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Eine Bühne für die Künstler

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Vitalina Pucci und Sven Görtz mit Preisscheck und Musikern des Projekts »Friedensmusik«. Foto: Czernek © Czernek

Eine Bühne für ukrainische Flüchtlinge: Der Verein künstLich feiert seinen gerade erhaltenen Hessischen Integrationspreis mit einem Empfang und viel Musik.

Lich. Großer Erfolg für den Verein künstLich: Für ihre Konzertreihe »Friedensmusik» wurden die Licher am vergangenen Donnerstag mit dem dritten Platz des Hessischen Integrationspreises ausgezeichnet. Hessens Sozial- und Integrationsminister Kai Klose (Grüne) überreichte den mit 4500 Euro dotierten Preis und betonte bei der Verleihung in Wiesbaden die Rolle von Kultur für die soziale Integration.

»Die Künstler wollen arbeiten. Das heißt, sie wollen auftreten. Das haben wir ihnen ermöglicht«, sagte künstLich-Vorstandsmitglied Vitalina Pucci am Samstag bei einer kleinen Feier mit allen Beteiligten im Licher »Raum« in der Gießener Straße. Sie selbst kam vor 20 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Zwar nicht als Flüchtling, dennoch weiß sie, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache zu landen. Mittlerweile ist sie in ihrer neuen Heimat als Künstlerin aktiv und gefragt. »Das hier fühlt sich an wie eine große Familie«, sagte sie.

Geholfen wurde mit dem Projekt Menschen wie Ivan Bohdanov, in der Ukraine ein gefragter Künstler. Wenn er sich dort jemandem vorstellte, sagte er: »Ivan Bohdanov, Dirigent«. Heute sagt er nur noch: »Ivan Bohdanov«. So klinge es, wenn man seine Heimat, seine Arbeit, seinen Boden unter den Füßen verliert.

Projekt bald nach Angriff entwickelt

Um solchen Schicksalen zu begegnen, wurde die Idee zur »Friedensmusik« entwickelt, wenige Tage nachdem der russische Angriffskrieg am 24. Februar gegen die Ukraine begann und die ersten Flüchtlinge Deutschland erreichten. Viele hatten ihre Haustiere mit im Gepäck, die Musiker ihre Instrumente, erzählt Pucci, bei der auf einmal das Haus mit Freunden und Verwandten überquoll. Auch ihre eigenen Eltern gehörten zu den Gestrandeten. Ihre Mutter, eine gefragte Klavierspielerin, stand wie viele von heute auf morgen vor dem Nichts. Diesen Tragödien wollte man mit Auftrittsmöglichkeiten für die aus der Ukraine gekommenen Künstler begegnen.

»Das Mittel unserer Wahl hieß schlicht Menschlichkeit«, erläuterte Sven Görtz, selbst vielseitiger Künstler und Vereinsmitglied, die Grundidee. Innerhalb weniger Tage hatte sich ein buntes Ensemble für die »Friedensmusik« zusammengefunden. Die jüngste Künstlerin war 11 Jahre alt, die älteste 76. Sämtliche Konzerte waren ausverkauft, so konnten auch Gagen gezahlt werden. »Dankbar für die Hilfe durch den deutschen Staat, wollten die Musiker etwas zurückgeben«, sagte Görtz. Dass die zumeist hochprofessionellen Ukrainer für ihre Auftritte bezahlt werden konnten, »war uns sehr wichtig«, ergänzte Vitalina Pucci.

So stieß die künstLich-Idee auf offene Türen, überall wurden Kooperationspartner wie Musikschulen, Gemeinden oder Kulturvereine gefunden, die die Konzerte ausrichteten. Die Wiesbadener Auszeichnung empfindet Pucci nun nicht nur als »tollen Erfolg«, sondern auch als Ansporn für alle Beteiligten, weiterzumachen. Aktuell wird an einem Neujahrskonzert gearbeitet.

Musik durfte am Samstag natürlich auch nicht fehlen: Anastasiia Kostohryz (Bratsche), Yevheniia Bezborodova (Bandura), Eleonora Akchurina, Vitalina Pucci (Klavier) und Sven Görtz (Gitarre) gestalteten den Programmteil. Anrührend war das vierhändige Klavierspiel zwischen Vitalina Pucci und ihrer Mutter Eleonora Akchurina zu erleben. Für einen Eindruck von der Realität des Krieges war im Keller eine Videoinstallation von Roman Geyer aufgebaut worden. Ein Gebet, gesungen als vierstimmiges Lied für die Ukraine, beendete die kleine Feier.

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