Konzert

Eine musikalische Meditation in Gießen

In der Gießener Bonifatiuskirche zeigt der Licher Kantor Christof Becker mit »La Nativité du Seigneur« von Olivier Messiaen eine große interpretatorische Leistung.

Gießen . Als besonderes musikalisches Erlebnis erwies sich das jüngste Konzert in der Bonifatiuskirche. Der Licher Kantor Christof Becker musizierte »La Nativité du Seigneur« von Olivier Messiaen. In dem voll besetzten Gotteshaus entfaltete das aparte Werk eine verblüffende, packende Wirkung. Das hoch erfreute Publikum nahm die Einladung und Anleitung des Komponisten zur geistlichen und musikalischen Meditation sehr gerne an.

Mit diesem Werk (»Die Geburt des Herrn«) begründete der junge Messiaen im Jahr 1935 seinen internationalen Ruhm als womöglich bedeutendster Orgelmusikkomponist des 20. Jahrhunderts. Die »Nativité«, die Messiaen mit ihren neun Sätzen als »Meditation« bezeichnet, kann somit als eines der modernsten und bedeutendsten Orgelwerke des frühen 20. Jahrhunderts gelten. Die Uraufführung mit einer Spieldauer von etwa 55 Minuten fand am 27. Februar 1936 in Paris statt.

»Diese Musik ist einzigartig«, sagte Pfarrer Hans-Joachim Wahl eingangs und erinnert daran, dass der Komponist Kirchenorganist gewesen sei. Allerdings kein gewöhnlicher, das merkt man schon beim ersten Satz »La vierge et l’enfant« (»Die Jungfrau und das Kind«), der mit einem, sagen wir, schrägen Auftakt in eine ungewohnte Richtung weist. Mit sanften Reibungen wird das umgehend soghaft wirksam, die Aufmerksamkeit des Hörers wird in eine bestimmte Richtung gezogen - und man folgt gern. Mit leichten klanglichen Verwirbelungen ist das eine nachdenkliche Tonsprache, die umgehend meditativ wirksam wird.

Sanft analytisch

Auch »Les bergers« (»Die Hirten«) ist nicht schöntönerisch ausgelegt, sondern eher dezidiert sanft analytisch, strukturauflösend komponiert. Insgesamt eine etwas kraftvollere, eher nachdenkliche Tonsprache, ein fast fragender Tonfall, insgesamt etwas dringlicher.

Der Komponist steigert allmählich die Intensität. In »Desseins éternels« (»Ewige Ratschlüsse«) wird der Klang langsam voller und bekommt mehr Tiefe, es geht aber weiter abseits der üblichen Harmonik, mystisch und mit tiefen Bässen hält sich die Spannung. Intensiv und mit machtvollem Tonfall geht es in »Le verbe« (»Das Wort«) zur Sache und es bleibt interessant: Wirken die Hörner in der dissonanten Strecke nun festlich oder bedrohlich? Das geht mit exquisitem Klangdesign einher und fördert mit klar kontemplativem Duktus das Versenken ins Thema. »Les Enfants de Dieu« (»Die Kinder Gottes«) beginnt lebhaft und wird nach diesem heftigen Aufschrei wieder nachdenklich, man hört die Orgel geradezu Atmen.

Christof Becker macht die zahllosen Facetten des Klangs deutlich und bildet die besonders diffizilen, sehr langsamen Tempi souverän und mit herausragender, nie nachlassender Transparenz ab. Irgendwelche Spuren der Erzeugung der Musik sind nicht zu hören, allein die Intensität des Werks wirkt auf das Bewusstsein des Hörers.

Besonders reizvoll ist »Les Anges« (»Die Engel«), ein quirliges, lebendiges Treiben: Die fröhlichen Engel können sich bei ihrem Lobgesang kaum beruhigen - eine angenehm ungewohnte Erfahrung. »Jésus accepte la souffrance« (»Jesus nimmt das Leiden an«) ist gekennzeichnet durch zwei geradezu monumentale Akkordschläge - erneut keine Spur von Harmoniebestreben - und endet in einem strahlenden Dur-Akkord. Der aber kündigt keine generelle harmonische Kursänderung an.

»Les mages« (»Die Weisen«), von Christof Becker federleicht realisiert, kommt dann sanft, verhalten und versonnen daher und bringt einen kontrastierenden Duktus, der eher wie ein etwas länglicher Monolog anmutet. Klanglich ist das sehr ästhetisch, mit einem sehr attraktiven feinen Abschluss.

Wie ein Wirbelwind

Das abschließende »Dieu parmi nous« (»Gott unter uns«) eröffnet mit einem machtvoll-eindringlichen Auftakt, wobei die drei musikalischen Grundgedanken des Satzes vorgestellt werden. Wie ein Wirbelwind kommt das daher, zunächst dissonant wie eine Aufforderung. Man begegnet kontrastreichen Themen, ein jubilierender Unterton wird hörbar. Dann gräbt sich das Werk mit einem machtvollen, vielfarbigen Abschluss ins Gemüt der Zuhörer ein. Es folgt langer, intensiver Beifall für eine große interpretatorische Leistung.

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