1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Eindeutig und klar positioniert

Erstellt: Aktualisiert:

Zum Leserbrief von Bruno W. Reimann über Ria Deeg: Professor Reimann fordert, sich mit den »auf Stalin bezogenen Äußerungen und Bekenntnissen der Ria Deeg« auseinanderzusetzen und diffamiert Gießens bekannteste Widerstandskämpferin gegen den Faschismus zum wiederholten Male als Stalinistin. Tote können sich gegen Ehrverletzungen nicht mehr wehren, Ria hat sich jedenfalls zu ihren Lebzeiten eindeutig und klar positioniert.

Nachlesbar in »Links, wo das Herz ist« einem Sammelband von Lebensgeschichten aus der ArbeiterInnenbewegung an Lahn und Dill, herausgegeben 1996 von der Geschichtswerkstatt Gießen/Wetzlar.

Auf die Frage von Marianne Peter: »Gab es in den Jahren während des Krieges irgendetwas, was Sie zweifeln ließ an Ihrer politischen Überzeugung?«, antwortete Ria: »Sie meinen den Hitler-Stalin-Pakt? Das ist für einen Nicht-Kommunisten schwer verständlich. Ich sehe immer ganz erstaunte Augen, wenn ich das sage, aber mein Vertrauen in Stalin, dass er diese Schlacht gegen Nazismus und Faschismus gewinnen würde und dass dies für uns die Befreiung bedeutet, war in mir so groß, dass ich mir nicht vorstellen konnte, er würde über irgendwelche Länder und Menschen verhandeln. Den Eindruck hatte ich nicht erst seit dieser Zeit, den hatte ich schon vorher. Die Menschen der Sowjetunion haben im Grunde genommen, so wie sie früher den Zaren als Väterchen verehrt haben, auch Stalin verehrt. Ich möchte behaupten, ein ganz kleines bisschen hatten wir davon auch. Für uns war Stalin das Vater-Idol oder was weiß ich, der uns von all dem Ungemach befreit und einfach nicht schlecht sein kann, der nur das Beste will und das Beste tut. Als die ersten Nachrichten kamen von Morden, habe ich nicht soviel davon geglaubt, sondern mir gesagt, das ist alles Propaganda. Wir waren ja auch so geschult letzten Endes, dass alles, was negativ war, vom Klassenfeind hereingetragen wurde und damit war für uns der Fall erledigt. Du kannst das Dummheit nennen, aber so war es. Hinzu kam, dass man doch sehr schlecht an wirkliche Nachrichten herankam. Die Informationen kamen um sechs Ecken, so dass wir immer gesagt haben, das kann doch unmöglich stimmen. Später war man klüger, aber das hat Jahre gedauert. Zu dieser Zeit, während des Faschismus, jedenfalls nicht. Vielleicht war das auch ein Teil Selbsterhaltungstrieb. Stell dir mal vor, wir hätten daran zweifeln müssen. Wir wären in die größten Depressionen gefallen. Wir wollten nicht glauben, dass es so etwas gibt. Das ist meine Erinnerung. Andere Leute werden das anders beurteilen.«

Dieter Bender, Wettenberg

Auch interessant