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Einmal Seniorin und zurück

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Kleine Treppe, große Anstrengung: Niels Latta demonstriert den Altersanzug. Fotos: Pfeiffer © Pfeiffer

Wie fühlt es sich an, alt zu sein? Das können Medizinstudierende der Justus-Liebig-Universität Gießen mit Hilfe spezieller Anzüge ausprobieren.

Gießen . Nur noch wenige Zentimeter trennen Noelles Kopf von der Wand. Immer näher kommt die Medizinstudentin dem Schild, das Besucher wissen lässt, dass hier die Fachschaft Medizin zu Hause ist. »Ich kann gerade noch das ›F‹ lesen«, sagt die junge Frau. Und die Schrift auf dem Plakat, das Werbung für eine Veranstaltung macht? »Nur die großen Sachen.« Eigentlich sieht Noelle gut - doch jetzt trägt sie eine Brille, die den Grauen Star simuliert. Bei der Krankheit trübt sich die Augenlinse ein, das Sehvermögen lässt nach.

Die Brille ist Teil eines Altersanzug, den angehende Mediziner der Justus-Liebig-Universität (JLU) am GRIPS, dem Gießener Zentrum für Praktisches Lernen und Simulation in der Medizin, ausprobieren können. Mit dem Simulator sollen sie erfahren, wie es ist, alt zu sein - um sich so auch besser in ihre späteren Patienten einfühlen können.

Ältere Menschen würden beim Arzt »manchmal geduzt und wie ein kleines Kind behandelt«, hat Dr. Iris Schleicher festgestellt. Die Orthopädin und Unfallchirurgin ist ärztliche Leiterin des GRIPS, das zum Institut für Hausärztliche Medizin gehört. Die Besonderheit: Die angehenden Mediziner lernen hier nicht von Dozenten, sondern von ihren Kommilitonen. Dadurch, so Schleicher, »trauen sich die Studierenden mehr« und lernten auch besser.

Während der Corona-Pandemie konnten viele GRIPS-Kurse jedoch nur digital stattfinden. Andere, wie das Ausprobieren des Altersanzugs, mussten ganz ausfallen. »Die praktischen Übungen, zum Beispiel beim Nähen, haben sehr gefehlt in den vergangenen Jahren«, sagt Susanne Benner, die an der Organisation und Konzeption der Kurse mitarbeitet. Umso glücklicher ist man beim GRIPS, dass mittlerweile wieder mehr Normalität in das Studium eingekehrt ist.

Rund 50 Medizinstudierende sind derzeit als Tutoren im Einsatz. Eine von ihnen ist Svenja Sürth. Als angehende Mediziner »werden wir später in fast jeder Disziplin mit älteren Menschen zu tun haben«, sagt sie. Es sei daher wichtig zu verstehen, welche Einschränkungen das Alter mit sich bringt.

Noelle erfährt das gerade am eigenen Leib. Die Brille, die den Grauen Star simuliert, macht die Treppen im Medizinischen Lehrzentrum in der Klinikstraße zu einer Herausforderung. Die ersten und letzten Stufen, die mit einer dunklen Kante markiert sind, könne sie noch vergleichsweise gut erkennen. »Aber die dazwischen verschwimmen.« Die knallgrüne Weste sorgt derweil dafür, dass die Studentin wie bei einer Wirbelsäulenverkrümmung nur noch leicht gebückt gehen kann, Handschuhe stören das Empfinden in den Fingern.

Die nächste Aufgabe, die Tutorin Desirée Lange stellt, wird dadurch nicht leichter: 17 Cent soll Noelle aus einem Münzgeldbeutel abzählen. Kurzerhand dreht sie den Geldbeutel um und schüttet die Münzen vor sich auf den Tisch: »Ich kann es sonst nicht erkennen.« Kritisch beäugt sie die einzelnen Geldstücke, sucht nach Rillen und vergleicht die Dicke. »Das hier könnte das Brandenburger Tor sein. Die Zahlen erkenne ich nicht.« Am Ende landen statt der geforderten 17 lediglich 13 Cent auf dem Tisch - und an der Kasse im Supermarkt wären die Wartenden hinter ihr vermutlich bereits genervt.

Neben dem knallgrünen Anzug gibt es im GRIPS auch ein neues Modell, das beinahe futuristisch anmutet. Niels Latta, der als Bindeglied zwischen den Tutoren und der Uni dafür sorgt, dass bei den Kursen alles reibungslos abläuft, macht einen Probelauf durch das Treppenhaus: »Man braucht deutlich mehr Kraft, um sich zu bewegen.« Gefühlt seien die Stufen zu hoch, das Anheben der Beine schwierig. Doch vor allem das eingeschränkte Sehen sei für die Teilnehmer des Kurses schwierig.

Das bestätigt auch Noelle: »Das Laufen ging eigentlich ganz gut. Das Lesen war die größte Herausforderung.« Neben dem Grauen Star können mit Hilfe der Brillen und dem austauschbaren Visier des Helmes auch andere Augenkrankheiten nachempfunden werden. Noelles Kommilitonin Leonie bekommt eine Brille gereicht, die eine Makuladegeneration vortäuscht. Bei dieser Krankheit geht die Sehfähigkeit im Bereich des schärfsten Sehens verloren, Gegenstände, auf die man seinen Blick richten will, sind verschwommen oder überhaupt nicht mehr zu sehen. Garn in eine Nadel einfädeln? Nahezu unmöglich, wie Leonie feststellen muss.

Gerade erst habe sie ein Pflegepraktikum absolviert, erzählt die junge Frau, nachdem sie den Anzug wieder abgelegt hat. »Da habe ich gesehen, wie lange auch alltägliche Handlungen brauchen können.« Es selber auszuprobieren sei aber noch mal etwas anderes: »Als junger Mensch kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, alt zu sein.«

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Ganz nah ran: Die Brille simuliert den grauen Star. © Eva Pfeiffer

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