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»Entsorgung war nie geplant«

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Ausgangspunkt der Recherche: Walter Krölls Wandrelief an der Limes-Grundschule in Pohlheim. Foto: Schu © Schu

Vom Hitler-Porträt zum Schul-Relief: Studierende der Kunstgeschichte haben eine Ausstellung zum Umgang mit der Kunst von Walter Kröll zusammengestelt.

Gießen. Der Krieg und das längst in Trümmern liegende Land schienen bei Walter Kröll keine tieferen Spuren hinterlassen zu haben. Im Jahr 1945 malte er sich selbst im Stil altdeutscher Malerfürsten: selbstbewusster Blick, mit Pelzkragen und -kappe, aber auch mit einem schmalen Oberlippenbärtchen, das nur wenig später für immer aus der Mode kommen sollte. Bis zuletzt also schien der Gießener Kröll (1911-1976) kein Anstoß an den Verbrechen des Nazi-Regimes genommen zu haben, wie dieses aufschlussreiche Ölbild zeigt, das nun in einer Kabinettausstellung des Oberhessischen Museums zu sehen ist. Dennoch fand der Maler schon bald danach wieder gesellschaftlich und wirtschaftlich Anschluss. Er schuf in den 50er und 60er Jahren zahlreiche öffentliche Arbeiten, die als Kunst am Bau bis heute an zahlreichen Schulen und Verwaltungsgebäuden im gesamten Landkreis zu sehen sind.

Bis zuletzt hat sich Kröll zuvor dem Nationalsozialismus geschmeidig angedient, hat ein großformatiges Porträt Adolf Hitlers für die Gießener Universitätsaula gemalt und auch in anderen Themen und Motiven seine geistige Nähe zu den Nazis erkennen lassen. All diese biografischen Details haben Studierende eines Projektseminar des Instituts für Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität herausgearbeitet. Dessen Ergebnisse sind nun im Alten Schloss zu sehen.

Bei der Eröffnung widmete sich der Erste Kreisbeigeordnete und Schuldezernent des Kreises, Christopher Lipp, noch einmal dem Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Person Krölls: das 1965 entstandene Wandrelief an der Limesschule in Pohlheim, die nun abgerissen und neugebaut wird. So stellte sich die Frage: Wohin mit dem Metallobjekt? »Es war nie geplant, das Kunstwerk zu entsorgen«, sagte Lipp bei der Ausstellungseröffnung. »Aber mir ist auch bewusst, dass es aufgrund einiger trauriger Vorfälle in Gießen eine gewisse Sensibilität gibt.«

Denn immer wieder sind Arbeiten der Kunst am Bau bei Abrissarbeiten einfach mitentsorgt worden oder auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Damit dies nicht noch einmal passiert, kündigte Lipp an, alle entsprechenden Kunstwerke an den öffentlichen Gebäuden zu erfassen und über die Homepage des Kreises öffentlich zu machen. Zudem werde wieder ein Budget für Kunst am Bau zur Verfügung gestellt, um damit bei künftigen Vorhaben vor allem regionale Künstler zu fördern.

Doch zurück zu Kröll, dessen Figurenensemble an der Limesschule symbolisch für Fertigkeiten und Tätigkeiten steht, die an der Schule neben der Wissensvermittlung wichtig sind: Spiel, Musik, Sport und die Kunst. Noch sei nicht geklärt, wie und wo dieses Relief künftig zu sehen sein wird, sagte der Kreisbeigeordnete. »Wir sind aber interessiert an einem Austausch und für Vorschläge offen.« Bis zum Sommer 2023 soll eine Entscheidung getroffen werden.

Doch wie ist nun die Arbeit Krölls vor dem Hintergrund seiner Biografie zu bewerten? Die Studierenden unter der Leitung von Prof. Sigrid Ruby und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Annabel Ruckdeschel kommen nach ihrer intensiven Recherche zu einem ambivalenten Fazit. Wie Ruckdeschel in ihrem Eröffnungsvortrag berichtete, zeigte sich, dass der Gießener im Nationalsozialismus angepasst war und seine Karriere vorantreiben konnte. Zugleich stützte er ästhetisch »das Körper- und Jugendideal im Dritten Reich«.

Nach dem Krieg veränderte sich sein Stil hin zum modischen Modernismus. Kröll »passte sich dem Durchschnittsgeschmack seiner Zeit an.« Und »er konzentrierte sich auf eine gute Technik«, erklärte die Kunsthistorikerin. Auch davon zeugt die Ausstellungen, in der neben Ölbildern auch Zeichnungen, Dokumente und Schautafeln enthalten sind. Kröll, so die Expertin, schuf mit seinen Objekten in der Öffentlichkeit einen »Wohlfühlstil«, der die Identifikation mit den vom Krieg zerstörten Städten wie Gießen stärken sollte. Zugleich seien seine Arbeiten von einer technischen Finesse, was Ruckdeschel zu dem Urteil kommen lässt: »Die Krölls sind erhaltenswert.«

Als exemplarischer Fall für eine nach dem Dritten Reich geräuschlos fortgesetzte Künstlerkarriere könne es zudem gewinnbringend sein, sich an den Schulen intensiver mit ihm zu beschäftigen: »Seine Durchschnittlichkeit macht ihn für uns so besonders.«

Die Ausstellung »Kunst im und nach dem NS: Zum Umgang mit Arbeiten von Walter Kröll« ist bis zum 29. Januar im Alten Schloss zu sehen.

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