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Eine Leiche mit Geschichte

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Der rekonstruierte Schädel des Mordopfers, das 1981 in dem Waldstück bei Sinn gefunden wurde und dessen Identität nie ermittelt werden konnte. © Müller

Der langjährige Gießener Kripo-Ermittler Erwin Müller hat einen Krimi geschrieben. Dabei führt eine Spur von Mittelhessen zurück zu den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges.

Gießen. Ein ungeklärter Mordfall, Blutrache, ein Totenschädel im Polizeipräsidium Gießen und eine Spur, die von Mittelhessen zurück bis auf die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs führt: Davon handelt der spannende neue Kriminalroman »Todestransit - Die Mordsache Stippbachtal« von Erwin Müller. Das Besondere: Müller, nach fast 40 Jahren als Kriminalbeamter mittlerweile im Ruhestand, erzählt in seinem Krimidebüt eine auf Tatsachen beruhende Geschichte, in der er selbst ermittelt hat.

In seinem Mittelhessen-Krimi greift Müller einen tragischen Mordfall aus dem Jahr 1981 auf, bei dem es »uns nicht gelungen ist, den Mann zu identifizieren«, wie der Autor im Gespräch mit dem Anzeiger erzählt. Damals wurde eine vollständig verbrannte Leiche in einem Waldstück nahe der Gemeinde Sinn gefunden. Die Identifizierung des in einem Koffer an den Fundort gebrachten Mannes stellte die Beamten vor nahezu unlösbare Probleme. »Alle konventionellen Methoden brachten nichts«, erinnert sich Müller. Immerhin gab es drei Fingerabdrücke sowie eine Zahnprothese, »die uns sehr geholfen haben, Vermisstenfälle auszuschließen«.

Doch die Geschichte des Mordopfers blieb weiter rätselhaft. Neue Hoffnung auf Lösung des Falles brachte dann ein Kieler Rechtsmediziner, der in einer Fachzeitschrift schilderte, wie er einem anderen entstellten Toten ein Gesicht geben konnte, indem er dessen Schädel in Plastilin geformt und rekonstruiert hat.

Müllers Chef bei der damals ermittelnden Kripo in Dillenburg hat dann, »als wir nicht weiterkamen, Kontakt mit Kiel aufgenommen«, erzählt der in Breidenbach im Hinterland lebende Autor. Doch es dauerte vier weitere Jahre, bis tatsächlich ein fertiger Schädel mit dem Abbild des Toten nach Hessen geliefert werden konnte. Damit wandten sich die Ermittler dann an die populäre ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY ... ungelöst«, die Sendung vom 5. Juli 1985 mit dem rekonstruierten Gesicht des Mannes ist noch heute auf YouTube zu finden.

Spur im TV

Moderator Eduard Zimmermann beschrieb den etwa 40-Jährigen Unbekannten damals wie folgt: »Dichter Schnurrbart. Koteletten, dunkelblonde Haare«. Für Hinweise auf dessen Identität wurden 3000 Mark ausgelobt. »Es gab damals sehr brauchbare Hinweise. Dennoch ist alles im Sande verlaufen«, erzählt Erwin Müller. Und weitere zwei Jahre später wurden die Ermittlungen der Kripo endgültig eingestellt.

Einen Anhaltspunkt auf die Herkunft der Leiche gab es damals aber doch: die Zahnprothese. Die stammte von einer Dentalfabrik aus Liechtenstein. Die Charge dieser Zähne ging 1979 nach Südosteuropa. Und von dort stammte der Mann »zu 99,9 Prozent«, wie Erwin Müller sagt. Mehr war über ihn nicht zu erfahren.

Der Breidenbacher, Jahrgang 1953, wechselte später von der Kripo Dillenburg ins Polizeipräsidium Gießen. Den Fall aber hat er nicht vergessen. »Jedes unaufgeklärte Kapitalverbrechen macht etwas mit einem. Es hat mich zwar nicht belastet, aber doch beschäftigt«, erklärt der Polizist. Und irgendwann reifte in ihm der Gedanken: Darüber könnte man etwas schreiben.

Dazu passte, das der präparierte Schädel erhalten geblieben ist. In Gießener Polizeipräsidium stand er lange auf einem Schrank. Müller fragte seinen Vorgesetzten, ob er den Fall verwenden könne - und erhielt grünes Licht.

Realität als Vorlage

So nahm er die Realität zur Vorlage für seine fiktive Geschichte. Und die hat er für seinen Krimi mit dem Fall zweier Transitleichen verwoben. Dabei handelte es sich um zwei Westberliner, die 1979 an der DDR-Transitautobahn nahe der bayerischen Grenze gefunden wurden. »Es gab viele Parallelen zu unserem Fall«, erklärt Müller. Dabei wurde ein Gastwirt erschlagen und verbrannt, »wie unser Opfer auch«. In der Realität konnten die DDR-Ermittler damals ein Täter-Ehepaar ermitteln, mit dem Toten aus Mittelhessen »hatte der Fall aber nachweislich nichts zu tun«.

