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Eine Todesnachricht im Bus

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Von: Felix Müller

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»Wir alle sollten den Glauben nicht verlieren«: die ukrainische Schriftstellerin Victoria Feshchuk im Levi-Saal. Foto: Müller © Müller

Die junge ukrainische Schriftstellerin Victoria Feshchuk stellte ihre emotionalen Gedichte im Gießener Levi-Saal vor.

Gießen. »Ich freue mich heute sehr, eine so starke, kraftvolle Stimme begrüßen zu dürfen. Eine Stimme, die nicht schweigt,« eröffnete Moderation Annika Teichmann die Lesung am Dienstagabend im Gießener Hermann-Levi-Saal. Gemeint war die ukrainische Autorin und Übersetzerin Victoria Feshchuk, die mit eindringlichen Texten und Gedichten, bei dem der Krieg in ihrer Heimat Ukraine eine elementare Rolle spielt, beim Publikum einen bleibenden Eindruck hinterließ.

»In einer derart stillen Nacht hast du Angst vor den Sternen, die zu schnell fallen«, notierte die Schriftstellerin, die in diesem Jahr das Stipendium »Hafen der Zuflucht Hessen« vom Gießener Verein »Gefangenes Wort« erhielt. Es sind Zeilen, die in einem Kriegszustand eine ganz andere Bedeutung bekommen, in denen Sterne nicht unbedingt etwas Schönes darstellen. Die Textpassage stammt aus einem »Tagebuch-Gedicht«, wie es die 26-jährige Feshchuk selbst beschrieb. Bemerkenswert ist auch die Entstehungsgeschichte dieser Lyrik. »Ich habe am 24. Februar, also dem Tag, an dem der russische Krieg gegen die Ukraine gestartet ist, damit begonnen, jeden Tag drei Zeilen zu schreiben. Beendet habe ich dieses Gedicht exakt sechs Monate später, am 24. August, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag«, erläuterte die Autorin, die in ihrem Heimatland schon zahlreiche literarische Auszeichnungen erhalten hat.

In den wenigen Zeilen, die im Wechselspiel zunächst von Feshchuk auf Ukrainisch und im Anschluss von Antje Tiné vom Stadttheater Gießen auf Deutsch vorgetragen wurden, offenbarten sich viele Gefühle und beklemmende Gedankenspiele.

Das klang dann etwa so: »Die Nachbarskinder spielen Frieden, zählen so die Tage bis zu den Ferien. Und dann?« Oder: »Ein Freund in Charkiw sagt: Alltag ist, die Person neben dir nicht retten zu können.« So fasste die auch als Übersetzerin tätige Schriftstellerin, die neben Ukrainisch auch Russisch, Polnisch und Englisch fließend beherrscht, immer wieder bedrohliche, traurige Momente in Worte, die sich vor allem im Kopf abspielten. Den Alltag ließ sie dabei immer wieder mit dem Kriegsgeschehen kollidieren: »Heute haben wir Kartoffeln geerntet. Es war wie ein Feiertag, ein ganzer Tag ohne Krieg.« Dabei war es Victoria Feshchuk ebenso wichtig, den Zuhörern auch Lichtblicke zu vermitteln, zu zeigen, dass die Menschen in dem bedrohten Land sich nicht aufgeben und zusammenhalten. »Heute hat der ganze Garten vor Schneeglöckchen geblüht und uns mit seinem Wachstum erfreut.«

Darja Goldberg untermalte die atmosphärische Lesung auf dem Akkordeon mit beunruhigenden Klängen, aber auch sanften und fröhlichen Tönen. Für die Autorin selbst fühlte es sich »etwas seltsam an«, ihre Texte in Verbindung mit der stimmungsvollen Musik vorzutragen - vor allem die früheren Passagen. »Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte jemand anderes diese Zeilen geschrieben. Ich erinnere mich zwar an die Geschehnisse und viele Details, trotzdem klingen vor allem die im Februar oder März entstandenen Textausschnitte manchmal so, als habe eine andere Person über mein Leben geschrieben.«

Der Text diene vor allem dazu, »die eigenen Gefühle zu bewahren«. Gewidmet sei der Text hauptsächlich ihrer Familie und ihren Freundinnen, die in der Ukraine leben. »Die Gefahr in Kriegszeiten ist doch, dass die Frage nach dem eigenen Befinden mit einer Kollektiv-Antwort einhergeht. Man verliert das Gefühl für sich selbst,« erläuterte die 26-Jährige, die seit August in Kassel wohnt und vom »Hafen der Zuflucht Hessen« unterstützt wird. Dieser bietet aufgrund ihrer Arbeit zu Unrecht verfolgten Medienschaffenden, einen Ort zum freien Denken und Handeln.

Das die Künstlerin sich dabei für ein jeweils dreizeiliges »Tagebuch-Gedicht« entschieden hat, begründete sie so: »Es hat zunächst einen dokumentarischen Charakter, basiert auf der Realität, ohne Metaphern oder fiktionale Elemente. Durch den Tagebuch-Aspekt wird es persönlicher als bei anderen Textarten. Man offenbart etwas über sich selbst - ein Vorgang den ich normalerweise nicht für meine Lyrik nutze.«

Neben dem Gedicht trug Antje Tiné eine ebenso emotionale Kurzgeschichte auf Deutsch vor, die eine selbst erlebte Busfahrt der Autorin beschrieb. Dort bekommt sie ein Telefongespräch einer mitfahrenden Passantin mit, in deren Verlauf sie von dem Tod eines Familienangehörigen erfährt. »Die Frau legte auf und fing lautlos an zu schluchzen. Die Passagiere verstummten und so blieb es etwa 12 Minuten. Bis zum Zielort waren es noch 22 Minuten Weg.«

Nach zwei aufwühlenden Texten und regem Austausch wünschte sich die Dichterin vor allem eines: »Es soll klar werden, dass das Leben in der Ukraine weitergeht. Es gibt Licht, Energie, Hoffnung und intensive Emotionen. Wir alle sollten den Glauben nicht verlieren.«

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