1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Eine andere Form der Trauer

Erstellt:

gikult_lzgmarburgBCZ_770_4c
Magischer Realismus ist ihr Ding: die in Marburg lebende Autorin Stefanie vor Schulte im Gespräch mit Moderator Nicolaus Webler. Foto: Czernek © Czernek

Die Marburgerin Stefanie vor Schulte stellte beim Literarischen Zentrum Gießen ihren virtuos erzählten Roman »Schlangen im Garten« vor.

Gießen . »Magischer Realismus ist mein Ding«, bekannte Stefanie vor Schulte. Und tatsächlich trifft der vor allem durch lateinamerikanische Schriftsteller wie Carlos Fuentes oder Gabriel García Márquez populär gemachte Gattungsbegriff punktgenau den Charakter ihre Buchs »Schlangen im Garten«, den sie am Wochenende beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) vorstellte. Moderiert wurde der inspirierende Abend von Nicolaus Webler, stellvertretender Vorsitzender des LZG, der sich von dem Roman sichtlich angetan zeigte.

In ihrem Buch beschreibt die in Hannover geborene und in Marburg lebende Autorin, wie eine Familie versucht, mit dem Tod der Mutter umzugehen. Für Trauer gibt es kein Rezept, herkömmliche Riten funktionieren für sie nicht. Sie wissen nicht, wie mit dem Verlust umgehen ist, hielt doch die Mutter alles zusammen. So trauert die Familie nicht, wie es von ihr erwartet wird, argwöhnisch und misstrauisch von den Nachbarn beäugt.

In Form eines amtlichen Trauerbüros beginnt so das virtuos in Sprachbilder gepackte Spiel mit der Irrealität. Auf ein Versprechen hin, dass niemand je das Tagebuch der Mutter lesen wird, verspeisen die Familienmitglieder jeden Abend einige Seiten daraus. Nachbarn berichten der Behörde davon - und von da ab steht die Familie unter Beobachtung.

Letztlich findet sie ihren eigenen Weg, mit dem Verlust umzugehen, auch wenn er nicht zu den Trauer-Konditionen ihrer Mitmenschen passt. Die Schriftstellerin verwendet dazu surreale Komponenten, die sie in eine fesselnde Bildersprache hüllt. Die Kunst des komprimierten Beschreibens von Räumen, Gesten und Gegenständen beherrscht vor Schulte in Gänze. Auf die Frage, woher sie die Ideen hernimmt, antwortete die studierte Bühnen- und Kostümbildnerin, dass die Bilder und die Geschichten sich immer wieder bei ihr einfinden und nur darauf warten, dass sie sich damit beschäftigen würde. »Von Trauer und Trauerverarbeitung habe ich keine Ahnung, deswegen habe ich das Buch geschrieben«, erklärte sie lachend und ergänzte, dass sie zu dem Themenkomplex keine besonderen Recherchen angestellt habe. »Ich weiß, dass es eine ganze Menge Methoden gibt, um mit dem Tod zurechtzukommen, doch diese Familie hat keine Methode. Daraus entwickelt sich die Geschichte«, erklärte die 2021 für den Roman ›Junge mit schwarzem Hahn‹ mit dem Mara-Cassens-Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.

Assoziationen zur Schlange

Zum Titel ihres zweiten Romans sagte sie, dass diese »Schlangen im Garten« etwas bei ihr auslösen. So habe sie eine Geschichte zu dem Titel gefunden, denn in dem Roman kommen keine Schlangen in einem Garten vor. Allerdings könne man mit diesen Reptilien Dinge wie Vertreibung, aber auch Heilung assoziieren, etwa in einigen Märchen.

Nächster Gast des LZG ist Barbara Yelin, die das Buch »Aber ich lebe« am Donnerstag, 2. Februar, um 19 Uhr, in der Uni-Aula (Ludwigstraße) vorstellt. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen der Tagung »Graphic Novels im Deutschunterricht« des Instituts für Germanistik.

Auch interessant