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Einheit statt Kühe melken

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Von: Albert Mehl

Erstmals fungierte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) als Gastgeber und zum ersten Mal war kein »Promi« von außerhalb für den Gastvortrag eingeladen worden.

Gießen . Die ehemalige DDR-Kultband »Karat«, ihr westdeutsches Gegenstück »Scorpions«, Ausschnitte aus der Biografie des aus der DDR geflüchteten Fußballers Norbert Nachtweih und am Schluss der Verweis auf die Ähnlichkeit von Ossi- und Ostfriesenwitzen. Die Feierstunde des Magistrats der Universitätsstadt Gießen am 3. Oktober 2022 zum Tag der Deutschen Einheit, so die offizielle Bezeichnung, kam etwas ungewöhnlich und vielleicht nicht ganz staatstragend daher. Aber nur auf den ersten Blick. Die verschiedenen Anleihen halfen, die Entwicklung nach über 30 Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung ins rechte Licht zu rücken.

Dabei kam es zu zwei Premieren. Erstmals fungierte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) als Gastgeber und zum ersten Mal war kein »Promi« von außerhalb für den Gastvortrag eingeladen worden. Diesmal ging Prof. Ingrid Miethe als Leitende Repräsentantin des Instituts für Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Gießener Uni zum Mikrofon und beleuchtete die deutsche Vereinigung als interkulturellen Prozess.

Das war auch schon in Ansätzen bei Frank-Tilo Bechers Einführung deutlich geworden, als er einen kleinen Filmausschnitt aus dem Video »An die Wand gespielt« mit und über Norbert Nachtweih präsentierte. Der Fußballer war 1976 über die Türkei in den Westen geflüchtet. Er habe seine Karriere »hier in Gießen im Notaufnahmelager« begonnen, wies der OB auf die Bedeutung der Erstaufnahmeeinrichtung im Meisenbornweg hin. Der Ort werde für Gießen weiter ein »bedeutsamer Ort« bleiben, erklärte das Stadtoberhaupt im Blick auf die dort vorgesehene Lern- und Erinnerungsstätte samt Jugendherberge. Das werde hoffentlich viele junge Leute nach Gießen bringen und zeigen, dass dieser Teil der Geschichte »anschlussfähig« für die Situation der jungen Generation sei. »Die Verantwortung aus dieser jüngeren Geschichte nehmen wir mit«, sagte Becher.

Ganz andere persönliche Bezüge mitgebracht hatte Ingrid Mie-the. Denn die 1962 in Plauen geborene Sozialwissenschaftlerin war Ende der 80er Jahre Mitglied der Friedensbewegung der DDR gewesen. »Der Fall der Mauer hat auch für mich eine große persönliche Bedeutung«, blickte sie zurück. Denn dadurch sei es für sie überhaupt möglich gewesen, zu studieren und zur Professorin zu werden. »Sonst würde ich jetzt in einer Kommune in Brandenburg Kühe melken oder Theologie studieren.«

Parallelen zur Migrationsforschung

Um ihren Ansatz der Deutschen Vereinigung als interkulturellen Prozess zu untermauern, zitierte die Erziehungswissenschaftlerin verschiedene Studien gerade auch aus der Migrationsforschung. Die ließen sich gut vergleichen mit Erkenntnissen über die Unterschiede im Westen und Osten Deutschlands, erläuterte sie. Etwa im Blick auf die noch immer bestehenden und teilweise gravierenden Nachteile bei den Lebensverhältnissen, bei der Besetzung von Elitepositionen und bei der Mediensituation. Deshalb forderte sie, die Ungleichheiten ernst zu nehmen. »Das würde viel helfen!« Andererseits sei die um sich greifende Demokratiemüdigkeit kein Problem des Ostens, sondern ein »gesamtdeutsches Phänomen«.

Es gebe noch einiges zu tun, schlussfolgerte Miethe. Das mindere aber nicht die Leistung der Vereinigung. »Wir können darauf stolz sein.« Es sei es eine »gewaltige Leistung«, die vollbracht worden sei beim Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten, wobei sie Ostdeutsche, Westdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund in einem Atemzug genannt sehen will. Auf ihre persönliche Situation bezogen, meinte die in Darmstadt lebende Rednerin: »Ich fühle mich als Hessin.« Bleibt noch nachzutragen, dass neben der zahlreich vertretenen Gießener Prominenz um den Bundestagsabgeordneten Dr. Helge Braun (CDU) Bürgermeisterin Patricia Ortmann (parteilos) aus Biebertal gekommen war, Martin Hanika (CDU) den Landkreis vertrat und Stadtkämmerer Jörg Kratkey (SPD) den Weg aus Wetzlar gefunden hatte.

Und was hat das jetzt mit Karat und den Scorpions zu tun? Die wurden vom Blechbläserquartett des Philharmonischen Orchesters Gießen mit Johannes Osswald, Christian Tolksdorff (beide Trompete), Alvaro Artunedo (Horn) und Sebastian Witzel (Tuba) mit den Titeln »Über sieben Brücken« und »Still loving you« präsentiert, wobei die Vier am Ende mit der Deutschen Nationalhymne und der Europahymne auch dem letzten Besucher die Feierlichkeit der Gedenkstunde vermittelten.

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Prof. Ingrid Miethe Foto: JLU Gießen © JLU Gießen

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