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Erinnerung und Mahnung

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Von: Thomas Wißner

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Premiere am Rathausvorplatz: In den vergangenen Jahren fand die Veranstaltung stets an der Kongresshalle statt, aufgrund der dortigen Bauarbeiten spricht Frank-Tilo Becher bei seiner ersten Gedenkfeier als Oberbürgermeister an anderer Stelle. © Thomas Wißner

Aufgrund der Bauarbeiten im Bereich der Kongresshalle fand die Gedenkfeier zum 9. November erstmals auf dem Rathausvorplatz statt. Auch für Oberbürgermeister Becher war es eine Premiere.

Gießen . Erstmals begrüßte Frank-Tilo Becher als Oberbürgermeister zur Gedenkfeier am 9. November 150 Teilnehmer, die zum ersten Mal auf dem Rathausvorplatz stattfand. In der Vergangenheit fand die Feier stets vor der Kongresshalle an jenem Ort statt, an dem früher die Synagoge in der Südanlage stand, die vor 84 Jahren niedergebrannt wurde. Aufgrund der Bauarbeiten dort wurde die Veranstaltung auf den Rathausvorplatz an das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma verlegt.

»Auch wenn beide Opfergruppen nicht identisch sind, so teilten sie doch das Schicksal von Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Vernichtung. Exakt ein halbes Jahr, nachdem im September 1942 die verbliebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus Gießen in die Konzentrationslager deportiert worden waren, folgten ihnen im März 1943 die Sinti, Roma und Jenische. Die Deportation der verbliebenen Jüdinnen und Juden aus Gießen und Umgebung im Herbst 1942 markierte das vorläufige Ende jüdischen Lebens in unserer Stadt. Es sollte glücklicherweise kein endgültiges Ende sein, wie die heute hier wieder bestehende jüdische Gemeinde zeigt, auch wenn die Ideologie des Nationalsozialismus darauf angelegt war, das jüdische Leben in seiner Gänze auszulöschen. Die Pogrome um den 9. November 1938 waren ein Fanal. Es zeigte, dass die jüdische Bevölkerung schutzlos der Willkür und Gewalt des NS-Regimes, aber auch großer Teile der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung ausgesetzt war. Die Synagogen am damaligen Hindenburgwall - der heutigen Südanlage - und in der Steinstraße wurden niedergebrannt, ein Jude, der die Thorarollen retten wolle, wurde Opfer gewalttätiger Übergriffe. Schülerinnen und Schüler wurden zu den brennenden Gotteshäusern geführt, begleitet von ihren Lehrern, die gegen die jüdische Bevölkerung hetzten und die Brandstiftung rechtfertigten. Der Feuerwehr war unterdessen nur daran gelegen, ein Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Häuser zu verhindern, die Synagogen selbst wurden nicht gelöscht. In Wieseck wurde der jüdische Gebetsraum geschändet und geplündert«, so das Stadtoberhaupt.

»Heute, 84 Jahre nach den Ereignissen vom November 1938, wissen wir, welchen weiteren Verlauf die Geschichte, die grausame Judenverfolgung und der Massenmord durch die Nationalsozialisten nahmen. Umso erschreckender ist es zu beobachten, wie sich Antisemitismus, antisemitische Verschwörungsmythen und auch Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in unserer Gesellschaft wieder festsetzen. Wir als Stadt Gießen werden unsere Bemühungen verstärken, Antisemitismus noch stärker entgegenzutreten und gleichzeitig das jüdische Leben in unserer Stadt weiter sichtbar zu machen«, warb Becher auch für den am heutigen Donnerstag erstmals zusammentretenden »Runden Tisch gegen Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens«.

Begonnen hatte die Gedenkfeier, zu welcher der Magistrat und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar mit Beteiligung der Jüdischen Gemeinde Gießen, der Evangelischen und Katholischen Kirche sowie von Schülern der Klasse 13 der Gesamtschule Gießen-Ost, Leistungskurs Geschichte, eingeladen hatten mit Gedenkworten von Dr. Ruth Schünemann von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Diese verwies auf 236 Menschen jüdischen Glaubens, die aus Gießen verschleppt und ermordert wurden. »Es darf kein Vergessen geben«, appellierte sie.

Biografien von ehemaligen jüdischen Mitbürgern in Gießen zur Zeit des Nationalsozialismus verlasen Schüler der Ostschule und betonten, dass der 9. November ein Tag des Gedenkens, der Erinnerung und Mahnung ist. Uta Kuttner (Gemeindereferentin im Pastoralraum Gießen-Stadt) verlas Psalm 27 (»Der Herr ist mein Licht und mein Heil«) und Dekan André Witte-Karp (Evangelische Kirche) sprach ein uraltes jüdisches Gebet »Beieinander stehen wir und Trauern«. Ein Totengebet kam von Rabbiner Shimon Großberg von der Jüdischen Gemeinde Gießen. Musikalisch umrahmte Marco Weisbecker (Oboe) die Gedenkfeier, welche mit einer Kranzniederlegung durch Becher und Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf ihren Abschluss fand.

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Frank-Tilo Becher und Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf bei der Kranzniederlegung am Mahnmal. Fotos: Wißner © Wißner

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