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Eine Lektion in Demut

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Am Berliner Platz versammeln sich die Gegendemonstranten zur Kundgebung. Neben den »Omas gegen Rechts Gießen« bezieht auch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher eindeutig Stellung gegen demokratiefeindliches Verhalten. © Leyendecker

Die sogenannten »Montagsspaziergänge« haben sich mittlerweile auch in Gießen etabliert. Das rief nun 350 Gegendemonstranten auf den Plan, die klar Stellung gegen Demokratiefeindlichkeit bezogen.

Gießen (fley). Wer am Montagabend durch den Seltersweg vom Marktplatz in Richtung Elefantenklo schlenderte, dem fiel gegen 18 Uhr als erstes der Stand der Partei »Die PARTEI« auf. Die Mahnwache mit dem griffigen Motto »Wir impfen Euch alle!« spielte auf das derzeitige Phänomen der sogenannten »Montagsspaziergänge« an, die sich auch in Gießen inzwischen etabliert haben.

»Während sich sogenannte Impfgegner, gemeinsam mit Schwurblern, Querdenkern, besorgten Bürgern und Faschisten aller Art zum unangemeldeten ›Spaziergang‹ in der Innenstadt treffen, versammelt sich die sehr gute Partei ›Die PARTEI‹ Gießen ganz legal und angemeldet, um der Covid-Schutzimpfung zu mahnen«, teilte die Partei online mit. Gesagt, getan. Die Gruppe postierte sich an der Kreuzung des TKMaxx und sprach gesprächswillige Leute an.

Keine hundert Meter entfernt wurde es deutlich voller - und lauter. An der Kreuzung des Modehauses Köhler hatten sich die »Omas gegen rechts Gießen« versammelt. Die Omas erhielten zahlreiche Unterstützung von Mitstreitern aller Couleur, auch die SPD schloss sich den »Omas« an. Dort hielt Renate Weber stellvertretend für alle »Omas« die erste Rede des Abends.

Kritik an anonymen »Marschiergängern«

»Hier steht also ein Schlafschaf, das nicht einmal bei dieser Bedrohung der Demokratie durch den Staat seinen Hintern hochkriegt und solidarisch mit den ›wahren‹ Verteidigern der Freiheit ist«, spielte Weber auf Vorwürfe an, dass die »Omas« nicht solidarisch seien. »Ich, die maskentragende, geimpfte, meist Zuhause bleibende, widerstandslose alte Frau, die das auch noch für richtig hält. Und ihr armen Marschiergänger müsst jetzt ganz alleine die Freiheit verteidigen. Stattdessen lauft ihr - unerkannt bleiben wollend - durch die Nacht. In der Hoffnung, diesen Staat vorführen und delegitimieren zu können«, bekräftigte Weber.

Als dann die rund 150 »Spaziergänger« kamen, bildeten die Gegendemonstranten ein Spalier im Seltersweg. Ohne große Diskussionen ließen die Teilnehmer die »Spaziergänger« ziehen. Danach liefen die Mahnenden gemeinsam zur Kundgebung auf dem Berliner Platz. Dort, wo sich die rund 350 Teilnehmer erneut versammelten, hallten dann Reden über den gesamten Platz bis hin zu den »Spaziergängern«, die sich vor dem Stadttheater aufhielten.

»Wir stehen hier, weil eine Minderheit seit Monaten die Straßen und Headlines dominiert, da sie sich in einer Diktatur wähnt und ihre ›Freiheit‹ bedroht sieht«, betonte Weber erneut. Es gäbe eine Vielzahl von Gruppen, die wichtiger seien als die »Spaziergänger«. Nach Weber nutzte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher die Gelegenheit, um zu den Anwesenden zu sprechen. »Diese Kundgebung ist wichtig und ist gut und setzt ein ganz wichtiges Zeichen. Es ist das Zeichen, dass die sogenannten ›Montagsspaziergänge‹ hier in Gießen und in der ganzen Republik ein Irrweg sind«, sagte Becher. »Wer mit seinen Sorgen und Kritik an den Coronamaßnahmen ernsthaft gehört werden will, der irrt sich, wenn er oder sie die Montagsspaziergänge für den richtigen Ort dafür hält«. Denn von den »Spaziergängen« gingen eine andere Dimension aus, von Fake News bis hin zu Verschwörungstheorien und Grundsatzdebatten über Staats- und Demokratiefeindlichkeit.

Sinkende Teilnehmerzahlen

»Und niemand kann so tun, als wüsste er oder sie das nicht. Ich frage mich: Wie kann man Schulter an Schulter mit so einer Gesinnung unterwegs seien«, so Becher weiter. In Gießen seien zwar sinkende Teilnehmerzahlen zu vermelden, aber Aufzüge solcher Gesinnungen solle es in seiner Stadt nicht geben, sagte Becher. »Wir stehen für Weltoffenheit und wir kritisieren auch kritisch und unterschiedlich über Coronamaßnahmen, das machen wir. Wir stehen aber nicht für ein Austausch darüber, ob es Corona überhaupt gibt und ob die Wissenschaft, die Medien und der Staat lügen. Das Virus ist unser Gegner, nicht die Wissenschaft und nicht der Staat. Deswegen wehren wir uns und ich bin froh, dass es immer mehr Menschen gibt, die das tun«, unterstrich der Oberbürgermeister.

Letztlich sei die Demonstration immer wieder eine Einladung, in welcher Gesellschaft sich der einzelne mit seiner Meinung bewegen möchte. »Es ist an der Zeit zu sagen: Wir können über vieles reden. Aber wissenschaftsfeindliches Reden werden wir nicht zur Normalität werden lassen. Wir verteidigen hier unsere Werte und Positionen«, appellierte Becher. Lena Schmidt sprach für die Gießener Linke. »Ich danke euch allen, dass ihr heute hier seid. Dass ihr Haltung, Mut und Solidarität zeigt. Dass ihr euch gegen die stellt, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaft mit ihrem Hass und ihrer Hetze untergraben wollen.« Sie betonte, dass die Solidarität, die viele Menschen zu Beginn der Pandemie gezeigt hätten, inzwischen durch die Coronagegner überschattet werden würden.

Die Polizei Mittelhessen teilte mit, dass es in Gießen, Pohlheim, Grünberg, Allendorf (Lda.) und Fernwald zu angemeldeten Versammlungen kam. Nicht angemeldete Veranstaltungen hätte es in Allendorf (Lda.), Kleinlinden, Fernwald, Grünberg und Hungen gegeben, die Polizei zählte rund 1000 Personen im Landkreis Gießen.

Weitreichender sah es im gesamten Einzugsgebiet der Polizei Mittelhessen aus. »Bei den 24 Veranstaltungen, darunter angemeldete Versammlungen und Aktionen im Kontext der Kritik an den Corona-Maßnahmen, nahmen vorläufig etwa 4300 Personen teil. An den Gegen-Veranstaltungen nahmen 700 Personen teil.

Die Polizei stellte bei insgesamt mindestens 20 Personen die Identität fest, weitere Maßnahmen wie unter anderem die Einleitung von Ordnungswidrigkeitsverfahren werden aktuell noch ausgewertet«, sagte Pressesprecher Jörg Reinemer.

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