Dafür regte er die Fantasie des Krimiautors an. Die Stasi taucht ebenso in seinem Buch auf, wie die Nazi-Geschichte. Denn in Rückblenden erzählt Müller von einem Mann, der sowohl im Dritten Reich wie auch später in der DDR Karriere gemacht hat. Und als SS-Angehöriger war er auf dem Balkan eingesetzt, wo er den Onkel des späteren Mordopfers ermordete. Doch in Albanien galt und gilt teilweise bis heute der Kanun - die »Gesetze des Zusammenlebens«, wie der Ex-Polizist berichtet. Und dazu gehört auch die Blutrache, die seine Krimihandlung in Gang setzt.

Müller, der dazu mehrere Zeitebenen nebeneinanderstellt. hat sich »schon immer für Geschichte, auch für Geografie« interessiert. Nach seiner Pensionierung ging er als freier Mitarbeiter zum Regierungspräsidium Gießen, für das er 2015 im Zuge der großen Flüchtlingswelle freiwillige Rückkehrer auf den Balkan begleitete. Zusammen mit einem Dolmetscher brachte er damals rund 180 Menschen in den Kosovo, nach Albanien, und Montenegro. Bei den örtlichen Behörden »hat uns diese Geste manche Tür geöffnet«. Und auch über den Kanun brachte er einiges in Erfahrung, »der die Jahrhunderte und unterschiedliche Besatzer der Region überdauert hat«. Dabei handelt es sich aber nicht nur um die Blutrache, sondern um alle Formen des Zusammenlebens, wie Müller erläutert.

Beruflich kam er nicht mit diesem Phänomen in Kontakt. Aber den »völlig anderen Zusammenhalt von Menschen aus dieser Region hat er auch erlebt. Etwa am Ende seiner Laufbahn, als er gegen eine deutsch-kasachische Tätergruppe ermittelte. Dabei ging es um Rauschgift, Zigarettenschmuggel, den Verdacht auf Organhandel. »Das ist sehr abgeschottet. Da bekommt man keine Aussage von einem gegen einen anderen«, erzählt der langjährige Kripobeamte.

Auch dieses Motiv hat er in sein Buchprojekt integriert, das er intensiv anging, als er sich einer Hüft-OP unterziehen musste. »Da hab ich das Tablet ins Krankenhaus und in die Reha mitgenommen und richtig intensiv angefangen«, erzählt der Vater zweier erwachsener Töchter. Eine große Hilfe beim Schreiben war ihm sein ehemaliger Chef Dieter Schenk, der von 1973 bis 1979 die Kriminaldirektion Gießen leitete. Schenk schrieb den Roman »Der Durchläufer«, auf dem die populäre ZDF-Fernsehserie »SOKO München« basiert. In seiner Zeit beim hessischen Landeskriminalamt in Wiesbaden hatte Schenk die Durchwahlnummer 5113, worauf der ursprüngliche Name der Serie (SOKO 5113) basierte.

Schenk gab dem Debütanten »viele gute Tipps«. Und das Schreiben ging ihm auch meistenteils »gut von der Hand«. Dennoch wurde Müller manchmal nachts wach, während die Gedanken um die Geschichte kreisten.

Chef gab Tipps

Und wie ist sein Roman nun angelegt? Er hat einfach versucht, den Alltag der Ermittler zu beschreiben, sagt er. »Da ist keiner, der alleine losgeht, den Mantelkragen hochschlägt und am nächsten Morgen den Täter mitbringt.« Die Polizeiarbeit, betont er, ist Teamarbeit. »Heute noch viel mehr als früher.« Zumal alles viel technischer geworden sei. »Es gibt so viele Einheiten bei der Polizei, so viel Spezialisierung«, sagt der Autor, der selbst Fan der Eifelkrimis von Jacques Berndorff und der historischen Fälle von Volker Kutscher ist. Für seinen Plot hat er auf alles Private im Umfeld der Ermittler verzichtet. »Es gibt keinen alten Vater, keine Geheimnisse, keine Liebesgeschichte«. Seine Figuren haben reale Vorbilder, die Müller selbst kennengelernt hat. »Insider erkennen sie.«

Derzeit arbeitet Müller als freier Mitarbeiter beim hessischen Innenministerium, wo er sich um organisatorische Belange in Sachen Impfzentrum kümmert und die Bereiche Gießen und Wetzlar betreut hat. Im Sommer soll diese Aufgabe enden. »Dann schreibe ich vielleicht wieder ein Buch. Denn zwei, drei Geschichten habe ich noch in petto. Dinge, die ich in meiner beruflichen Laufbahn selbst erlebt habe«, sagt der Krimidebütant: »Mittelhessenkrimis aus Ermittlersicht«.

Erwin Müllers Krimi-Taschenbuch »Todestransit - Die Mordsache Stippbachtal« hat 384 Seiten, kostet 14,90 Euro und ist überall im Buchhandel erhältlich.

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Der Autor Erwin Müller. © Red

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