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»Entlastung ist notwendig«

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Verdi-Gewerkschaftssekretär Julian Drusenbaum bei seiner Rede auf dem Rathausplatz. © Schäfer

170 Teilnehmer waren zum Warnstreik von Verdi in Gießen auf den Berliner Platz gekommen. Es geht um die Tarifverhandlungen mit Kommunen für Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsbereich.

Gießen. Die Gewerkschaft Vereinigte Dienstleistungen (Verdi) hatte zu einem weiteren Warnstreik aufgerufen - der erste war am 8. März auf dem Kirchenplatz (wir berichteten). Grund sei, dass die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) in den Tarifverhandlungen am 21./22. März »nicht mal Ansätze für Kompromisslinien erkennen ließen«, so Holger Simon, Gewerkschaftssekretär für kommunale Verwaltungen Mittelhessen.

Nachdem die Arbeitgeber einige Forderungen bereits in der ersten Verhandlungsrunde abgelehnt hätten, seien auch in der zweiten die Vorschläge für bessere Arbeitsbedingungen und eine Aufwertung der Arbeit der Beschäftigten vom Tisch gewischt worden. Damit bestätigten die Arbeitgeber ihre Haltung der letzten Jahre und hätten unter Beweis gestellt, dass die vielfach beschworene Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsbereich immer dann ende, wenn es um konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und eine echte Aufwertung gehe. »Daher zwingen uns die Arbeitgeber, auch öffentlichkeitswirksam deutlich zu machen, dass es ohne Verbesserungen und eine echte Aufwertung keine Einigung in dieser Auseinandersetzung geben kann.«

Ausgesprochen sauer gaben sich die Streikenden am Mittwochvormittag auf dem Rathausplatz. Und diesen Gemütszustand brachten sie lautstark zum Ausdruck. 150 bis 170 kommunal Beschäftigte in Sozial- und Erziehungsdiensten waren zum Warnstreik ob der Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern gekommen. Zuerst reihten sie sich in eine schier endlos lange Schlange ein, um ihre Anwesenheit für das Streikgeld erfassen zu lassen. Danach hörten sie der Rede von Verdi-Gewerkschaftssekretär Julian Drusenbaum zu. »Wir haben uns hier getroffen, um unsere Wut zum Ausdruck zu bringen«, begann er.

Drusenbaum sprach von drei Forderungen an die Arbeitgeberseite. Das Begehren nach besserer Eingruppierung erklärte er mit der Unterbezahlung von vielen Erziehungs- und Sozialberufen im Vergleich zu technischen. Zweitens müssten die Stufenlaufzeiten verkürzt werden. Die Entlastung als dritte Forderung beinhalte, dass die Arbeit korrekt berechnet werden müsse. Die Vor- und Nachbereitungszeiten bei Lehrern würde auch niemand in Frage stellen. »Das ist doch bei euch nichts anderes. Und das muss sich im Tarif abbilden«, rief er unter lauter Zustimmung ins Mikrofon.

Weder Schulterklopfen noch Mitleid sei ein geeignetes Gegenmittel für die andauernde Überlastung. »Entlastung ist notwendig.« Die Gegenseite beriefe sich auf Personalmangel: »Es ist deshalb so, wie es ist«, so ihre Aussage. Dem hielt er entgegen: »Von den Erziehern, die ihren Abschluss gemacht haben, sind nach fünf Jahren nur noch 50 Prozent in dem Beruf, für den sie sich einmal entschieden hatten.« Der »Fehler« liege bei dieser Größenordnung nicht mehr im individuellen Bereich, sondern im »System«. Der Beruf müsse attraktiver werden, um nicht mehr so oft hören zu müssen: »Ich mache das nicht mehr weiter. Ich halte das nicht mehr aus.«

Derzeit kämen viele Menschen aus der Ukraine mit kleinen Kindern. »Ist das zu leisten?« Als er dies in die Runde fragte und ergänzte: »Wir haben die Verantwortung, uns darum zu kümmern und diese Leistung zu erbringen«, folgte langandauernde Zustimmung. Drusenbaum mahnte: »Doch dafür brauchen wir auch bessere Arbeitsbedingungen.«

Die Arbeitgeber hätten zu Beginn der Corona-Pandemie eingestanden, zu wenige Arbeitskräfte in der Pflege zu haben. Daraufhin seien die Standards aufgeweicht worden mit dem Ergebnis: »Wir haben weniger Personal als vorher.« Enttäuschend sei die zweite Tarifverhandlungsrunde mit dem VKA verlaufen. »Vor all unseren Forderungen haben sie eine rote Linie gezogen.« Anscheinend wollte er die Sache aussitzen. Den Streikenden rief er zu: »Und Ihr müsst das ausbaden. Ihr seid die, die die Belastung tragen.« Fachkräftemangel und Überbelastung existierten in der Realität. »Und die Kommunen machen demgegenüber die Augen einfach zu.«

Der aktuelle Streik werde nicht der letzte sein. Am 3. Mai streikten bundesweit die Kita-Beschäftigten, tags darauf Sozialarbeiter und Sozialpädagogen. Am 5. Mai finde eine hessenweite Demo der Behindertenhilfe in Marburg statt.

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