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Er kann es auch im Sitzen

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Hat auch mit 86 Jahren seine Energie nicht verloren: Klarinettist Giora Feidman - hier mit Cellist Sergio Drabkin. © Schultz

Gießen. Klarinetten-Weltstar Giora Feidman in Gießen: Gemeinsam mit dem Rastrelli-Celloquartett machte der 86-Jährige auf seiner »Friendship-Tour« Halt in der ausverkauften St. Thomas Morus-Kirche. Der Auftritt sorgte zugleich für eine Überraschung und einen etwas wehmütigen musikalischen Genuss.

An Feidman, geboren 1936 in Buenos Aires, sind die 75 Jahre auf der Bühne nicht spurlos vorübergegangen. Er wurde in der Kirche zur Bühne geführt, setzte sich zum Spielen auf einen Stuhl und stand auch vor dem Ende des Konzerts nicht mehr auf. Zugleich hatte sich Feidman wie immer hochqualifizierte Begleiter ausgesucht.

Klassik und Pop

Das 2010 gegründete Celloquartett besteht aus Leiter und Gründer Kira Kraftzoff, Mikhail Degtjareff, Kirill Timofeev und Sergio Drabkin. Die klassisch ausgebildeten Musiker wurden als Quartett wie auch als Solisten vielfach ausgezeichnet. Als Besonderheit komponieren und spielen sie neben klassischer Musik auch Popmusik, was sich an diesem Nachmittag noch als sehr günstig herausstellen sollte.

Feidman lebt in Deutschland, wo er 2001 als »großer Botschafter der Versöhnung« mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Er wirkte an der Musik berühmter Filme mit, darunter »Schindlers Liste« von Steven Spielberg und »Jenseits der Stille« von Caroline Link. Anlässlich seines 85. Geburtstags fand am 25. September im Jüdischen Museum in Berlin ein Konzert mit prominenten Künstlern wie Anne-Sophie Mutter und Tim Bendzko statt. 2017 ging Feidman, der die Musik der Beatles schätzt, mit dem Quartett auf eine Tournee »Feidman Plays Beatles!«.

Wer nun in St. Thomas Morus eine seiner bekannten lebhaften Klezmer-Variationen erwartet hatte, wurde allerdings enttäuscht. Feidman begann mit einer kleinen Ansprache in Englisch: »Ich habe bemerkt, dass Freundschaft eine Vereinigung verschiedener Energien ist, und Melodien repräsentieren diese Energien« umriss er die inhaltliche Richtung des Konzerts. Leider waren seine Ansagen praktisch nicht zu verstehen, da er fast nur ohne Mikrofon sprach.

Weiter ging es mit dem Titel »Prayer for a friend«, mit einem versonnenen, zarten Intro, das er sehr gut in den mächtigen Hall setzte. Es folgte klezmerische Poesie, die Celli setzen ein, ein leiser Ausklang nur mit Klarinette. »Nostalgia« folgte sacht, kammermusikalisch, fast sakral, mit einem meditativen Touch - Kirchenmusik. »Nothing but love« brachte dann den typischen Feidman-Schmelz; er war noch da. Hinzu kam eine wunderbare lyrische Leichtigkeit der Klarinette, exzellentes Spiel mit dem Hall im Solo inbegriffen.

Allmählich änderten sich Tempo und Duktus, mit »With the locomotive« zog das Geschehen an. Die Kombination aus Feidman und dem Celloquartett begann hier vollends einzuleuchten: Zu federleichter Klarinette versahen die Rastrellis Klezmerelemente mit ästhetischem Streichercharme; dazu kam eine exzellente Dynamikgestaltung, hier stimmte alles.

Das gab Feidman Gelegenheit, sein Temperament zu zeigen. Im ersten Teil hatte er eher nachdenklich, narrativ musiziert, vielleicht ein Hinweis auf seinen Seelenzustand. Vielleicht auch eine Wende zur besinnlichen Einkehr. Eine erhabene Schönheit des Klarinettenklangs war aber noch immer zu erkennen.

Mit Temperament

Aber Feidman hatte sein Temperament noch nicht verloren und war nun warm geworden - in der eiskalten Kirche nicht einfach. Allmählich wurde es immer klezmerischer, leichter und tänzerischer. Bei »Donna Donna« machte er jazzige Schlenker, legte ein flottes Tanztempo vor, dann folgte ein großer tragischer Bogen nur von den Celli und eine schnelle Endphase.

Darauf hatte das Publikum gewartet, vordem hatte es eher höflichen Applaus gegeben. Schließlich gab es ein versonnenes Intro der Klarinette, teils hart am Rand der Hörbarkeit, fesselnd, in dem der effektbewusste Feidman einige Melodien durchwehen ließ, bevor er, kurz, ein stimmungsvolles »Halleluja« anstimmte. Das Ensemble agierte mit lyrischem Schwung, flott und differenziert. Zum fetzigen Abschluss riss Giora Feidman nochmal den Arm hoch. Riesenbeifall, sehr lange.

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