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Erinnerung und kulturelles Erbe

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Bedrückende Enge: Im Gießener Notaufnahmelager sind Übersiedler in einer der damaligen Baracken untergebracht. © Stadtarchiv

JLU und Herder-Institut erforschen Geschichte und Kultur von Vertriebenen und Spätaussiedlern. 300 000 Euro sollen für das Projekt zur Verfügung gestellt werden, fordern CDU und Grüne.

Gießen (red). Viel Potenzial für die historische Forschung in Hessen: Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung - Institut der Leibniz-Gemeinschaft werden in einem gemeinsamen Projekt die Kultur und die Geschichte der Vertriebenen und Spätaussiedler wissenschaftlich aufarbeiten. Die Koalitionsfraktionen von CDU und Grünen stellen dazu einen Antrag im Landeshaushalt 2022. Für den Schwerpunktbereich »Historische Erinnerung und kulturelles Erbe - Vertriebene und Spätaussiedler in Hessen seit 1945« sollen von 2022 bis 2026 jährlich 300 000 Euro zur Verfügung gestellt werden.

Da die Hochschulregion Mittelhessen eine besondere Dichte an Institutionen und Personen mit Expertise zu Hessischer Landesgeschichte, Geschichts- und Erinnerungskultur sowie Flucht, Vertreibung und Integration bereithält, liegt es nahe, die auf acht Jahre befristete Arbeitsgruppe an der JLU und dem Herder-Institut anzusiedeln.

Die Leitung der Arbeitsgruppe aus vier Personen übernimmt Prof. Dr. Peter Haslinger, der sich als Historiker bereits intensiv mit dem Themengebiet Flucht und Vertreibung beschäftigt hat und der sowohl an der JLU als auch am Herder-Institut verankert ist. Geeignete Arbeitsräume stehen in der Gießener Außenstelle des Marburger Herder-Instituts in unmittelbarer Nähe zum Hauptgebäude der JLU zur Verfügung.

»Die Zeit drängt«, erläutert Prof. Haslinger. »Die Überlieferung droht wegen des in den kommenden Jahren anstehenden Generationswechsels verloren zu gehen.« Der sich abzeichnende Übergang von der Erlebnis- zur Erinnerungsgeneration eröffne für noch etwa zehn Jahre ein letztes Zeitfenster für die Forschung im Bereich Erinnerungskultur und die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Außerdem gelte es auch das kulturelle Erbe erstmals zu erfassen und in dem besonderen historischen Kontext einzuordnen.

Die Arbeitsgruppe wird die Integration der Vertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler seit dem Zweiten Weltkrieg mit weiteren, für Deutschland und Hessen besonders wichtigen Migrationsbewegungen vergleichend untersuchen. So lassen sich spezielle Lehrkonzepte erarbeiten und Initiativen im Bereich Geschichtsvermittlung entwickeln, die in den lokalen und regionalen Raum hineinwirken. Unter anderem ergibt sich so die einmalige Gelegenheit, die Arbeit des gerade in Gießen im Aufbau befindlichen Lern- und Erinnerungsorts Meisenbornweg tatkräftig zu unterstützt. Diese diente seit 1946 zunächst als Flüchtlings-, Durchgangslager und Notaufnahmelager, dann als Bundesaufnahmestelle und schließlich als zentrale Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen.

Auch bundesweit ist an vielfältige Kooperationen gedacht, nicht zuletzt mit der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«, deren Dauerausstellung in Berlin jüngst eröffnet wurde, und mit dem Netzwerk des Portals »Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa«, das eine intensive Kooperation mit weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen ermöglicht.

Über das Herder-Institut und das Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) kann die Arbeitsgruppe außerdem in Kooperationen mit einschlägigen Partnern in Ostmitteleuropa eintreten.

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