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Eine allzu kurze Künstlerkarriere

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Eine Hortensie, entstanden im Jahr 1939. Repro, Fotos: Jüdisches Museum Frankfurt © Jüdisches Museum Frankfurt

Die aus Hungen stammende Amalie Seckbach ist derzeit im Jüdischen Museum Frankfurt zu entdecken - und in einer wunderbar recherchierten Biografie einer ehemaligen Hungenerin.

Frankfurt/Hungen. Es ist eine einzigartige Künstlerinnenbiografie, die in Frankfurt Fahrt aufnahm, in weltweit bedeutende Ausstellungshäuser führte und im Konzentrationslager Theresienstadt ihr trauriges Ende fand. Begonnen hat diese wechselvolle Lebensgeschichte in Hungen. Nun erinnert das Jüdischen Museum Frankfurt an Amalie Seckbach (1870-1944), deren Arbeit und Leben in der Sonderausstellung »Zurück ins Licht« ebenso wie das dreier weiterer weitgehend vergessener Künstlerinnen nacherzählt wird. Ein wichtiger Ausgangspunkt dieser Erinnerung ist eine umfangreiche Biografie (»Lasst meine Bilder nicht sterben«), die die lange in Hungen beheimatete Kunsthistorikerin Gabriele Reber vor einigen Jahren veröffentlicht hat. Doch dazu später mehr.

Der Erfolg setzt spät ein

Zunächst zur Frankfurter Ausstellung: »Eine spät berufene Künstlerin« ist das Kapitel überschrieben, das sich Amalie Seckbach widmet und ihren Weg beschreibt. Vorgezeichnet war ihr der Weg in die Museen und Galerien großer Metropolen nicht. Amalie wurde 1870 als ältestes von vier Kindern der alteingesessenen, wohlhabenden Hungener Familie Buch geboren. Ihr Vater Jakob Buch betrieb einen erfolgreichen Landmaschinenhandel, mit dem er die Höfe bis weit in die Wetterau hinein belieferte. Nach seinem Tod 1890 wurde das Unternehmen allerdings verkauft. Die vier Kinder waren allesamt zu jung, um die Geschäfte fortzuführen. Von künstlerischen Ambitionen der jungen Amalie ist allerdings ebensowenig bekannt. Im Gegenteil: In der dörflichen Umgebung dürften solche Neigungen damals auf wenig Verständnis gestoßen sein.

Mehr Möglichkeiten, die eigene Kreativität auszuleben, boten sich der mittlerweile nicht mehr ganz jungen Frau, nachdem sie den Hungener Besitz vollständig auflöste und im Jahr 1902 zusammen mit ihrer Mutter nach Frankfurt zog, wo sie von der Familie Adorno eine repräsentative Wohnung am Mainufer mieteten. Im Jahr 1907 heiratete Amalie den renommierten Architekten Max Seckbach, die Ehe blieb kinderlos. Doch erst nach dem Tod des Gatten im Jahr 1922 begann die Oberhessin, ihrer besonderen Passion für ostasiatische Kunst intensiver nachzugehen. Zunächst begann sie, solche Kunst zu sammeln, bevor sie sich bald darauf auch selbst als Bildhauerin und Malerin ausprobierte.

Der Erfolg stellte sich prompt ein. Ihre hochwertige Zusammenstellung japanischer und chinesischer Holzschnitte und Gemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert sorgten für viel Aufmerksamkeit im Kunstbetrieb. Die sogenannte Seckbach-Sammlung wurde ab 1926 in zahlreichen wichtigen Museen und Galerien gezeigt - darunter in Frankfurt, Mannheim, Essen und Leipzig. Und so begann die Autodidaktin, auch erste eigene Skulpturen auszustellen, von denen einige - zumeist ausdrucksstarke Köpfe aus Plastilin und Gips - im Jüdischen Museum zu sehen sind.

Noch mehr Schub nahm ihre Künstlerkarriere im Jahr 1929 auf, als sie in Belgien den bedeutenden Expressionisten James Ensor traf. »Unter seiner schützenden Hand begann sie, im Alter von 60 Jahren international auszustellen«, heißt es im Ausstellungskatalog. Seckbachs Weg führte etwa nach Paris und Brüssel, nach Madrid und Rom. Zu den eigenen Werken gehören Aquarelle, Pastelle und Ölbilder, häufig mit floralen Motiven, ebenso vom Expressionismus beeinflusste Massenszenen.

Doch diese verspätete Künstlerkarriere wurde nach der Machtübernahme der Nazis 1933 jäh gestoppt. Dennoch wurde sie 1936 noch einmal nach Chicago eingeladen, wo eine Gouache Seckbachs neben Arbeiten berühmter Kollegen wie Paul Klee, Max Pechstein, Otto Dix und Emil Nolde zu sehen war. Ein später Höhepunkt, während sich gleichzeitig die Lebensbedingungen für die Jüdin dramatisch verschlechterten. Ihrem Bruder Otto gelang 1938 noch rechtzeitig die Emigration nach Kolumbien, sie blieb jedoch in Frankfurt, von wo aus sie ihn 1941 bat, die ihm anvertraute Holzschnittsammlung zu verkaufen, um die eigene Auswanderung zu finanzieren. Es war zu spät. Am 15. September 1942 wurde die 72-Jährige ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie trotz der Umstände einige eindrückliche Zeichnungen schuf, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.

