat diesem Mann das Leben gerettet, sondern auch er hat ihr ihres wieder zurückgeben, wenngleich diese Beziehung zu keinem Happy End führt. So legt es Anette Daugardt aus, deren Darstellung sich auf die Kernhandlung der Novelle konzentriert.

Publikum wird zum Unbekannten

Das Publikum wird dabei zu jenem Unbekannten der Erzählung, dem sie ihre Geschichte erzählt. Die Berliner Schauspielerin macht das so glaubhaft, dass man als Zuschauer fast vergisst, dass es sich hier um eine Umsetzung eines literarischen Textes handelt. Taktisch kluge kleine Zwischenparts setzt Daugardt durch das Anspielen verschiedener Lieder, etwa von Leonard Cohen oder das gehauchte »Je t’aime mon amour« von Jane Birkin und Serge Gainsbourg. So gelingt es ihr, Gefühlslagen auf den Punkt zu bringen, ohne sie selbst auszuformulieren, denn - bei allen Kürzungen und sprachlichen Modulationen - der Text stammt natürlich von Stefan Zweig, auch wenn sie ihm Stimme und ein Gesicht verleiht.

Die Marktlauben mit ihrer Intimität boten den idealen Aufführungsort für diese kleine, feine Produktion. Daugardt, die schon häufiger Gast des Krimifestivals in Gießen war, hatte sich für die allererste Präsentation ihrer Zweig-Adaption die Reihe »Eine(r) liest« gewünscht. Diesem Wunsch sind Veranstalter Uwe Lischper und sein Team gerne gefolgt. »Gießen hat ein wunderbares Publikum. Es ist so aufmerksam und konzentriert«, lobt die Künstlerin im Anschluss. Bange ist ihr nach dieser Vorstellung nicht, denn nun hat sie einen Hinweis, dass das Stück auch in Berlin funktionieren wird. Dort betreibt Daugardt gemeinsam mit Uwe Neumann das KantTheater.

Die Reihe »Einer liest« hat sich längt zu einem sonntäglichen Geheimtipp für Literaturbegeisterte entwickelt. Die Plätze unter den Marktlauben wurden schnell knapp, so dass weitere Stühle aufgestellt werden mussten. Das Budget der kostenlosen Lesevormittage ist allerdings knapp, daher weist Veranstalter Uwe Lischper darauf hin, dass sich jeder seine eigene Sitzgelegenheit mitbringen kann.

Zur Reihe zählt auch wieder ein Büchermarkt. Die Stände sind ausschließlich privaten Anbietern vorbehalten, denen die Tische kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Uwe Lischper hofft, dass dieses Angebot künftig wieder vermehrt genutzt wird.

Die nächste Folge der Reihe bestreitet am Sonntag, 14. August, um 11.30 Uhr das Marburger Duo Timon & Jelena Herder . Unter dem Titel »Das Leben ist eine Polaroidkamera« gibt es Lieder und Texte mit Percussions und Piano. Es geht um Momentaufnahmen des Lebens mit schweren und leichten Tönen.

Weitere Informationen unter: www.einerliest.de. ( bcz)

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