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Empfang mit offenen Armen

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Von: Julian Spannagel

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Marie Joskowitz und Erik Förster vor dem Ulenspiegel, wo am Dienstag die »Ersti«-Party steigt. Foto: Spannagel © Spannagel

Feiern »in echt« statt vor der Kamera: »Ersti«-Party im Gießener »Ulenspiegel« bringt Kommilitonen zusammen.

Gießen . Feiern, endlich einmal wieder: Wer am kommenden Dienstag, 11. Oktober, abends noch nichts vorhat und gerne Kommilitonen kennenlernen möchte, kann ab 22 Uhr für 5 Euro Eintritt im »Ulenspiegel« im Seltersweg vorbeischauen. Dort haben Mentoren der Psychologie eine »Ersti«-Party organisiert, zu der alle Fachbereiche eingeladen sind. DJ Ajex wird dabei Mainstream-Musik mit leichtem Schwerpunkt auf Elektro auflegen, sodass für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte.

Für viele Studierende war das, was ihr Leben sonst oft ausmacht, nur eingeschränkt möglich. Viele, die sich während der vergangenen zwei Jahre eingeschrieben haben, kennen den normalen Präsenzbetrieb kaum. Jene, die jetzt frisch an der JLU sind, haben die Welt zuletzt ebenfalls vor allem vom Rechner und dem Elternhaus aus erlebt. Marie Joskowitz denkt, dass sie »viele wichtige Erfahrungen verpasst haben«. Die 29-Jährige studiert Psychologie im dritten Mastersemester und ist Mentorin für 20 der rund 150 Neuankömmlinge in ihrem Fachbereich. In der kommenden Woche wartet die Studieneinführungswoche auf diese.

»Wir haben uns gefragt, wie können wir das bestmöglichste Erlebnis daraus machen«, erklärt Erik Förster, der die gleiche Universitätslaufbahn wie seine Kommilitonin hinter sich hat. Beide kennen die Situation Pandemie-beschränkter Einschränkungen nur zu gut. Bereits vor zwei Jahren, als alles noch online ablief, waren sie Mentoren. Damals hieß es Trinken vor der Kamera, von Zuhause aus. Zudem wurde gemeinsam das Videospiel »Among Us« gespielt. Nun haben sie viel Mühe in die Vorbereitung der Studieneinführungswoche gesteckt, wozu beispielsweise wieder eine Stadtrallye gehört. Und eben die Party am Dienstag.

»Uns ist wichtig, dass das studentische Leben, was Gießen ausmacht, weitergetragen wird«, erklärt Erik Förster. Dazu gehört auch, dass sich Mentoren für die »Erstis« finden.

Anders vor zwei Jahren sind unter den Mentoren mittlerweile viele Master-Studierende. Beide Gesprächspartner vermuten, dass sich die Pandemie-Studierenden, deren Erfahrung nahezu die eines Fernstudiums gewesen sei, nicht so sehr mit der JLU identifizieren können. Auch vor diesem Hintergrund ist die Party vielleicht auf lange Sicht etwas Besonderes, wenn sie dem ein oder anderem »Ersti« in Erinnerung bleibt. Und aus der Sicht der Mentoren ist Feiern auch einfach Mal wichtig.

So führe der hohe Numerus Clausus für einen Psychologie-Master zu Notendruck. Dennoch und gerade deswegen rät Förster, sich davon nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen und »die schönen Seiten des Studiums wahrzunehmen.« Dies vereinfache es »ungemein, die Dinge, die öde sind, durchzustehen«, findet der 27-jährige. Beide sind zudem der Meinung, dass man alles mitnehmen und sich nicht verschließen soll. Auch vor Dingen, »die man auf den ersten Blick nicht so interessant findet, so Förster. Routine gebe es dann später im Beruf, ergänzt Joskowitz.

»Ulenspiegel«-Betreiber Tobias Bach sei von der Idee, eine Studierendenparty auszurichten, begeistert gewesen, berichtet sie. Normalerweise ist die Lokalität dienstags geschlossen, weshalb die Organisation auch personaltechnisch eine Herausforderung war. Insgesamt werden die »Erstis« mit »mit offenen Armen empfangen«, so Förster. »Es ist eben nicht egal, wie die Studierenden hier ankommen.«

Dies gelte auch für die vielen Geflüchteten aus der Ukraine. Maria Joskowitz bescheinigt Stadt, Universität und Geschäften eine »unbürokratische« Handhabe der Aufnahme. So habe etwa eine Fitnesscenter-Kette Rabatte gewährt und auch der Zugang zu Telefonkarten sei unkompliziert gewesen. Davon berichtet Joskowitz, die selbst mehrere Monate eine geflüchtete Person beherbergt hat. »Demos in Bezug auf die Ukraine prägen das Stadtbild«, hat Erik Förster beobachtet. Insgesamt findet er, dass es in Gießen viel politisches Engagement gibt.

Währenddessen müssen die Gürtel angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise derzeit enger geschnallt werden. »In der WG überlegen wir, wie wir im Winter heizen«, erzählt Förster. Joskowitz hingegen erklärt, dass sie sich derzeit Konserviertes aus Gläsern anstelle von Dosen derzeit nicht leisten könne - worauf sie beim Kauf in der Vergangenheit der Umwelt zuliebe geachtet hat. Wie die Uni auf die Probleme reagieren wird, finden beide derzeit schwer, zu sagen. »Ob ich Zuhause oder in der Bibliothek lerne, ich glaube, das wird ein Thema«, so Förster angesichts möglicher Wärmeengpässe.

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