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Einäugige Schönheit

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Die Einbeere fällt durch ihr besonderes Erscheinungsbild auf. Insekten sollen an der Bestäubung der Blüten beteiligt sein. © Larve

»Paris quadrifolia« ist die Blume des Jahres 2022, gewählt von der Loki-Schmidt-Stiftung. Die giftige Einbeere ist auch in Wäldern rund um Gießen zu finden.

Gießen. Die von der Loki-Schmidt-Stiftung zur Blume des Jahres 2022 gewählte Einbeere ist auch in Gießens Wäldern zu finden. Selbst dem, der sich nicht für Pflanzen interessiert, kann sie dort auffallen. Das liegt an ihrem ungewöhnlichen Erscheinungsbild.

Aus einem horizontal durchs Erdreich kriechenden Spross schiebt sich ein bis zu 30 Zentimeter langer, kahler Stängel in Richtung Himmel. Alle Pflanzen, die einem unterirdischen Spross entspringen, sind genetisch identisch. Erst ziemlich weit oben tauchen am Stiel vier elliptische netzadrige in einem Quirl angeordnete saftig grüne Laubblätter auf. Wobei der Verlauf der Blattadern für ein Liliengewächs ziemlich untypisch ist.

Verführerischer Fruchtknoten

Ein Stück darüber balanciert auf der Stängelspitze eine einzelne Blüte, die aus unauffälligen grünen Blütenblättern und ebenso gefärbten Staubblättern besteht. Umso auffälliger ist in der Mitte ein dunkelbläulich, verführerisch glänzender Fruchtknoten mit vier ebenso gefärbten Narben. Obwohl keine Gestankstoffe gebildet werden, könnte dieses Blütenorgan Aas vortäuschen, um Aasfliegen anzulocken, so eine Vorstellung. Oder die Existenz von Nektar vorgaukeln, denn die Blüten sind nektarlos. Bei dieser Gelegenheit kommt es dann durch die Fliegen zur Bestäubung der Blüten, die ihre Besucher lediglich mit Blütenstaub abspeisen.

Allerdings soll auch der Wind bei der Bestäubung eine Rolle spielen. Das Ergebnis der Fliegentäuschaktion bzw. des Windes ist eine einzelne, blauschwarze Beere, die den Namen Einbeere für die Pflanze einleuchtend erklärt. Für die Verbreitung des Krautes über die Samen sollen dann Vögel, Mäuse und Ameisen verantwortlich sein.

Die Herkunft des wissenschaftlichen Namens Paris quadrifolia bleibt dagegen unbekannt. Romantiker führen die Ableitung auf die griechische Mythologie zurück. Danach soll sich in der Morphologie der Pflanze symbolisch der Gott Paris mit den Göttinnen Athene, Hera und Aphrodite widerspiegeln, die sich um den Eris-Apfel scharen. Nüchtern betrachtet könnte sich der Name aber auch vom lateinischen »par« (gleich) ableiten, wegen der gleichförmigen Anordnung der Blätter.

Während es sich hier also noch um einen echten Zankapfel handelt, sind die vielen Volksnamen wie Sternkraut, Augenkraut, Sauauge, Wolfs-, Fuchs-, Gift-, Pest- oder Teufelsbeere und Kleine Tollkirsche leicht zu erklären. Da man in der Frucht wahlweise einen Augapfel oder eine Pestbeule sah, musste die Pflanze nach den Regeln der Signaturlehre bei Augenerkrankungen und der Pest helfen. Für Lonicerus (1679) handelte es sich aber um ein Wundermittel. Er berichtet von Kranken, »deren etliche lange Zeit hefftig zu Bette schwach gelegen/ etliche auch gar im Haupt verruckt und doll gewesen«, nach Anwendung von Einbeerenextrakten nach 20 Tagen bereits wieder gesund waren. Zu der damaligen Zeit galt die Pflanze auch als Gegengift bei Arsenvergiftungen.

Mit Heidelbeeren zu verwechseln

In seinem Buch beschreibt Lonicerus ein Experiment, bei dem man zwei Hunde zunächst mit »Arsenicum« vergiftete und einem dann das Gegengift aus der Einbeere verabreichte. Der behandelte Hund war »bald wider lustig worden/ der andere aber/ welcher nichts darvon bekommen/ sey gestorben«. Eine riskante Anwendung, denn die in allen Teilen der Einbeere vorkommenden Saponine gelten als giftig. Die Pflanze zählt daher zu den Giftpflanzen, die besonders Kinder anspricht, von denen die Beere mit Heidelbeeren verwechselt werden könnte.

Mit der Wahl dieser Pflanze zur Blume des Jahres soll auf die Bedeutung naturnaher Wälder hingewiesen werden. Wer die Einbeere in Gießens Wäldern nicht entdeckt, kann sie sich auch im Botanischen Garten anschauen.

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