Dazu zählt etwa »Die Heilige von Theresienstadt«, die den Betrachter mit großen verschatteten Augen anschaut. Es ist ein Aquarell, in dem Amalie Seckbach vermutlich ihre Freundin und Mitgefangene Trude Groag porträtierte. Bevor die Hungenerin am 10. August 1944 an den Folgen des unmenschlichen Lagerlebens starb, hinterließ sie zahlreiche solcher eindrücklichen Arbeiten. Denn »die bizarre Realität Theresienstadts schuf eine Atmosphäre, in der künstlerische Ambition und extreme Unmenschlichkeit nebeneinander bestanden - eine Welt, in der Seckbach sowie ihre Kolleginnen und Kollegen weiterhin kreativ tätig waren«, heißt es in der Ausstellung.

All das war im Jahr 2006 bereits von Gabriele Reber in einem umfangreichen und spannend zu lesenden Rechercheband zusammengetragen worden, die zufällig auf die Biografie der weitgehend vergessenen Hungenerin gestoßen war. Rund zehn Jahre beschäftigte sich die lange in Hungen wohnhafte Kunsthistorikerin fortan intensiv mit dieser Biografie, deren Bruchstücke sie in zahlreichen Archiven sowie durch Zeitzeugengespräche zusammensetzte. Der Band »Lasst meine Bilder nicht sterben«, in der Schriftenreihe der Licher Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung und der Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur veröffentlicht, ist mittlerweile vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Das ist bedauerlich denn mit dem Buch lässt sich das Schicksal der Hungenerin detailliert vertiefen. Gabriele Reber wurde damals von der Stadt Hungen gebeten, anhand einiger kopierter Zeitungs- und Zeitschriftenartikel mehr über die damals nahezu unbekannte Amalie Seckbach herauszufinden. Diese Schnipsel stammten von einem Nachfahren, der in Kolumbien lebte und mehr über seine Familie herausfinden wollte.

Schwierige Spurensuche

Doch in den Frankfurter Archiven gab es kaum Spuren. »Mehr als einige Daten habe ich dort nicht gefunden«, berichtet die heute in Usingen lebende 87-Jährige. »Vieles ist im Bombenhagel verbrannt, anderes wurde von den Nazis vernichtet.« Umso erstaunlicher, was sie dennoch alles herausfinden konnte. Ihr gelang es, ein unglaublich dichtes Netz voller Namen und Lebensläufe zu weben, in der die umfassende Familiengeschichte mit weltweiten Verbindungen aufscheint. »Ich könnte Ihnen Tag und Nacht davon erzählen«, lacht sie.

Dazu trug wesentlich der Kontakt zu Arnaldo Buch bei, dem damals in Australien lebenden und mittlerweile verstorbenen Sohn von Amalies emigriertem Bruder Otto. Arnaldo brachte damals mit seiner Anfrage an die Stadt Hungen den Stein ins Rollen. Für Gabriele Reber, Mitglied der Hungener Gruppe »Spurensuche«, wurde er zum bedeutenden Zeitzeugen, der viele wichtige Informationen beisteuern konnte und wie weitere Familienmitglieder auch bei der Autorin in Usingen zu Gast war.

So stieß die Kunsthistorikerin schließlich auch auf Arbeiten Seckbachs, die in Theresienstadt entstanden sind und sich mittlerweile im Besitz israelischer Museen und Archive befinden. Hinzu kommen zwei kurze Briefe und Gedichte aus dem KZ sowie zwei Zeitzeugenberichte. Durch den Kontakt nach Bogota kam Gabriele Reber auch an Fotografien der Künstlerin und ihres bis heute existierendes Hungener Wohnhauses in der Gießener Straße. Eine Abbildung davon ist ebenso in der Frankfurter Ausstellung zu sehen, wie eine Skulptur, die sie dem Museum als Leihgabe zur Verfügung stellte.

Ihr Buch hat sie »mit Herzblut geschrieben«, betont Gabriele Reber, die der Stadt HUngen viele gesammelte Materialien zur Verwahrung übergab und nun hofft, dass das Andenken an eine bedeutende und dennoch fast vergessene Künstlerin dauerhaft bewahrt werden kann.

Die Ausstellung »Zurück ins Licht« zu den vier Künstlerinnen Amalie Seckbach, Rosy Lilienfeld, Erna Pinner und Ruth Cahn läuft bis zum 17. April im Jüdischen Museum Frankfurt. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr (31. Dezember geschlossen). Tickets kosten 10 (5), zusammen mit der Dauerausstellung 12 (6) Euro. Geboten wird auch ein Begleitprogramm, das am 12. Januar um 19 Uhr fortgesetzt wird. Dann geht es mit der Künstlerin Enissa Amani und der Philosophin Dr. Hannah Peaceman um »Die neue Frau - heute«. Infos unter www.juedischesmuseum.de.

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Amalie Seckbach (1870-1944) wurde als Autodidaktin zur erfolgreichen Künstlerin. © Red
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Die Fotografie eines Selbstporträts, dessen Original verschollen ist. © Red

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