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»Eine Tür, die ich abschließen kann«

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Von der Straße aus ist das Leben nicht einfach zu organisieren, meint Sarah von Trott. © Oliver Berg/dpa

Seit 2016 gibt es in Gießen das Projekt »Housing First«, das Obdachlose in Wohnungen bringt. Jetzt läuft die Finanzierung aus.

Gießen. Das Leben aus den eigenen vier Wänden heraus aufbauen. Nicht von der Straße aus. Das ist der Kerngedanke von »Housing First« für Menschen, die keine feste Bleibe haben. »Ich habe knapp fünf Jahre auf der Straße gelebt und mal hier, mal da geschlafen. Das ist wahnsinnig anstrengend gewesen. Und ohne Wohnung habe ich es einfach nicht geschafft, einen Arbeitsplatz zu kriegen oder eine Tagesstruktur aufzubauen. Jetzt gelingt mir das«, berichtet ein Gießener, der nicht namentlich genannt werden möchte. 17 solcher Fälle gibt es mittlerweile in der Stadt. Und als das Diakonische Werk Gießen »Housing First« im Jahr 2016 startet, leistet das Team um Sarah von Trott und Kollegen in Deutschland praktisch Pionierarbeit. Die Finanzierung über den »Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP)« ist bislang allerdings jeweils zeitlich befristet. Ende Mai ist ein neuer Antrag fällig: »Wir müssen wieder ein komplettes Bewerbungsverfahren absolvieren. Und es sind super viele Mitbewerber«, erzählt von Trott. Theoretisch sei es auch möglich, dass die Gießener nicht weiter aus dem Fonds finanziert würden.

»Es war eine schwierige Zeit«

»Eine Tür zu haben, die ich abschließen kann. Ruhe zu haben, Sicherheit zu haben. Eine Dusche und eine Toilette zu haben, die ich nicht mit 30, 40 Leuten teilen muss«: Das seien wesentliche Aspekte der eigenen Wohnung, führt der Gießener aus. Da er »psychisch nicht der gesündeste Mensch« sei, sei es für ihn nicht einfach gewesen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. »Ich habe durch Krankheit meine Arbeit und dadurch mein Erspartes verloren. Danach ging es nur noch abwärts.« Mit dem Einzug in die eigene Wohnung habe sich das geändert. Das gilt auch für einen weiteren, ebenfalls anonymen Fall. »Ich war ungefähr zehn Jahre auf der Straße. Schon als Jugendlicher habe ich als Straßenkind in Polen gelebt. Es war eine schwierige Zeit«, erzählt der Klient. Er sei ein Kämpfer, aber manchmal habe er keine Kraft mehr gehabt und auch ein paar Selbstmordversuche unternommen. Die Unterstützung durch das in der »Brücke« beheimatete Team um von Trott, die freiwillig ist, nimmt der Mann in Anspruch. »Ja, ich komme immer wieder gern hierher«, unterstreicht der erste Gießener »Housing First«-Klient. Er wolle Dinge aber auch »selbst auf die Reihe kriegen«. Ein dritter Klient, der seine Heimat nach einer Vergiftung aus religiösen Gründen verlassen musste, ergänzt, dass er jahrelang keine solide Bleibe gekriegt habe. Das habe sich erst mit »Housing First« geändert.

Mit dem neuen Ansatz habe die Diakonie neben dem Wohnungsprojekt zugleich die Straßensozialarbeit erweitert. »Dadurch hatten wir im letzten Jahr 175 neue Fälle und die Bestandsklienten«, erklärt von Trott. Die Fälle derer, die in Wohnungen eingezogen sind, sprächen für sich. Von Trott: »Wenn man sieht, wie sich die Menschen von dieser Basis aus entwickeln und wachsen - das ist so enorm. Unser Ansatz ist: Die Klienten entscheiden selbst, ob und wie wir unterstützen. Wir geben nichts vor. Man sieht bei jedem die Eigenmotivation und dass man das Leben einfach nicht von der Straße aus organisieren kann, insbesondere dann, wenn auch noch psychische Probleme oder ein Alkohol- oder Drogenproblem dazukommen.«

Alle Fälle hätten sich in der Wohnung positiv entwickelt, auch bei entsprechenden Süchten. Viele hätten inzwischen eine Arbeit und sich auch auf anderen Ebenen weiterentwickelt, etwa bei den Themen Schulden, Psyche, Sucht und auch bei der Rückkehr und Integration in die Gesellschaft. »Es ist nicht so, dass die Wohnung da ist und alles ist gut. Manche haben in der ersten Zeit eine Krise, denn sie müssen sich neu erfinden«, so die Pädagogin. Dr. Kai Hauprich, stellvertretender Geschäftsführer und Projektleiter »Housing First« im Kölner Vringstreff, bestätigt, dass sich die Menschen in den Wohnungen stabilisierten. Es sei viel leichter, in einer Wohnung beispielsweise über die persönlichen Papiere eines Klienten zu sprechen als auf der Straße. Körperliche und seelische Gesundheit verbesserten sich massiv, auch wenn vor allem psychische Probleme zu Beginn in der neuen Wohnung gelegentlich akut würden. Auch in Köln gelinge die soziale Integration überwiegend. »Problematisch wird es nur dann, wenn Mitbewohner erfahren, dass es sich um einen ehemaligen Obdachlosen handelt«, verdeutlicht Hauprich. Deshalb seien die Kölner sehr engagiert, entsprechende Aufklärungsarbeit zu leisten. Achim Ickler, bei der Diakonie Saar in Saarbrücken für »Housing First« zuständig, weist auf die Niedrigschwelligkeit des Ansatzes hin. »Wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen«, hebt Ickler hervor. Die Selbstständigkeit stehe sehr im Vordergrund. Wie in Gießen und Köln liegt die Wohnstabilität auch in Saarbrücken bei über 90 Prozent, und »einige finden auf diesem Weg wieder ins Arbeitsleben zurück. Die Gesundheit verbessert sich im Großen und Ganzen und die Menschen sind wieder an das System angebunden.«

Wie es in Gießen weitergeht? »Bis Ende Juni läuft die Finanzierung. Dann gibt es drei Monate Verlängerung. Man hofft, dass die Zusage innerhalb dieser drei Monate vorliegt, geht aber davon aus, dass Ende September nur eine Fast-Zusage kommt. Darauf könnte man dann eine Vorfinanzierung beantragen«, stellt Peter Klaes von der Diakonie dar. Es handele sich aber erneut um ein offenes Bewerbungsverfahren. Zwei Stellen könnten wegfallen, sollte der Antrag auf Finanzierung aus dem EHAP scheitern. Gerade die personelle Konstanz sei aber wichtig, weil der »Housing First«-Ansatz von gewachsenem Vertrauen und Beziehungsarbeit zwischen Mitarbeitern und Klienten lebe, resümiert von Trott.

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