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Eindrücke eines Radfahrers

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Von: Karsten Zipp

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Hier, zur Auffahrt auf den Ring, wird es für Radfahrer besonders brenzlig. Foto: Zipp © Zipp

Lahnbrücke, Hessenhallen, Philosophenweg: Eine teils ernste, teils spaßige Fahrt über die schlimmsten Kreuzungen in Gießen.

Gießen. Wo der Tannenweg in die Philosophenstraße übergeht, grüßt der Sterbewald. Zumindest die Radfahrer mit einem hämisch einladenden Grinsen. Dort liegt der Parkplatz der Arbeiterwohlfahrt, der vielleicht eine kleine Straße ist, vielleicht aber eben doch nur ein Abstellort für Autos. Eigentlich völlig egal, was das 50 Meter lange Stück Asphalt darstellt - wer mit seinem Benzinverbrenner von diesem Straßenparkplatz auf Philosophenstraße oder Tannenweg abbiegt, hat Vorfahrt. Glaubt er wenigstens. Hat er aber nicht. Da weder bei Parkplatz noch bei Straße, die mit einem Bordstein endet, irgendeine Rechts-vor-Links-Regel gilt. Vielleicht woanders. Vielleicht in Wales. Vielleicht in Thailand. Nicht in Gießen.

Aber der Glaube versetzt nicht nur Berge. Der Glaube versetzt auch die Stimmlage in solchen Höhen, dass mich neulich nicht zum ersten Mal wieder ein lenkradrotierender Wutbürger anbrüllte, als er mir die Vorfahrt nahm, da ich mit dem Rad vorbei wollte. Für manche liegt die Fahrschultheorieprüfung nicht nur viel zu weit zurück, sondern scheint auch noch in einem großen Fass bayerischen Starkbiers versenkt worden zu sein. Recht hat eben, wer in einer Tonne Stahl sitzt. Und Rücksicht ist sowieso was für Weicheier. Und nur Weicheier fahren Rad. Ist doch klar.

Ist halt ne blöde Stelle am Philosophenwald. Ist eigentlich kein Aufhebens wert. Wäre durch ein einfaches Schild zu klären. Einfach aber geht halt nicht. Erst wenn jemand angefahren wird, ändert sich was. Dann aber durch Bundesverordnung 08/15, die auch die Vorfahrt von Schneewittchen vor den sieben Zwergen regelt.

Und wer sich mal wie Schneewittchen gegen die siebzig Kolosse fühlen will, der radelt die Eichgärtenallee durch bis zur Auffahrt auf den Gießener Ring. Meine absolute Lieblingsstelle! Meine wöchentliche Mutprobe gegen die die Aufnahmeprüfung bei den ganzkörpertätowierten Einzelkämpfern der Fremdenlegion oder den Stiernacken der Navy Seals wie der Häuschenmaltest im Waldkindergarten daherkommt. Aber sachlich bleiben! Unbedingt sachlich!

Also an diesem verkehrstechnischen Waterloo muss der Radfahrer die Zufahrt zum Ring überqueren, während von hinten, von vorne und von der Seite Autokolonnen ein-, ab und wegbiegen, die von der 50 km/h-Marke so weit entfernt sind wie die Formel 1 von einem Bobbycar. Wem es aber gelungen ist, die eine entscheidende Lücke im Verkehrsstrom zu erspähen und weiterzuradeln, wird belohnt. Belohnt mit der nächsten Mutprobe.

Wenn er denn so dreist ist, zum Discounter hinter dem neuen Kreisel an der Auffahrt gen Marburg zu fahren. Auch hier gilt: Wer mit dem Rad über die Straße will, braucht Dreierlei: Ein gutes Gebet, eine freundliche Krankenkasse und die letzte Ölung. Auch hier gilt nämlich: Keine Ampel, keine Vorfahrt für Radler, kein gar nichts. Hier gilt nur die Moral, die sagt, wer zum Discounter oder Autohändler radelt, ist auch selber Schuld.

Dafür lauert die Belohnung auf dem Rückweg. Zurück gen Eichgärtenallee. An der Kreuzung zum Ursulum liegt der technische Fortschritt. Eine Ampel! Und sogar eine Ampel, die auf Knopfdruck den Weg für Zweiräder auf grün schaltet. Wow! Warum wiederum nach dem Knopfdruck erst alle Autofahrer solange Vorrang haben, das ein durchschnittlicher Teenager seine Mathe-Hausaufgaben erledigen kann, wenn er das denn täte, ist eine andere Frage. Warum dann auch alle Fuß- und Radampeln gleichzeitig grün werden müssen, ist zudem eines der Rätsel der Menschheit, mit dem einst Erich von Däniken ganze Hallen füllte.

Yin und Yang

Aber wo wir schon beim Thema Zeit sind. Beschäftigen wir uns doch noch kurz mit der Entdeckung der Langsamkeit. Mit der Frage, ob sich die Mysterien der Galaxie vor dem Warten einer roten Ampel nicht doch lösen lassen. Exakt für diese Problemstellung hat Gießen nicht nur ein Mathematik-Museum, sondern auch eine Lichtsignaleinrichtung aufgebaut. Ein bundesweites Einzelstück. Ein wahres Wunderwerk der Technik. Ein Meisterstück einer längst vergessenen Ingenieurskunst. Und sogar am Tor zur Weststadt. Ein Schelm, wer dabei Böses wie Gummiinsel denkt. Aber sachlich bleiben. Unbedingt sachlich.

Wenn also sachlich betrachtet der Radfahrer über die Lahnbrücke zum sozialen nicht mehr ganz so brennenden Brennpunkt strebt und dann sofort an der Fußgängerampel die Hauptstraße Richtung Hessenhallen überqueren will, erfährt er die erste buddhistische Mönchsprüfung Deutschlands. Hier gehen Yin und Yang ineinander über. Hier hört man das Klatschen der einen Hand. Hier wartet man und wartet und wartet, während die Autowelt im Zwei-klang hubt. Hier wünscht man sich einen großen runden Tisch, an dem Zweibeiner und Zweiradler gemeinsam zum Skat oder Doppelkopf Platz nehmen, um entspannt auf das Ergrünen der Ampel zu warten. Hier werden leider dann und wann selbst 80-jährige Omis, die schon beim leisesten Erheben ihrer Stimme einen Gesetzesbruch fürchten, zu wagemutigen Outlaws und überqueren laut schimpfend bei Rot die Straße.

Hier werden Gangster gezüchtet. Gangster des Verkehrswesens. Noch taugt der Mittelhesse nicht zum gleichmütigen Buddhisten. Noch lange nicht. Lange könnte wohl auch die Liste weiterer Radfahrfallen werden. Aber lassen wir es gut sein. Schließlich erfolgt bald der ganz große Verkehrsversuch in der Innenstadt. Gut so! Wer allerdings am ganz großen Rad dreht, könnte doch zuvor mühelos auch ein paar kleine Stellschrauben drehen.

Oder, um es anders zu sagen: Wer Verkehrspolitik verantwortet, sollte dazu zwangsverpflichtet werden, einen Monat lang mit dem Rad Tag für Tag durch Gießen zu pendeln. Aber vielleicht wird er dann zum Buddhisten. Und zieht sich aus der Politik zurück.

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