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Er zieht andere Saiten auf

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Markus Wach mit einer Kabuli Rubab, die als Nationalinstrument Afghanistans gilt. © Wach

Lich/Gießen. Markus Wach ist ein unablässiger Welt-Erforscher in Sachen Musik. Er spielt die Rebab aus Andalusien, die Dutar aus Afghanistan und die Iklig aus der Türkei. Instrumente, von denen hierzulande kaum jemand gehört hat - und zwar im Wortsinn. Das lässt sich ändern, denn der Multiinstrumentalist aus Lich hat gerade ein Album vorgelegt, auf dem er solo mit rund drei Dutzend solcher gezupften oder gestrichenen Klangkörper zu hören ist:

»Timbres« ist es betitelt. Zudem ist der 35-Jährige morgen bei einem Solokonzert in der Gießener Johanneskirche live zu erleben (siehe Kasten).

Angefangen hat Wachs künstlerische Laufbahn wie die vieler andere Musiker: in Gießener Bands. Mit 16 Jahren begann er den Bass zu zupfen, später kam der Kontrabass dazu. So entschloss er sich, die Sache professionell anzugehen und absolvierte ein Musikstudium in Mainz. Aber »eigentlich komme ich vom Jazz.« Sein Interesse an dem Genre ist mittlerweile etwas abgekühlt, dafür zupft er den Bass weiterhin in der von ihm mitgegründeten Folkrockband Mala Isbuschka, die viele Konzerte in der Region spielt. Weitere Duo- und Trio-Formationen kommen hinzu. Doch Bandprojekte »haben immer einen Rahmen. Wenn ich alleine bin, habe ich mehr Freiheiten, mich auszuprobieren«, sagt der 35-Jährige. Und den nutzt er auf seinem neuen Album weidlich aus.

Oud-Spieler entdeckt

Die Faszination für orientalische Instrumente hat er einem israelischen Bassisten zu verdanken. »Der war auf Tour in Europa und hatte einen Oud-Spieler als Begleiter dabei«. Diese sogenannte Knickhalslaute »hat mich total fasziniert. Ich dachte zuerst, der spielt ja irgendwie schief!« Doch dann hat es Wach gepackt. »Ich kann es gar nicht genau erklären.« So kaufte sich der Licher damals selbst eine Oud. Und er begann zu recherchieren. Zunächst im Internet, später kamen Bekanntschaften zu Musikern hinzu, die er nach der großen Flüchtlingsbewegung 2015 kennengelernt hat: in Gießen gelandete Menschen aus Syrien, aus dem Iran, aus Afghanistan, die ihm wertvolle Tipps zu Techniken und Spielstilen geben konnten. So sammelte Wach Wissen an, es entstand ein immer dichteres Netzwerk an Gleichgesinnten.

So macht es ihm »große Freude«, seine Entdeckungen zu teilen. Schließlich hat er festgestellt, dass es hierzulande keine großen Kenntnisse über diese vorderasiatischen Musikkulturen gibt, »die ja teilweise über 1000 Jahre alt sind« und deren Saiteninstrumente in veränderter Form den Weg über die Seidenstraße nach Westen fanden. Dabei ist die Musik des Nahen und Fernen Ostens natürlich so unterschiedlich wie die vielen Länder, die diese Weltregionen umfassen. Während Traditionelles aus der Türkei Assoziation an das wecke, »was in der Dönerbude läuft«, zeige sich der Klang Afghanistans mitteleuropäischen Ohren »viel zugänglicher«. Die Instrumente haben viele Saiten, sind teilweise mit Fell statt mit Holz bespannt, was die Musik »schweben lässt«. Damit könne man »auch Leute ansprechen, die damit noch nichts zu tun hatten«, ist der Saitenspezialist überzeugt.

Seine nun veröffentlichte CD ist das Ergebnis von rund zehn Jahren Arbeit. Ein Hauptanliegen seines Projekts war es Wach, die unterschiedlichen Klänge zu konservieren. Schließlich gebe es von manchen Instrumenten kaum mehr aktive Spieler und manchmal auch nur noch 70 Jahre alte Aufnahmen, »mit Rauschen und Zwischengeräuschen«. Doch so komme nicht rüber, »wie es klingt, wenn einer neben einem sitzt und das zu Live-Musik macht«.

Das Spektrum seiner Album-Klangreise reicht nun von der Türkei über Zentralasien bis China, und Indien. Aber auch Osteuropa ist vertreten, ebenso Wales. Denn auch ein Zupfinstrument aus diesem Teil Britanniens hat Wach entdeckt und neu zum Leben erweckt. Es wurde eigens für ihn angefertigt: eine Leier mit dem schön krächzenden Namen Crwth.

Mittlerweile hat sich Wach mit vielen Instrumentenbauern vernetzt. Vor allem in der Türkei. »Aber auch in Kasachstan kenne ich zwei.« Die Moderne hält auch in diesem Land Einzug, Traditionen sterben aus. Dennoch findet der Musikerforscher immer wieder Menschen, die diese Folklore retten wollen. So entstanden auch ganz spezielle Bekanntschaften. Auf digitalem Weg fand er einen Mann in einem weit abgelegenen Tal Pakistans, der ein von Wach gesuchtes Instrument spielen konnte. »Doch der hatte nur alle vier Wochen mal Internet. Wenn ich da meine Fragen stellte, dauerte es manchmal Wochen bis die Antwort kam«, lacht er.

Wach selbst sieht sich nicht als ein Virtuose dieser Instrumente. »Aber als ein Bewahrer.« Zumal es ihm auch »gut gefällt, wenn die Menschen in den Herkunftsländern merken, dass sich jemand aus Europa dafür interessiert«. In Deutschland sei dieses Bewusstsein für traditionelle Instrumente übrigens kaum mehr verbreitet. »Ich sehe hier niemanden, der eine besondere Zupfleier spielt, die vielleicht mal irgendwo ausgegraben wurde«, sagt er. Viele alte Instrumente seien so einfach verloren gegangen, quasi ausgestorben.

Doch wie gelingt es ihm nun, den unbekannten Gerätschaften die richtigen Töne zu entlocken? Manche Grundschemata gleichen sich, erzählt er. Es sei wie die Grammatik beim Erlernen einer zusätzlichen Sprache. Dennoch bedeute das Spielen eines neuen Instruments immer wieder einen Anfang, der seine Zeit braucht. »Ich streiche und zupfe dann erst einmal darauf herum.« Manchmal müsse er auch ein bisschen »raten, wie das wohl klingen sollte.« So wurde in Polen vor rund 20 Jahren die »Fiedel aus Ploc« gefunden, von der Wach eine Rekonstruktion anfertigen ließ. »Das ist etwas ganz besonderes«, schwärmt er. »Ganz nah, ganz fern. Nahezu niemand wusste etwas darüber.« Eine Polin, die er durch ein Internetvideo auf einer Festivalbühne entdeckt hat, gab Wach dann Tipps, wie man diese Fiedel spielen kann.

Nun, nach zwei Jahren Pandemie, will er seine Kontakte zu Clubs und Kulturvereinen in Deutschland und den Nachbarländern nutzen, um weitere Konzerte zu spielen. Und er plant Einladungen an Musiker aus dem Ausland zu versenden, um mit ihnen auch eigene Stücke auf der Bühne zu präsentieren.

Das Album »Timbres« ist per E-Mail über die Homepage des Musikers (www.markuswach.de) oder über die gängigen Streaming-Portale zu beziehen.

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