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Engere Kooperation, aber keine Fusion: Kirchengemeinden schließen sich zusammen

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Von: Markus Hopf

GIESSEN - (mh). Am 1. Januar schließen sich drei evangelische Kirchengemeinden zur neuen "Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord" zusammen. Gebildet wird sie aus den bisherigen Gemeinden Michael, Thomas und Paulus. Hintergrund ist, dass die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) benachbarte Kirchengemeinden dazu ermutigt, stärker zusammenzuarbeiten.

In sogenannten "Kooperationsräumen" können Verwaltungsarbeiten in gemeinsamen Büros gebündelt und die gemeindeübergreifende Teamarbeit der Pfarrer gefördert werden. Außerdem können Gemeinden sich verbinden oder sogar miteinander fusionieren. Denn auf die Kirchen kommen in den nächsten Jahren angesichts zurückgehender Mitgliederzahlen große Herausforderungen und Veränderungen zu.

Für die Kirchenmitglieder im Gießener Norden bleibt praktisch alles beim Alten. Es handelt sich nicht um eine Fusion, die bisherigen Gemeinden werden rechtlich weiter bestehen. Doch stellen sie einen gemeinsamen Haushalt auf und werden bis zur nächsten Kirchenwahl 2021 von einem aus den drei Vorständen gebildeten knapp 30-köpfigen Gremium geleitet. Es entsteht eine Gemeinde mit über 7000 Mitgliedern, davon mehr als die Hälfte aus Michael. Die Paulusgemeinde bringt 1900, die Thomasgemeinde 1440 Seelen mit in die neue Verbindung.

Sinkende Mitgliederzahlen

"Wir geben unseren Gemeinden damit eine neue Zukunft, denn wie lange könnten wir bei sinkenden Gemeindegliederzahlen noch als eigenständige Gemeinde überleben", gibt der langjährige Kirchenvorstandsvorsitzende der Paulus-Gemeinde, Christoph von Weyhe, zu bedenken. Die Thomasgemeinde hätte auf lange Sicht keine ganze Pfarrstelle mehr bekommen. Peter Kubik, ebenfalls Kirchenvorsteher der Paulusgemeinde, sieht die Chance, "gemeinsam mehr auf die Beine stellen zu können als bisher". Dabei hofft er, dass sich künftig Menschen aus den drei Gemeinden an den jeweiligen Angeboten und weniger an den Kirchtürmen orientieren.

Schon seit längerem arbeiten die drei Kirchengemeinden eng zusammen. Die Konfirmanden werden gemeinsam unterrichtet, das Gemeindeleben spiegelt sich in einem gemeinsamen Gemeindebrief wider, in einem Chorprojekt vereinen sich Stimmen aus allen bisherigen Gemeinden und die Pfarrerinnen Iris Hartings, Carolin Kalbhenn, Rolf-P. Noormann und (derzeit noch) Dr. Gabriel Brand predigen mittlerweile auf allen drei Kanzeln. Um gewachsene Bindungen nicht aufzulösen, bleiben die bekannten Gemeinden als "Seelsorgebezirke" bestehen, in denen die bisherigen Pfarrer ansprechbar sind.

Vernetzt werden sollen auch die Gemeindebüros, berichtet Georg Thelen, Kirchenvorsteher in Wieseck. Schließlich sind die Verwaltungsabläufe in allen Gemeinden gleich. Gemeindemitglieder suchen das Gemeindebüro in erster Linie auf, um eine Taufe oder eine Trauung anzumelden oder eine Bescheinigung zu erhalten. Da alles digitalisiert ist, können die Gemeindesekretärinnen von unterschiedlichen Orten auf die Daten zugreifen.

Die Michaelsgemeinde ist als historische Wiesecker Ortsgemeinde die älteste der Drei. Die beiden Nordstadtgemeinden wurden 1958 (Paulus) und 1965 (Thomas) gegründet. Waren die Neugründungen einerseits Ausdruck der prosperierenden Stadt Gießen und des Aufschwungs der Nachkriegsgesellschaft, so war andererseits das unscheinbare Thomaszentrum ein Symbol demonstrativer Demut der sich im ausgehenden 20. Jahrhundert bescheiden gebenden evangelischen Kirche. Keine Kirche mit Turm, die die anderen Häuser überragt, wurde gebaut, sondern ein Mehrzweckgebäude mit Gottesdienstraum und einem kleinen, separaten Glockenturm.

Im Verbund soll es gelingen, wieder ein vielfältigeres Angebot zum Beispiel in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Senioren oder in der Kirchenmusik erreichen zu können. Dazu soll, so Paulus-Pfarrer Noormann, auch die "Schwerpunktsetzung" unter den Seelsorgern beitragen, etwa in der Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit, bei der Arbeit mit den Senioren oder dem kirchlichen Engagement im sozialen Umfeld der Nordstadt. "Mit vier Kindertageseinrichtungen kann die neue Gemeinde auch bildungspolitisch stärker auftreten und Akzente im Gemeinwesen setzen", betont Noormann. Die Kindertagesstätten arbeiten seit langem im Verbund von Kindertageseinrichtungen innerhalb des Evangelischen Dekanats zusammen.

Gegenseitige Besuche

Schon im Vorfeld des Zusammenschlusses scheint Bewegung in die neue Gesamtkirchengemeinde gekommen zu sein. Jedenfalls registrieren Pfarrer und Kirchenvorsteher, dass neue Wege in der gemeindlichen Landschaft erschlossen werden. "Ich sehe neuerdings Gesichter aus den anderen beiden Gemeinden", berichtet die Wiesecker Pfarrerin Kalbhenn. Und manche Konfis besuchen dort Gottesdienste, vor denen sie länger ausschlafen können, ergänzt sie schmunzelnd. Für Jugendliche ist die Bindung an eine bestimmte Kirche nachrangig. Sie haben über ihre Schule oder Vereine Freundschaften, die gewissermaßen grenzenlos sind. Und so werden alle Konfirmanden im neuen Jahr in der Michaelskirche in Wieseck eingesegnet, während der vorausgehende Vorstellungsgottesdienst in der Pauluskirche gefeiert wird.

Für andere evangelische Gemeinden in und um Gießen könnten die Nordstadtgemeinden langfristig Vorreiter und Ansporn sein, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Nachbargemeinden zu verstärken. Denn diese Form der Zusammenarbeit ermöglicht es, neue Wege zu erproben, um Menschen kirchlich begleiten zu können, ohne dabei alle traditionellen und vertrauten Angebote aufgeben zu müssen.

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Am Neujahrstag wird der Zusammenschluss mit einem Gottesdienst um 14 Uhr gefeiert, mit dem neuen Dekan André Witte-Karp in der Pauluskirche (Egerländer Straße 6).

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