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»Eine sehr gewinnende Art«

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Rudolf Lotz lockte die Kunstfreunde seit fast drei Jahrzehnten in seine Galerie auf dem Schiffenberg. Jetzt ist er 71-jährig gestorben. © Klein

Rudolf Lotz machte aus einem alten Stall die Galerie auf dem Schiffenberg, in der prominente Namen und regionale Künstler gleichermaßen zu entdecken waren. Jetzt ist er 71-jährig gestorben.

Gießen. Er führte die Galerie auf dem Schiffenberg fast ein wenig im Verborgenen, das jedoch jahrzehntelang. Jetzt ist Rudolf Lotz mit 71 Jahren an Krebs gestorben. Er war ein wesentlicher Akteur der regionalen Kunstszene und der letzte eigenständige Galerist in Gießen, der regelmäßig Ausstellungen veranstaltete. Zu seinem Programm gehörten prominente Namen ebenso wie die Werke regionaler Künstler.

Lotz, Jahrgang 1950, stammt aus der Region und hat zunächst mehrere unterschiedliche Berufe ausgeübt. Er war Soldat und Polizist, machte eine kaufmännische Lehre und auf dem zweiten Bildungsweg Abitur, erinnert sich Gerd Steinmüller, früher Dozent am Institut für Kunstpädagogik (IfK). »Wir haben zur selben Zeit in Gießen studiert, er Kunstpädagogik und ich Kunstgeschichte, nur dass Rudi nach dem ersten Staatsexamen Schluss gemacht hat, weil er wegen seines kleinen Sohnes Geld verdienen musste.«

Zudem habe Lotz auch viel fotografiert. Seine Motive vom Aufstellen und Vor-Ort-Bearbeiten des »Steins zur Meditation« von Karl Prantl am Uni-Kunstweg schafften es Mitte der 80er sogar in eine Ausstellung in der damaligen Kunsthalle in der Kongresshalle, erinnert sich Steinmüller.

1987 eröffnete Rudolf Lotz dann in der Wetzlarer Schmiedgasse seine erste Galerie. Gegen Ende des Jahrzehnts wechselte er mit seiner Frau nach Gießen und eröffnete die Galerie »WohnSinn« am Kirchenplatz. Doch bald darauf war wieder Schluss, 60 Stunden Arbeitszeit pro Woche waren einfach nicht zu schaffen.

Der Ur-Gießener Lotz traf sich regelmäßig mit Freunden im Restaurant auf dem Schiffenberg. Und dort oben kam ihm die Idee, auch sein Geschäft dort anzusiedeln. Platz dafür gebe es aber »nur im Stall«, beschied ihm der damalige Wirt. Also inspizierte man gemeinsam die Räumlichkeit, und Lotz war begeistert von dem alten Gemäuer.

Der damalige Oberbürgermeister Manfred Mutz, der ihm wohlgesonnen war, erkundigte sich in der Stadtverwaltung, ob der Raum nutzbar sei, und bald darauf konnte der Galerist loslegen. Er musste alles selbst renovieren, Schutt ausräumen, Wände streichen und eine Heizung einbauen lassen. Nach drei Monaten fand im April 1992 die erste Ausstellung statt.

Galerie im Stall

Kunsthistoriker Friedhelm Häring, einst Museumsleiter in Gießen, hatte die Räume der Galerie eigentlich für »eine Art offenes Schiffenberg-Museum« haben wollen und das dem OB auch so angetragen, »aber dann war der Herr Lotz drin.«

Für Häring war der findige Lotz eine Bereicherung der regionalen Kunstszene: »Er hat immer wieder interessante Ausstellungen dorthin geholt. Er konnte auch gut mit Menschen umgehen und hatte eine sehr gewinnende Art.«

Lotz zeigte neben Arbeiten von Künstlerstars wie Horst Janssen, A.R. Penk oder Armin Müller-Stahl auch regionale Künstler und förderte damit die hiesige Szene.

Noch heute in Erinnerung: Im 25. Jahr des Bestehens seiner Galerie veranstaltete Lotz 2017 ein besonderes Programm. Es begann mit einer Retrospektive zu dem Gießener Maler und Grafiker GKA Sturm, der 1985 bei einem Unfall ums Leben kam. Lotz hatte den Nachlass gekauft und konnte so die ganze Breite von Sturms politisch motiviertem Schaffen zeigen.

Es folgten die Fotoarbeiten des Marburger Musikers Werner Eismann und die Präsentation von Arbeiten Erhard Göttlichers.

Neben der Entdeckung hochrangiger Künstler konnte man in der Galerie immer auch ausgiebig stöbern, sie war voll von Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen und nicht zuletzt künstlerischem Kleinkram. Sehr beliebt waren immer Bilder von Janosch, am besten liefen seine Postkarten.

Der Tod von Rudolf Lotz reißt nun eine Lücke in die regionale Kunstlandschaft. Von einst etwa zehn Galerien ist nun auch die letzte eignergeführte geschlossen. Friedhelm Häring bedauert: »Das sind immer Verluste für die Kultur.« Die Pläne der Stadt zu den Räumlichkeiten auf dem Schiffenberg sind noch nicht bekannt, doch für Kulturamtsleiter Stefan Neubacher wäre es »wünschenswert, dass dieser Ort so weiterbesteht«.

Als einzige aktive Galerie bleibt nun zunächst die Galerie 23 der Lebenshilfe übrig. Und natürlich tragen Kultur im Zentrum (KiZ), der Oberhessische Künstlerbund (OKB), der Neue Gießener Kunstverein, das Frauenkulturzentrum und die Reihe Kunst im Klinikum, der Verein »Trafo« und die Raumstation zum Kunstangebot in Gießen bei. Ebenso wie das hochrangige Ausstellungsprogramm der städtischen Kunsthalle im Rathaus.

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