Eine große, grüne Leidenschaft

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GIESSEN - (ebp). "Vor mir verschließt sich die Natur", klagt Heinrich Faust nach der Erscheinung des Erdgeistes, mitten in einer Schaffenskrise steckend. Und auch für Johann Wolfgang von Goethe selbst "war die Natur ein Geheimnis", welches er nur schwer umfassen konnte, sagt Dr. Marlies Obier im Botanischen Garten. Zusammen mit dem Technischen Leiter Holger Laake begab sich die Sprachkünstlerin auf die botanischen Spuren Goethes.

Im Sommer 1772, während seines Praktikums am Reichskammergericht in Wetzlar, machte er sich als junger Mann zu Fuß auf den Weg nach Gießen, um Professor Ludwig Julius Friedrich Hoepfner einen Besuch abzustatten. Dieser wohnte damals in der Sonnenstraße, nur wenige Schritte vom Heilpflanzengarten der Universität entfernt. Ob Goethe dem Garten einen Besuch abstattete, ist dennoch nicht überliefert. Falls ja, dürfte er es aber etwas schwerer gehabt haben, als die zahlreichen Besucher, die an diesem Sonntagmorgen den Worten der beiden Referenten lauschen. Denn der Garten, zu Goethes Zeiten mit knapp 1000 Quadratmetern deutlich kleiner als heute, war verschlossen. Vielleicht hätte der Gärtner, der in der heutigen Senckenbergstraße 6 seine Wohnung bezogen hatte, ihm aufgemacht. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, Schwein und Hühner einzufangen. Denn dass die Tiere zwischen den Pflanzen umherliefen, habe regelmäßig zu Streit zwischen Gärtner und Professoren geführt, weiß Laake.

Dass Goethe sich sehr für Gärten begeisterte, zeigt sein Wirken auf seinem Gartengrundstück in Weimar. Als er das Stück Land geschenkt bekam, sei es verwildert gewesen, erzählt Obier. Goethe bestellte Bäume und kleinere Pflanzen und legte in seinem "Salon im Grünen" auch selbst Hand an. "Ein Dichter besitzt kein Schloss, sondern den Himmel über sich", berichtet Obier. In seinem Garten konnte Goethe frei und ungezwungen sein: "Bei Hofe ist er galant und konventionell. Dort trägt er eine gepuderte Perücke". Auch in seinem Wohnhaus am Frauenplan ließ Goethe einen Garten anlegen, hängte das botanische Ordnungsprinzip von Carl von Linné an die Wand und führte Studien durch. Der Dichter wird zum Naturwissenschaftler - auch wenn einige seiner Ansätze heute widerlegt sind.

Fern der Heimat sehnte sich Goethe nach seinen Gärten: "Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?", klagte er während eines Venedigaufenthalts. Doch ohne das Reisen wären sowohl Goethes Gärten als auch der Botanische Garten in Gießen deutlich spärlicher ausgefallen. Denn Alexander von Humboldt brachte dem Dichter Pflanzen von einem Südamerikaaufenthalt mit. Und im Botanischen Garten gedeihen nicht nur in den Gewächshäusern exotische Pflanzen. Auch der Japanische Fächerahorn wäre ohne einen reisenden Gärtner nicht in dieser Form vorhanden. Denn es handelt sich um eine Mutation ohne Samen, erklärt Laake. "So kommt auch ein Botanischer Garten zu Raritäten, die es in der Natur nicht mehr gibt".

Von Goethe ging es im Anschluss weiter zu Charles Darwin, der nach seiner Weltreise auf der HMS Beagle "das Reisen satt hatte", wie Botanik-Professor Volker Wissemann erzählt. Mehr als zehn Jahre lang erforschte Darwin fleischfressende Pflanzen und führte "Fütterungsversuche" an ihnen durch. Im Rahmen eines Dissertationsprojektes hat Stefanie Eschenbrenner diese Versuche nun wiederholt und erweitert. Dabei konnten viele Ergebnisse Darwins bestätigt werden. Es zeigten sich jedoch auch Unterschiede, beispielsweise bei einer zweiten Pflanzenart der gleichen Gattung. Und wer schon immer mal wissen wollte, ob er seine fleischfressende Pflanze auch vegetarisch oder sogar vegan ernähren kann, erhält in der am Samstag eröffneten Ausstellung die Antwort: Nicht nur Insekten werden von den Pflanzen verdaut, auch Eier, Milch und Tofu scheinen zu munden.

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