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Eine Kämpferin für die Freiheit des Worts

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Antje Tiné trug Ausschnitte aus dem Werk von Katja Behrens vor. © Hahn-Grimm

Mit einer Feierstunde ehrte das Literarischen Zentrums Gießen die vor einem Jahr gestorbene Schriftstellerin Katja Behrens.

Gießen (uhg). »Dafür kämpfen, dass andere schreiben dürfen«. Ein Zitat der Schriftstellerin Katja Behrens, die seit 2008 mehrfach beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) und dem Institut für Germanistik zu Gast war. Vor einem Jahr ist sie 78-jährig in Darmstadt gestorben. Anlässlich ihres Todestages hatten das LZG, der Verein Gefangenes Wort sowie die Stadt Gießen zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen.

Damals ahnten die Veranstalter noch nicht, welche Aktualität die Ziele von »Gefangenes Wort« wieder erfahren sollten. Denn Journalisten und Schriftsteller in der Ukraine und Russland sind nach dem Überfall am 24. Februar in höchster Not. Sogar die großen Fernsehanstalten ARD und ZDF haben nach einer Verschärfung des russischen Mediengesetzes ihre Berichterstatter aus Moskau abgezogen - Rückkehr ungewiss.

Michael Weise (Vorstand Gefangenes Wort) begrüßte in Vertretung des erkrankten Vorsitzenden Sascha Feuchert die zahlreichen Besucher im Netanya-Saal und kündigte ein Programm mit Texten von Katja Behrens an, vorgetragen von Antje Tiné, Schauspielerin am Stadttheater Gießen. Als musikalisches Glanzlicht trugen Gwendolyn Schneider Rothaar (Gesang, Gitarre) und Daria Goldwerk (Akkordeon) vier emotionale Lieder und Musikstücke vor, die wunderbar zu den Texten passten.

»Eine Vielzahl von Themen, eine Vielzahl von Büchern«, stellte Weise zum Werk der Autorin fest. Katja Behrens war vielseitig tätig, als Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin. Sie wurde vor allem durch ihre Darstellung der jüdischen Kultur in Deutschland bekannt, zudem schrieb sie eine Reihe von Kinder- und Jugendbücher. Geboren wurde sie 1942 in Berlin in eine jüdische Familie. Die NS-Zeit überlebte sie mit ihrer Mutter und Großmutter versteckt in Österreich. Sie wuchs in Wiesbaden auf, 1960 begann sie ihre literarische Karriere mit Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Von 1968 bis 1970 lebte sie in Israel. Von 1973 an arbeitete sie als Lektorin beim Suhrkamp Verlag, ab 1978 als freie Schriftstellerin. Sie war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und von 2007 bis 2009 dessen Vizepräsidentin und »Writers-in-Prison-Beauftragte«. Lange Jahre lebte Katja Behrens in Darmstadt, wo sie am 6. März 2021 starb.

Bereits 2008 war sie als Gastreferentin in einem Seminar von Prof. Sascha Feuchert an de JLU zu Gast und gab mit ihren engagierten Berichten über das Schicksal von Autoren aus China und Tibet den Anstoß für die Gründung von Gefangenes Wort. Über Jahre blieb sie Unterstützerin des Vereins und hielt 2015 anlässlich der Verleihung des Hermann-Kesten-Förderpreises die Laudatio. »Sie hat sich immer für Kollegen eingesetzt, die nicht frei schreiben können«, betonte Weise.

Eine Kostprobe ihres literarischen Schaffens stellte Antje Tiné vor: Drei Bücher, drei Welten: »Der kleine Mausche aus Dessau - Moses Mendelsohns Reise nach Berlin im Jahr 1743« schildert in lebhaften Szenen einen jüdischen Jungen und dessen Freundschaft zu einem jungen Christen. In eine ganz andere Zeit, einen ganz anderen Kulturkreis versetzt Katja Behrens ihre Leser mit ihrem Roman »Alles Sehen kommt von der Seele«. Er erzählt vom Leben der Amerikanerin Helen Keller, die nach einer Krankheit in früher Kindheit nicht mehr sehen und hören kann. Spannende Momente, von Tiné einfühlsam vorgetragen, die Lust aufs Weiterlesen weckten.

Der sich anschließende virtuose Vortrag von Daria Goldwerk auf dem Akkordeon bot Gelegenheit, die Szenen noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen. Die junge Frau studiert Musik und kennt ihr Instrument in allem Feinheiten und Stimmungen.

Literarisch folgte dann ein erneuter Themenwechsel: »Roman von einem Feld« handelt von einem bekannten Naherholungsgebiet in Darmstadt, auf dem sich während der Nazi-Zeit noch ein landwirtschaftlicher Betrieb befand. Hier mussten Zwangsarbeiter aus Frankreich und aus der Ukraine unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Feld arbeiten, bei einem Bombenangriff kamen viele von ihnen ums Leben.

Gerne in Gießen zu Gast

Zum Schluss waren beide Musikerinnen noch einmal gemeinsam zu hören: »Wayfaring stranger«, in einer Version von Jonny Cash bekannt geworden, diesmal von Gwendolyn Schneider-Rothaar gesungen und von Daria Goldwerk auf dem Akkordeon begleitet. Die Sängerin gewann das Publikum mit ihrer feinen und zugleich kraftvollen, souligen Stimme für sich. Zuvor hatte sie bei ihrem Solo-Vortrag von »I wish, I wish« erzählt, dass Katja Behrens eine sehr gute Freundin gewesen sei, fast eine Großmutter. Große Kunst, wirklich ergreifend. Behrens, die eine Zeitlang in den USA gelebt hat und dort auch eine Gastprofessur innehatte, wäre mit diesen Songs und der Feierstunde gewiss einverstanden gewesen. »Gießen war für sie ein Ort, an dem sie sich gern aufhielt«, hatte Michael Weise in seiner Einführung gesagt.

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