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»Ella« bricht in Gießen ihr Schweigen

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Draußen fordern Unterstützer lautstark ihre Freilassung. © Berghöfer

Zum Prozessauftakt gegen die Umweltaktivistin »Ella« am Landgericht Gießen gibt es gleich eine Überraschung. Denn die Angeklagte bricht erstmals ihr Schweigen.

Gießen. »Ella«, die Zweite. Am 23. Juni vergangenen Jahres hatte das Amtsgericht Alsfeld eine Umweltaktivistin zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und tätlichen Angriffs auf diese während der Räumung einer Baumhaussiedlung auf der geplanten Trasse der A 49 durch den Dannenröder Wald verurteilt. Dagegen hatten sowohl die Staatsanwaltschaft - die eine Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten gefordert hatte - als auch die Verteidigung Berufung eingelegt.

Dass die Berufungsverhandlung im Corona-konformen Behelfsgerichtssaal des Landgerichts Gießen einen anderen Verlauf nehmen dürfte als in Alsfeld, wurde schon am ersten Verhandlungstag deutlich, der nicht nur von einem großen Medienaufgebot begleitet wurde, sondern auch von rund hundert »Ella»-Unterstützern, deren lautstarke Parolen und Solidaritätsbekundungen trotz der weiträumigen Absperrung bis in den Gerichtssaal drangen. Hatte die beschuldigte »Unbekannte Weibliche Person 1«, deren Identität nach wie vor nicht festgestellt werden konnte, in Alsfeld zumeist geschwiegen und keine Aussagen in eigener Sache gemacht, trug sie jetzt auf Englisch ein selbstverfasstes Gedicht vor. In dem beschrieb sie nicht nur ihre Motivation, vor zwei Jahren in ein Baumhaus im Dannenröder Wald zu ziehen, sondern schilderte auch ihre Sicht auf die fatale Auseinandersetzung mit den SEK-Beamten am 26. November 2020: »Aber in all diesem Stress ergriff ein Überlebensinstinkt von mir Besitz und mein Körper reagierte auf eine Weise, welche die Polizei kränkte.«

Verteidigerwechsel

In diesem Gedicht weist sie aber auch alle Vorwürfe der SEK-Beamten zurück, dass sie diese durch Tritte und Schläge in Lebensgefahr gebracht habe. Aufgrund dieser belastenden Zeugenaussagen war »Ella« damals in Alsfeld verurteilt worden.

In ihrem Gedicht behauptet die Angeklagte nun, die Polizisten hätten sie durch das Lösen ihrer Sicherung am Kletterseil in Lebensgefahr gebracht und mit einer Eisenschnalle auf sie eingeschlagen.

Zwischenzeitlich hat auch nach internen Differenzen das Verteidiger-Team gewechselt. Statt wie in Alsfeld von Tronje Döhmer wird die Aktivistin jetzt von Waltraut Verleih vertreten, die auch stellvertretendes nicht richterliches Mitglied am Staatsgerichtshof des Landes Hessen ist.

Ähnlich wie ihr Vorgänger kündigte Verleih für die kommenden Prozesstage eine Fülle von Beweisanträgen an. Hatte Döhmer damit noch bei Amtsrichter Dr. Christian Süß in Alsfeld nur selten Erfolg gehabt, deutete sich bereits am ersten Verhandlungstag an, dass der vorsitzende Richter Johannes Nink am Landgericht einen anderen Kurs einschlagen könnte. So lobte er einen Dokumentarfilm, mit dem Unterstützerkreise »Ella« entlasten wollten, als »verdienstvolle Arbeit«

In der Tat waren in diesem Film Szenen aus Videoaufnahmen zu sehen, die die Polizei selbst von »Ellas« Festnahme in 15 Metern Höhe aufgenommen hatte und die teilweise in Widerspruch zu den Zeugenaussagen der daran beteiligten Beamten stehen (der Anzeiger berichtete).

Die Sichtung der unbearbeiteten und ungekürzten Polizeivideos durch das Landgericht könnte den Fall also in ein neues Licht rücken. Und auch die erneute Befragung der SEK-Beamten, die bereits am morgigen Mittwoch stattfinden soll, könnte spannend werden. Der Pressesprecher der Gießener Strafverfolgungsbehörde, Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger, bestätigte auf Nachfrage den Eingang einer anonymen Strafanzeige wegen Falschaussage gegen die SEK-Beamten am 8. Januar. Noch nicht entschieden ist, ob die Belastungszeugen aus Gründen des Selbstschutzes wie in Alsfeld vermummt aussagen dürfen. Das zumindest will die Verteidigung diesmal unterbinden, auch weil das Gericht ohne Kenntnisnahme der Mimik deren Aussagen gar nicht angemessen beurteilen könne.

Den Preis zahlen

Richter Nink ließ am Montag auch durchblicken, dass die Angeklagte ihre Haftzeit reduzieren könne, wenn sie denn endlich Angaben zu ihrer Person machen würde. Das jedoch ist am 417. Tag ihrer Inhaftierung eher unwahrscheinlich. In ihrem Gedicht machte »Ella« deutlich, dass sie sich stellvertretend für die ganze Umweltbewegung auf der Anklagebank sieht und, getragen von der »Unterstützung zahlloser Genoss*innen«, diese Auseinandersetzung bis zum Ende führen will. Dafür erhielt sie großen Applaus aus dem durch Glasscheiben abgetrennten Zuschauerraum.

Nink machte aber auch klar, dass »Sie hier heute den Preis zahlen«. Der Staat habe aufgrund ihres Beharrens auf Anonymität »auf stur geschaltet« und werde ihr auch weiterhin keine Haftverschonung gewähren. Da habe sich das Oberlandesgericht festgelegt. Auch habe der Verteidigerwechsel zu zusätzlichen Verzögerungen geführt. Ohne den hätte die Berufung bereits im Dezember beginnen können.

Eher größer geworden ist das Rätselraten um »Ellas« Herkunft. Wurde vor einem halben Jahr in Alsfeld noch gemutmaßt, sie könne aus einem spanischsprachigen Land kommen. legt ein in der Haft beschlagnahmter Brief an sie eine Verbindung nach Schweden nahe. Ihr gereimtes Statement trug die Angeklagte jedenfalls in fehlerlosem Englisch vor, und ins Englische übersetzte auch ihr Simultandolmetscher die Ausführungen des Gerichts.

Gut vier Stunden nach Beginn der Verhandlung wurde »Ella« durch das Spalier der draußen ausharrenden Unterstützer mit einem Konvoi von sechs Einsatzfahrzeugen zurück in die Haftanstalt Preungesheim bei Frankfurt gebracht. Für ihre Sympathisanten war der erste Prozesstag aber noch nicht vorbei: Sie zogen in einer Solidaritätsdemonstration durch die Gießener Innenstadt.

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In Gießen sagt die Angeklagte »Ella« erstmals in eigener Sache aus. © Red

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