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Eine Kultur literarisch entdecken

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Die Lektüre uigurischer Bücher kann herausfordernd sein (v. l.): Michael Heß, Mark Kirchner und Bekir Yilan stöbern in den Werken uigurischer Schriftsteller. Foto: Leyendecker © Leyendecker

Drei Wissenschaftler des Instituts für Turkologie an der JLU haben sich vorgenommen, uigurische Literatur zu lesen, auszuwerten und zu katalogisieren.

Gießen . Das Schild an der Tür des Raumes E 204 im Philosophikum I der Justus-Liebig-Universität (JLU) lässt wenig Rückschlüsse zu, was dahinter vor sich geht. »Die Uigurische Prosaliteratur in der VR China« heißt es dort. Betreut wird es von Prof. Mark Kirchner, Dr. Michael Heß und Bekir Yilan. Kirchner fungiert als Projektleiter, Heß und Yilan als Projektmitarbeiter. Die drei Wissenschaftler des Instituts für Turkologie haben sich vorgenommen, uigurische Literatur zu lesen, auszuwerten und zu katalogisieren. Sie erhoffen sich dadurch Informationen und einen Einblick in die uigurische Kultur in der Volksrepublik China.

Externer und interner Faktor

Wie kam es aber zu diesem ungewöhnlichen Projekt, die uigurische Kultur mittels Literatur kennenlernen zu wollen? »Es gibt zwei Faktoren. Einen externen Faktor und einen internen. Der externe ist natürlich klar: Seit Jahren wird die uigurische Thematik, die Unterdrückung von Uiguren in China, die Auseinandersetzung zwischen Chinesen und Uiguren einfach so auf die Agenda gesetzt, sodass man das Thema mal wissenschaftlich wahrnehmen sollte, selbst wenn es nicht das wissenschaftliche Kernarbeitsgebiet ist«, beschreibt Kirchner den Ursprungsgedanken. Heß, so erzählt Kirchner, sei der interne Faktor, da dieser bereits an einem Projekt für uigurische Literatur in Kasachstan teilgenommen hatte und dort erste Erfahrungen sammeln konnte. »Und wie es eben ist, Projekte entwickeln sich weiter«, sagt Kirchner. Eine solide wissenschaftliche Aufarbeitung der uigurischen Literatur sei nötig, um die Lage der Uiguren und die Situation in Xinjiang weiter in die Öffentlichkeit zu tragen und von neuen Perspektiven zu beleuchten.

»Viele in Deutschland, die sich mit Uiguren beschäftigen, die machen dann Spätantike oder mittelalterliche Uiguren, was aber ein ganz anderes Volk ist. Die haben den gleichen Namen, haben aber keine Kontinuität zu den heutigen Uiguren«, macht Heß klar. »Deswegen finde ich es interessant, dass wir nicht nur von außen schauen, sondern dass wir ein Beitrag zu diesen Uiguren machen, der auch methodologisch auch etwas Neues bringt. Wir wollen die literarischen Werke für sich sprechen lassen und wollen ein Gegengewicht zu dieser Wahrnehmung der primären Problematik der Xinjiang-Krise schaffen. Das stellen wir an erster Stelle«, betont der Wissenschaftler. »Ohne dieser beklagenswerten Situation in Xinjiang wäre dieses Projekt in dieser Genauigkeit nicht zu rechtfertigen«, ergänzt Kirchner.

Da die Uiguren derzeit unterdrückt werden, stellt sich die Frage, wie die Situation vor zehn oder 15 Jahren war. »Und das sieht man am besten an kulturellen Dingen. Die Uiguren hatten nie große Freiheiten. Aber sie hatten eine Reihe von Dingen, über die sie als Volk autonom verfügen konnten. Beispielsweise eine reichhaltige Literatur oder eine geschriebene Sprache in arabischer Schrift«, ergänzt der Professor. Und natürlich die Literatur. »In diesem System sind auch hunderte von Büchern von hunderte von Autoren entstanden und das wurde nie wahrgenommen. Wir vergleichen einfach nur: Was war vor 20 oder 30 Jahren mit den Uiguren, was ist heute?«, fragt Kirchner. Dieser kulturelle Reichtum sei in der Gegenwart nicht mehr vorhanden, zensiert und beschnitten von der Kommunistischen Partei Chinas.

Turkologie immer hochpolitisch

Somit ist das gesamte Projekt doch ein hochpolitisches Thema, oder nicht? »Ja, definitiv. Nur, dass wir das hochpolitische Thema nicht von der Politik, sondern von der Kultur und der Sprache aufdröseln. Wir machen keine Politik, aber es ist unbedingt politisch«, betonen Kirchner und Heß. Nicht alle Uiguren seien gleichzeitig Opfer, einige arbeiten auch im Staatsapparat der Machthaber in Peking. »Es gibt auch welche, die im System mitarbeiten und ich halte auch den Kontakt und ich versuche ein bisschen zu informieren und eventuell zu vermeiden, dass auf chinesischer Seite der Eindruck entsteht, dieses Projekt sei ein von außen finanziertes Projekt zur Unterstützung des Separatismus. Nein, ist es nicht«, betont Kirchner. Wer in der Turkologie arbeite, der müsse sich bewusst sein, dass die Themen immer hochpolitische Themen seien.

Ein Blick in chinesische Buchhandlungen offenbare, dass es so gut wie keine Bücher in uigurischer Sprache mehr gäbe. Die Zensur schlage dort gnadenlos zu und habe die Werke aus den Büchereien und Buchhandlungen verbannt. Dort kommt dann auf deutscher Seite Doktorand Yilan ins Spiel. Er beschäftigt sich mit der Erfassung der Werke. »Meine Aufgabe ist es, die Bücher, die in Xinjiang gedruckt und publiziert worden sind, bio-bibliografisch zu ermitteln. Ich recherchiere, wo die Bücher zu finden und zu erwerben sind. Dann werden die Bücher katalogisiert und auf einer Suchmaschine online gestellt. Dann gibt es dazu noch inhaltliche Angaben von den Autoren, wie viele es von den Werken noch gibt und wo sie zu finden sind«, beschreibt Yilan seine Aufgabe im Projekt.

Bücher müssen aus China stammen

Was aber ist mit Büchern, die beispielsweise in Russland oder Kasachstan in uigurischer Sprache gedruckt wurden? Sie kommen nach Angaben der drei Wissenschaftler für das Projekt nicht in Frage. »Bücher, die in VR China legal gedruckt wurden, sind Projektgegenstand für uns. Wir kaufen überall. Entscheidend ist, dass sie aus China sein müssen«, betonen Kirchner und Heß.

Nach Beendigung des Projekts in zwei oder drei Jahren hoffen die drei Forscher, weitreichende Erfahrungen über die uigurische Kultur und Literatur gemacht zu haben. »Das ist auch ein gewisses Abenteuer für uns«, unterstreicht Kirchner.

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