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»Eine Annäherung an die Welt«

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Der Heuchelheiner Ludwig Rinn in der Sonderausstellung des Marburger Kunstmuseums. © Christian Stein

Der Heuchelheimer Ludwig Rinn ist ein langjähriger Weggefährte von Joseph Beuys. Jetzt zeigt er seine bedeutende Sammlung in Marburg.

Marburg. Joseph Beuys sorgt auch rund 35 Jahre nach seinem Tod für jede Menge griffbereite Stichworte. Filzanzüge und Fettecken, Installationen mit Hirsch, Schlitten und VW-Bus, die Baumpflanzaktion bei der Kasseler Documenta oder das geflügelte Zitat »Jeder Mensch ist ein Künstler« - all das lässt sich noch immer unmittelbar mit dem vor 100 Jahren (und ein paar Monaten) geborenen Rheinländer in Verbindung bringen. Spuren dieser vielfältigen Motive, Ideen und Projekte finden sich in einer Sonderausstellung des Marburger Kunstmuseums, die der Heuchelheimer Sammler Ludwig Rinn dort bis zum 27. Februar (und vielleicht auch länger) zeigt.

Rinn, Enkel des bekannten Gießener Zigarrenfabrikanten gleichen Namens, ist nicht nur ein ausgewiesener Kenner von Beuys‹ Werk, er hat ihn auch in den 60er Jahren persönlich kennengelernt und fortan bis zu dessen Tod eng begleitet. Im zwei Ausstellungsräumen des Kunstmuseums zeigt Rinn rund 80 Werke, die chronologisch angeordnet sind und aus allen Werkphasen von der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre reichen. Zu sehen sind vor allem Zeichnungen sowie verschiedene Zeitzeugnisse wie Fotos und Dokumente ebenso wie eine große Installation, die das Zentrum der Schau bildet.

Rinn studierte in den 60er Jahren Jura in München, als er auf den charismatischen Künstler aufmerksam wurde. 1966 erwarb der junge Mann nach einem Galeriebesuch erste Arbeiten, »auch wenn ich damals eigentlich gar kein Geld hatte«. Zwei Jahre später schrieb er Beuys an und wurde daraufhin nach Düsseldorf eingeladen, wo der Mann mit Hut an der Kunstakademie lehrte. Es war eine Begegnung mit Folgen für den tief beeindruckten Heuchelheimer, der sein Studium abbrach, sich der Kunstgeschichte zuwandte und später als Sammler, Ausstellungsmacher und Berater arbeitete. Zudem hatte er verschiedene Lehraufträge, darunter auch in Gießen. »Beuys hat mich immer motiviert. Er war wie ein Energieschub für mich«, bekennt der 83-jährige Rinn bei einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung.

Über die Jahre trug Ludwig Rinn so eine stattliche Kollektion von Arbeiten zusammen, die in Marburg einen hervorragenden Einblick in die unterschiedlichen Schaffensphasen von Beuys zulassen.

Einblicke in alle Schaffensphasen

Auch wenn viele Kunstfreunde das Werk des Rheinländers bis heute als abstrakt, komplex und schwer zugänglich empfinden, reicht es für Christoph Otterbeck, Leiter des Kunstmuseums, schon, mit »offenen Augen und wachem Verstand« durch diese Ausstellung zu laufen, wie er in einem Begleitvideo bemerkt. Hilfreich ist es dennoch, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, um sich diese Kunst näher zu erschließen.

Etwa über die Entstehungsgeschichte der Zeichnung »Der Tod und das Mädchen« von 1957. Beuys greift darin ein seit dem Mittelalter bekanntes Motiv auf und zeigt die Begegnung des ungleichen Duos mit Bleistift, Wasserfarbe und sanften Strichen auf braunem Packpapier. An der Seite zu sehen ist ein Stempel mit dem Aufdruck »Auschwitz«. Es war sein Beitrag zu einem Wettbewerb, bei dem es um die Erinnerung an Holocaust und Nazi-Verbrechen ging. Der Beitrag sorgte damals für erregte Debatten, wie Ludwig Rinn anmerkt. Viele Zeitgenossen stießen sich daran, wie der Künstler die beiden Themen miteinander verband, während es für Beuys darum gegangen sei, die Ereignisse in einen universelleren Kontext einzuordnen.

Es war nicht die einzige Arbeit des Rheinländers, die für hitzige Diskussionen sorgte. Man erinnere sich nur an die während der Documenta 82 begonnenen Pflanzung von 7000 Bäumen in Kassel: für Beuys eine »Soziale Plastik«, die zunächst für Unverständnis und auch Widerstand in Teilen der Stadtbevölkerung sorgte. Ein Aufreger war auch sein 1971 gegründetes politisches Projekt namens »Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung«.

Davon zeugt neben verschiedenen Zeichnungen des späteren Mitbegründers der Grünen auch die 1971 entstandene Rauminstallation »öö«. Sie besteht aus einer mit einer Schaltkreistafel verbunden Holzkiste, in der die Buchstaben in Form von weißen Neonröhren zu sehen sind. Für Ludwig Rinn verweist das Buchstabenpaar auf einen »Sprenglaut des Hirschen«: ein Motiv, das auf den Kern von Beuys umfassenden und von Klang und Sprache stark beeinflusstem Werk verweist. Die gerahmten Papierarbeiten des zeitlebens zeichnerisch aktiven Beuys seien daneben vor allem als »Denkformen« zu verstehen. »Für Beuys war Zeichnen Denken«, stellt Rinn fest.

»Es geht nicht um Schönheit«

Die Biebertaler Kunsthistorikerin Dr. Susanne Ließegang, die Führungen durch die Schau anbietet, erläutert beim Rundgang, dass es Beuys nicht um Schönheit, um Ästhetik oder um Belehrung ging - »sondern um Kommunikation«. Die Zeichnungen seien daher nicht als Illusionsraum zu betrachten, »sondern eine direkte Ansprache an das Publikum«. Und Rinn ergänzt: »Zu sehen ist darin der ganze Beuys. Es ist eine künstlerische Annäherung an die Welt.«

Wie es nach Ende der Ausstellung mit seiner Sammlung weitergeht, lässt der Heuchelheimer noch offen, auch wenn der 83-Jährige die Schau als eine Art Vorlass« betrachtet. »Mir ist wichtig, dass das Werk öffentlich bleibt«, betont Rinn, der sich als Vorstandsvorsitzender der Otto-Ubbelohde-Stiftung zugleich seit vielen Jahren für das Andenken an den mittelhessische Maler und Märchenillustrator engagiert. Für die dauerhafte Übergabe seiner Beuys-Sammlung bedürfe es eines »entwickelten Museums«, zu denen auch das Marburger Haus zähle. Durchaus möglich also, das diese bedeutende Sammlung dort dauerhaft einen Platz findet.

Die Sonderausstellung »Kompass Beuys. Werke aus der Sammlung Ludwig Rinn« ist bis zum 27. Februar im Kunstmuseum Marburg zu sehen. Die nächsten öffentlichen Führungen finden am morgigen 20. Januar (15 Uhr) sowie am 27. Januar (17 Uhr) statt. Um Anmeldung wird gebeten. Das Museum ist per E-Mail (bildung.museum@uni-marburg.de) oder telefonisch (06421 28 22631) zu erreichen. Öffnungszeiten des Hauses (Biegenstr. 11) sind jeweils Montag und Mittwoch bis Sonntag (11 bis 17 Uhr). Es gilt die 2G-Plus-Regel. (bj)

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