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Eine steinalte Geschichte

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Steinalt: Dieses Objekt aus dem 15. Jahrhundert fand sich in einem Karton des Stadtarchivs - seine Geschichte wird nun auf der Internetseite des Hauses vorgestellt. © Sophie Schmuck

Das Stadtarchiv Gießen stellt »Kostbarkeiten und Kuriositäten« im Internet vor - etwa einen rund 500 Jahre alten Pflasterstein. vom Kirchenplatz.

Gießen . Das Stadtarchiv gilt als kulturelles Gedächtnis Gießens. Schließlich lagern dort nicht nur Akten und Dokumente aus vielen Jahrhunderten, sondern auch, öffentlich einsehbar, alle Ausgaben des Gießener Anzeigers, bis hin zur im Jahr 1750 erstmals erschienenen Ausgabe. Doch manchmal sind sogar die Archivare selbst verwundert, was es alles in den eigenen Beständen zu entdecken gibt. Anlässlich des heutigen bundesweiten 11. Tages der Archive hat das im Rathaus angesiedelte Haus einige besondere Schätze ausgewählt, die es nun im Internet vorstellt.

Schwerer Karton stand im Weg

Dazu zählt etwa ein Pflasterstein, der es eher zufällig zu neuerlicher Beachtung fand. Denn bei der Recherche nach einer Akte war Mitarbeiterin Wiebke Lutze ein Karton im Weg, den sie zunächst lediglich beiseite räumen wollte. Doch das Teil erwies sich als ungewöhnlich schwer und schlecht ausbalanciert. Kein Wunder: Darin befand sich neben den zu erwartenden Akten auch eine Schachtel mit gewichtigem Inhalt.

Allein dieser Umstand ist bereits ungewöhnlich genug. Denn in erster Linie werden Unterlagen im Stadtarchiv überliefert, keine Objekte, berichtet Stadtarchivar Dr. Christian Pöpken. »Vor allem Papierakten, Pläne, Fotos, Urkunden, aber auch mal Notgeldscheine, Postkarten oder ein Siegel«, zählt er im Gespräch mit dem Anzeiger auf. Doch nun kam auch der Pflasterstein zur Geltung. Ein beiliegendes Schreiben bringt Licht ins Dunkel: Es handelt sich um ein Zertifikat, unterschrieben von Pfarrer Peter Ohl (Pankratiusgemeinde), das den Fund dieses Steines bei archäologischen Grabungen 2014 auf dem Kirchenplatz bestätigt. Die gab es in Vorbereitung auf die umfangreichen Baumaßnahmen im Zentrum der Stadt. »Über viele Wochen wurde damals Erdschicht für Erdschicht abgetragen und die auf etwa das 15. Jahrhundert zu datierende Pflasterung aufgedeckt«, heißt es im entsprechenden Internet-Kapitel des Stadtarchivs. In den Jahren nach den Ausgrabungen konnten viele dieser Pflastersteine durch die Pankratiusgemeinde für Spenden verteilt und auf diese Weise gemeinnützige Zwecke unterstützt werden. Ein umfangreicher, gut lesbarer Text bietet viele weitere Details zum Thema, das über das Objekt Pflasterstein auf 500 Jahre Baugeschichte inmitten der Gießener Innenstadt verweist.

Solche Funde tauchen zwar nicht regelmäßig auf, »aber es kommt durchaus schon mal vor«, erzählt Stadtarchivar Pöpken. Wie beim Hausputz findet man »plötzlich Dinge, nach denen man gar nicht gesucht hat«. Interessante Beispiele wie dieses, mit denen Gießener Historie dokumentiert wird, hat das Stadtarchiv einige zu bieten. Die ersten, im Internet auch bebilderten, Beiträge behandeln Justus Liebig als Bauherrn, eine rätselhafte Aufforderung zum Duell sowie den 2015 gestorbenen Feuilletonisten Otto Gärtner als Jungliteraten.

Erinnerung an Kölner Katastrophe

Anlass für den Auftakt ist der heutige »Tag der Archive«, der alle zwei Jahre bundesweit am ersten Märzwochenende stattfindet - zur Erinnerung an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009.

Führungen sind in Gießen angesichts der Pandemie derzeit noch nicht möglich. Daher wollen Pöpken und sein siebenköpfiges Team künftig in loser Folge weitere Beiträge online stellen. sollen die »Archivschätze« laufend erweitert werden und auf das kostbare und manchmal kuriose Kulturgut im Stadtarchiv aufmerksam machen. »Nicht in Konkurrenz zum Oberhessischen Museum«, wie Pöpken betont. Und auch nicht als Ersatz für Ausstellungen und Führungen vor Ort. Die sollen beim nächsten Tag der Archive aber auf jeden Fall wieder stattfinden.

Anlässlich des bundesweiten »Tags der Archive« hat das Stadtarchiv Gießen eine neue Rubrik über die städtische Homepage eingerichtet: »Archivschätze«. Zu finden ist sie unter: www.giessen.de/Leben/Bildung/Stadtarchiv/Archivschätze/. Dort werden künftig in loser Folge weitere Beiträge zu interessanten Fundstücken vorgestellt. Führungen sind derzeit nicht möglich, der Lesesaal im Rathaus steht dem Publikum hingegen wieder zur Verfügung. Dazu muss aber vorläufig ein Termin vereinbart werden: per E-Mail oder telefonisch unter 0641 306-1540. (bj)

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