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Einblicke in Gedankenwelten

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Eine sehenswerte Schau mit ganz unterschiedlichen Werken. Dieses große Wandbild hat comichafte Elemente. Fotos: Schultz © Schultz

»Déjà-vu« am Unteren Hardthof Gießen: Willy-Brandt-Schüler gewähren mit der Ausstellung Einblicke in ihre Gedankenwelten. Eine Schau mit ungewöhnlichen Kontrasten und eigenwilligen Werken.

Gießen. Eigentlich schon eine Tradition: Die Lernenden der Fachoberschule Gestaltung der Willy-Brandt-Schule (WBS) zeigen auch dieses Jahr wieder die künstlerischen Ergebnisse eines Projekts in der Galerie des Unteren Hardthofs. Aufgrund technischer Probleme wird diesmal der ehemalige Brauereikeller auf dem Anwesen nicht bespielt. Die Schau in der Galerie bietet jedoch einen volltauglichen, hochattraktiven Überblick mit den gewohnten Kontrasten. Heute um 19 Uhr ist Eröffnung.

Landrätin Anita Schneider wird begrüßen, einige Lernende werden die Hintergründe ihrer künstlerischen Arbeiten erläutern und etwas Musik machen. Das selbst gewählte Thema war diesmal »Déja-vu«. Dazu setzte man sich im Kunstunterricht zunächst mit dem Thema auseinander. Im Rahmen des Unterrichts bei Politiklehrerin Simone Löffler beschäftigten sich die Schüler mit Problemstellungen der Gesellschaft und Politik.

Während des Schuljahres entwickelten die Lernenden Ideen zu eigenen gestalterischen Arbeiten um, unterstützt durch Kunstlehrer Wennemar Rustige und Simone Löffler, stimmige künstlerische Darstellungsformen zu finden. Dabei hatten sie völlige Freiheit und fanden auch andere gesellschaftliche Themen.

Die keineswegs beengte Zusammenführung aller Arbeiten in der Galerie bringt, zusammen mit der kompetenten Inszenierung von Werken und Raum, zugleich eine gewisse Verdichtung des Gesamteindrucks mit sich. Die inhaltliche Motivation der Akteure ist in den Arbeiten deutlich spürbar. Ein typischer Aspekt war die Erinnerung an die Kindheit. Das ist bei Sophia Müller-Ahlheim eine reale Holztür, auf der sie in gewisser Weise collagenartig Erinnerungen und wiederkehrende Bilder ihres bisherigen Lebens zeigt. Und Anna-Lena Zborschil hält oben auf einer Papierrolle ihr persönliches, sich immer wieder in verschiedenen Facetten wiederholendes Gefühlschaos fest - mit ganz unterschiedlichen Techniken. Sie zeigt ein überbreites Wandbild mit eindrucksvoller inhaltlicher Dichte. Auch die Umwelt ist Thema: Lilli Orth konfrontiert eine intakte grüne Umwelt mit der glatten, ausdruckslosen Architektur der Gegenwart und fragt, ob in der Vergangenheit unsere Zukunft liegen könnte.

Manche Arbeiten weichen selbstbewusst vom Thema ab und entwickeln sich in teils sehr beachtliche, rein darstellerische Formen. So etwa Berfin Demirs Gemälde »Orakel«. Das Triptychon zeigt bei aller fotorealistischen Darstellung einen ganz klaren persönlichen Stil und eine große Ausdruckskraft. Neben der inhaltlichen Ebene treten zuweilen klare expressive Arbeiten hervor, etwa der eindrucksvolle »Spiegel« (oben), eine streng grafische räumliche Arbeit, die Proportionen und Farbwerte zu einer hochästhetischen Komposition zusammenführt. Dazu gehört auch ein weibliches Porträtgemälde, das einen abstrahiert dargestellten weiblichen Oberkörper gestalterisch aus seinen Proportionen löst und ins ganz Abstrakte überführt (Treppenaufgang).

Auch dieses Mal befassen sich einige Arbeiten vorwiegend mit Textelementen, und nicht allen ist ihre inhaltliche Richtung sofort anzusehen, so etwa der Figur im Untergeschoss. Andererseits finden sich in den jeder Arbeit zugeordneten Texten auch bemerkenswert poetische Ansätze und ungewohnte Gedanken - die Schülerinnen und Schüler sind offenbar in einem umfassenden Prozess in die Thematik hineingewachsen und haben eigene Wege gefunden, nicht selten in beiden Formen.

Am eindrucksvollsten wirkt Anna-Lena Zborschils Wandbild im Obergeschoss. Es ist zum einen eine mutige Offenbarung sehr persönlicher Seelenzustände. Zugleich fand sie eine variationsreiche darstellerische Form, in der mehrere Tableaus vereint sind, die bei aller Seelenpein auch eine comicorientierte, expressive Gestaltungssicherheit belegen.

Es ist wieder eine sehenswerte Schau, wenn es auch schade ist, dass der stets erlebnisreiche, etwas unheimliche Ausflug in die Unterwelt der Brauereikeller dieses Jahr entfallen musste.

Nur an diesem Samstag und Sonntag ist die Schau von 13 bis 18 Uhr zugänglich. Um 16 Uhr findet eine Führung, begleitet von den Schülerinnen und Schülern statt. Am Montag, 13. Juni, kann die Ausstellung auf Anfrage (0175-4022750) auch von Schulklassen besucht werden.

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Abstrakt und farbenfroh. © Heiner Schultz

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