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(K)eine Anleitung zum Glücklichsein

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Ein Jawort hält nicht immer ewig. Doch Eheberatung kann helfen, damit scheiden nicht so weh tut. Symbolfoto: dpa © Red

Eine Anleitung zum Glücklichsein gibt es leider nicht. Dieses Resümee zieht Hermann Schmidt nach 33 Berufsjahren als Ehe- und Lebensberater.in Gießen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Gießen. »Wer auf der Autobahn fahren möchte, braucht einen Führerschein. Eine Anleitung zum glücklichen Zusammenleben gibt es leider nicht«, sagt Hermann Schmid. 33 Jahre lang hat der Erziehungswissenschaftler als Ehe-, Familien- und Lebensberater beim Caritasverband Gießen gearbeitet, bevor er nun in seinen wohlverdienten Ruhestand geht. Zunächst im Kinder- und Jugendheim St. Stephanus (heute Jugendhilfebund) tätig, wechselte er 1989 in die Beratungsstelle. Hierfür absolvierte Schmid eine Ausbildung zum Diplom-Eheberater. Für unzählige Paare in Gießen ist er ein Begriff, denn Hermann Schmid hat sie in Beziehungskrisen beraten und begleitet.

Wie viele Paare haben Sie beraten?

Mehr als 4000. Anfangs sind einige Frauen auch allein gekommen, andere haben ihre Männer mehr oder weniger mitgeschleift. Nicht selten habe ich den Satz »Meine Frau hat gesagt, ich soll hier mitkommen« zu hören gekriegt. Die meisten Männer haben dann aber bereitwillig mitgearbeitet.

Ist das heute noch immer so?

Oh nein. Um die Jahrtausendwende hat sich das grundlegend geändert. Jetzt kommen mehr als fünfzig Prozent der Männer aus eigener Motivation. Und noch etwas hat sich geändert. Früher sind Paare, die über 65 Jahre alt waren, in der Regel zusammengeblieben. Heute ist es Usus bei einer unglücklichen Beziehung auch im Alter nicht mehr zusammenzubleiben. Generell gibt es immer mehr Trennungen, die Scheidungsrate ist ab 1987 erheblich gestiegen. Lange Zeit hatten Stadt und Landkreis Gießen nach München die zweithöchste Scheidungsrate Deutschlands. Aktuell werden weniger Ehen geschlossen, was natürlich auch die Scheidungsrate senkt.

Konnten Sie viele Beziehungen retten?

Ziel ist nicht immer unbedingt die Rettung einer Beziehung, beispielsweise wenn Gewalt im Spiel ist. Ich habe aber gemerkt, dass Paare, die früh genug zu mir gekommen sind, auch zusammengeblieben sind. Die meisten von ihnen waren nach der Beratung noch mehr als fünf Jahre zusammen. Übrigens verläuft auch eine Trennung durch eine Eheberatung weniger schlimm.

Gibt es Parameter, die eine Ehe stabilisieren?

Sicher. Da ist zunächst einmal der Grad der Verliebtheit am Anfang der Beziehung. Wichtig ist es auch, sich daran zu erinnern, warum man gerade diesen Partner gewählt hat. Auch das miteinander Reden spielt eine wesentliche Rolle. Man sollte sich schon hin und wieder erkundigen, wie es dem Anderen geht. Schlimm ist es, wenn Paare eine »geheime Buchführung« haben. Das heißt, jeder sich die Fehler des Anderen merkt, aber nicht anspricht. Auch in stabiles Umfeld, zum Beispiel Großeltern, die sich um die Kinder kümmern können, ist entscheidend für eine Beziehung. Und: Jeder sollte sich Inseln schaffen: Eine Insel für sich allein und eine für Beide.

Gibt es bestimmte Situationen, die für Paare belastend sind?

Ja, ich nenne sie »Nahtstellen«. Hierzu gehört beispielsweise das Zusammenziehen, die Heirat, die Geburten der Kinder, aber auch der Renteneintritt oder Krankheitsfälle. Also immer Situationen, in denen sich etwas wesentliches ändert. Hier müssen sich Paare häufig völlig neu erfinden. Neue Anforderungen erfordern immer eine neue Struktur.

Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich kann mich noch gut an einen 94-jährigen Mann erinnern, der sich in einer Trennungssituation befand. Ihm konnte ich helfen eine nicht gerade alltägliche Lösung zu finden. Manchmal sind auch nicht nur die Paare zu mir gekommen, sondern auch deren Familien, die bei der Lösung der Probleme helfen wollten. Es ist dabei auch vorgekommen, dass die anderen Familienmitglieder aus ganz Deutschland angereist sind. Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass homosexuelle Paare ähnliche Probleme haben wie heterosexuelle.

Wie oft sind die Paare zu Ihnen gekommen?

Wenn besprochene Dinge eingehalten worden sind, haben oftmals sechs bis acht Termine ausgereicht, um Fortschritte zu erzielen. Es gibt nichts schwierigeres als Paare, die nicht mehr wissen, was sie voneinander wollen. Da ist manchmal sogar ein richtiger Streit besser. Ein Streitgespräch sollte aber keinesfalls länger als eine Stunde dauern. Dann wirkt es sich negativ auf eine Beziehung aus.

Was haben Sie aus Ihrer Arbeit gelernt?

Wie wichtig es ist, die Paarbeziehung zu pflegen. Das Leben ist spannender als jeder Roman, leider auch oftmals schrecklicher. Ich habe mich in meinem Job nie gelangweilt und weiß, dass es sich immer lohnt, Paare zu unterstützen.

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Hermann Schmid © Caritas

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