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Elefantenklo statt Eiffelturm

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Von: Felix Müller

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Fährt als Gewinner mit 500 Stickern zurück in seine Heimatstadt Berlin: Ortwin Bader-Iskraut. Foto: Müller © Müller

Gießen. Unterhaltsam, nachdenklich und sogar international: So präsentierte sich der Poetry Slam am Donnerstagabend im Ulenspiegel. Mit Marco Valentino hatte ein gebürtiger Pariser den Weg nach Gießen gefunden. »Heute hat er sich gedacht, Eiffelturm habe ich keinen Bock drauf. Heute gebe ich mir mal Elefantenklo«, stellte Stefan Dörsing fest, der wie immer zusammen mit Benedict Hegemann entspannt durch den Abend führte.

Thematisch schöpften die sieben beteiligten Poetry Slammer aus dem Vollen, regten sich über typisch deutsche Verhaltensweisen im Urlaub auf, wurden von »Spoiler-Geistern« heimgesucht, oder verglichen das Leben mit einer Geisterachterbahn. Doch auch Einsamkeit oder Essstörung waren Themen des Abends.

Zudem gab es eine kleine Premiere zu feiern, denn für die Nürnbergerin Helena war es der erste Auftritt überhaupt. Dabei trug sie einen emotionalen und nachdenklich stimmenden Text vor, der sich um das ständige Vergleiche mit den anderen drehte. Auch »Dneal« aus Frankfurt punktete mit seinem »schönen Downer« über die Einsamkeit nach einer langen Beziehung und den alltäglichen Kampf, sich danach ins Leben zurückzuboxen.

Marco Valentino schlug mit seinem Text »Was ich nicht verstehe« in eine ähnliche Kerbe. »Ich verstehe uns Menschen nicht, warum lieber nichtssagendes sagen anstatt nichts zu sagen? Warum wir nicht nur, nicht nicht, sondern vor allem auch einfach nicht kommunizieren können.« Einen Platz im Finale verdiente sich die erst 17-jähriger Sophie Scheffler aus Siegen, die doppelbödig und bitterböse über Magersucht sprach. In ihrem Text verkörperte sie eine tückische Freundin, die Protagonistin Amelie zunächst fest im Griff hat. »Amelie genießt ihren Hungerwahn, doch Anna ist streng mit ihr, sagt, es sei noch nicht genug. Und Amelie hat doch nur Anna, sie glaubt fest an ihre neue Freundin.« Doch Amelie gelingt es schließlich, die wahre Fassade hinter ihrer Freundin zu erkennen. Die »ist eine Krankheit und die Sicherheit die sie Amelie gegeben hat, hätte sie mit Sicherheit ins Grab gebracht«.

Erfolgreich auf die Lachmuskeln drückte Clemens Naumann, ebenfalls aus Frankfurt, der sich typisch deutscher Eigenheiten annahm - vor allem im Urlaub. Ein gelungener Auftritt, der ihn ins Finale brachte. Den verpasste »Gax« äußerst knapp, obwohl auch er für viele Lacher sorgte und den Lebenszyklus eines Menschen mit der Fahrt auf einer Geisterachterbahn verglich -mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen.

Ins Finale kam dagegen Ortwin Bader-Iskraut, der von einem Dämon heimgesucht wurde, dem »Spoiler-Geist«. Das klang dann so: »Ich machte beim Poetry Slam mit, wurde immer frustrierter und frustrierter. Er kam erst ganz kurz vorm Finale und sagte: Heute wirst du nur Vierter.«

Sophie Scheffler, Clemens Naumann sowie Ortwin Bader-Iskraut lieferten sich dann im Finale einen engen Kampf um den Tagessieg, den sich Letztgenannter mit seinem vogelwilden, anarchischen und urkomischen Text »Fick die Umwelt« abholte. Als Gewinn nahm der Berliner eine etwa 500 Aufkleber umfassende Sticker-Sammlung vom Disney-Film »Die Eiskönigin« mit, für die er auch gleich Verwendung fand. »Ich fahre jetzt sieben Stunden mit dem Nachtzug zurück nach Berlin. Ich werde den Film einigen schlafenden Mitfahrern auf jeden Fall näher bringen«, scherzte der Gewinner.

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