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Eine Frau sucht ihren Weg

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Erhielt für »Blaue Frau« den Deutschen Buchpreis: Antje Ravik Strubel. © dpa

Gießen (fley). Die Kontroversen um das Buch, das nun im Rahmen der Licher Lesetage vorgestellt wurde, bewegte auch das Publikum in der Stadtbibliothek. Moderator und Veranstaltungsleiter Dr. Peter Ihring erläuterte zu Beginn, dass »im März traditionell das Buch besprochen wird, das im vergangenen Jahr den Buchpreis gewonnen hat«. Und auch wenn mancher vermutet habe, dass »Blaue Frau« von Antje Ravik Strubel nur ein Quotenbuch sei, »lohnt es sich schon«, unterstrich er.

Das Werk habe eine Aktualität auf zwei Ebenen, aufgrund der #metoo-Bewegung sowie dem Krieg in der Ukraine. »Es geht in diesem Werk auch um den Ostblock. Die Vergangenheit, so Ihring, sei hier nicht tot, sie sei noch nicht einmal vergangen, zitierte er einen berühmten Satz von William Faulkner. Außergewöhnlich an diesem prämierten Werk sei, dass es rund die Hälfte der Rezensenten nicht weiterempfehlen würden. »Die Meinungen sind gespalten«, berichtete Ihring. Und auch im Publikum gab es gegensätzliche Einschätzungen dazu.

Der Roman erzählt von einer 20-jährigen Tschechin, die im Laufe des Buches drei Namen trägt. Sie zieht zu Beginn nach Berlin und kommt zu Beginn der Merkel-Jahre mit einer Gruppe lesbischer Frauen in Verbindung. »Im Roman gibt es viele Verschachtelungen«, erklärte Ihring. Eine ominöse Fotografin verschafft der jungen Frau zunächst einen Job als Praktikantin, bevor sich die Situation gravierend ändert.

Ein ehemaliger NVA-Offizier möchte in der Uckermark eine Kulturbegegnungsstätte zwischen Ost und West erschaffen und die Protagonistin arbeitet auf dem Gutshof. Finanziert wird das ehrgeizige Projekt von einem Schwaben, der sein Faible für Kultur entdeckt hat, ihr gegenüber aber sexuell übergriffig wird. Traumatisiert tritt sie eine Reise nach Helsinki an. »Hier beginnt der eigentliche Kern des Romans«, berichtet Ihring. »Das Trauma wiegt schwer und in Helsinki trifft sie einen estnischen Professor, der sich in sie verliebt«. Lange, so schien es, führen die beiden eine stabile Beziehung. Doch bei einem großen Empfang trifft sie erneut auf den Schwaben - und fällt in ihre Traumawelt zurück. »Den Prozess, den sie daraufhin gegen ihn anstrebt, scheint sie nicht gewinnen zu können«, unterstrich der Moderator.

Das Ende der konsequent aus weiblicher Perspektive erzählten Geschichte sei offen und widersprüchlich. »Es ist eine ästhetische Entscheidung, Dinge rätselhaft zu lassen und sich die Frage zu stellen, aus welchen Augen die Wirklichkeit gesehen wird«, lautet die Folgerung. Es gäbe so viele Wirklichkeiten wie es Menschen gäbe, betonte Ihring.

Ein wiederkehrendes Muster des Romans: die blaue Frau. Die Frage, ob diese immer wieder auftauchende Figur ein Alter Ego von Ravik Strubel sei, beschäftigte die Anwesenden. »Einzelne Kapitel als sprechendes Ich zu formulieren, ließen auf die Autorin schließen. Ob sie und die Autorin identisch sind, bleibt ebenso unklar wie viele weitere Facetten des Buchs. Ravik Strubel lässt uns viel Spielraum für eigene Gedanken und mentale Ebenen. Das Buch folgt keinem stringenten Muster, man muss sich die Handlungsstränge tatsächlich zusammenbauen und am Ende ergibt doch nicht alles einen Sinn«, fasste Ihring zusammen.

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