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Eritreer und Polizei machten mobil

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Von: Ingo Berghöfer

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Mit einem Großaufgebot lässt die Polizei keine Zweifel aufkommen, dass sich die Ausschreitungen vom 20. August nicht wiederholen dürfen. Foto: Smat © Smat

700 regimetreue Eritreer demonstrieren in Gießen, appellieren an die Stadtverodneten und fordern den Rücktritt von Klaus-Dieter Grothe. Begleitet werden sie von einem großen Polizeiaufgebot.

Gießen. »Eih, die Bullen fahren hier grad’ in zwei Reihen, das finde ich jetzt aber gar net gut«, sagt der sichtlich irritierte junge Mann, der vor einem Skateboard-Laden in der Bahnhofstraße steht und Zeuge von gleich zwei Mobilmachungen wird. Nach Polizeiangaben rund 700 Eritreer, die - je nach Lesart - die Regierung oder das Gewaltregime in ihrer Heimat unterstützen, sind aus ganz Deutschland nach Gießen gekommen, um gegen den brutalen Überfall auf das Eritrea-Festival in den Hessenhallen im Allgemeinen und gegen den Grünen-Politiker Klaus-Dieter Grothe im Besonderen zu demonstrieren, den sie für die Ausschreitungen mitverantwortlich machen.

Goethe muss weg!

»Grothe war dabei, für mich hat er da mitgemacht«, sagt ein 53-jähriger Drucker und fordert Konsequenzen nicht nur für den Stadtverordneten, sondern für die ganze grüne Partei. Die 38 Jahre alte Verkäuferin Akderet und ihre zehn Jahre ältere Schwester, die Zeichnerin für Maschinenbau ist, sind beide in Deutschland aufgewachsen und empört, dass Grothe in den Sozialen Medien gepostet hatte, die Gerechtigkeit habe am 20. August gesiegt. »Ein Politiker, der Gewalttätige unterstützt, ist kein Politiker.«

Der Demonstrationszug, der sich vom Bahnhof durch die Bahnhofstraße und die Neuen Bäue zum Rathaus bewegt, ist straff organisiert. Die Plakate mit Aufschriften wie »Stadtparlament Farbe bekennen« oder »Schluss mit der Dämonisierung Eritreas« sind in Blockbuchstaben bedruckt. Handgeschrieben sind nur die Tafeln, auf denen, wie beim Einmarsch in ein Olympiastadion, die Heimatorte der Demonstranten stehen: Darmstadt, Kaiserslautern, Köln. Zahlreiche Ordner achten nicht nur darauf, dass niemand aus der Reihe tanzt, sondern unterbinden auch schon mal resolut die Kontaktaufnahme zu einer jungen Frau aus Bottrop, die man gerne gefragt hätte, ob sie weiß, wer dieser Grothe eigentlich ist, von dem sie lautstark fordert, dass er weg müsse. Damit beim Skandieren der Parolen nichts schiefgeht, haben die Teilnehmer Handzettel, auf denen diese aufgelistet und durchnummeriert sind. Trotzdem fragt sich mancher Passant, der den Sprechchören lauscht, wer da eigentlich weg soll: Goethe oder Kröte?

Die ganzen Ordner hätte es übrigens zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gar nicht gebraucht. Gefühlt kommen auf jeden Demonstranten mindestens zwei Polizisten, die nicht nur in Kampfmontur den Zug begleiten, sondern auch mit Dutzenden Fahrzeugen alle Zufahrtsstraßen zur Demonstrationsroute blockieren. Auch die Ordnungshüter haben mobil gemacht, und deren Signal ist eindeutig: Erneute Ausschreitungen wird es heute nicht geben.

Unweit des weiträumig abgeriegelten Rathauses, das ein wenig einer belagerten Burg gleicht, stehen Polizeihunde und Wasserwerfer bereit. Aber die Menschen, die sich dort zur Abschlusskundgebung versammeln, bleiben friedlich und lauschen abwechselnd den Rednern und in ohrenbetäubender Lautstärke gespielter Musik aus der alten Heimat.

Die Redner beteuern ihre Friedfertigkeit und Loyalität zum deutschen Staat. Sie appellieren an die Stadtverordneten, die droben von den Zinnen beziehungsweise dem Balkon des Sitzungssaales interessiert zuschauen, die Ereignisse des 20. August aufzuarbeiten - und ihre überwiegend ablehnende Haltung gegenüber dem Eritrea-Festival in den Hessenhallen zu revidieren.

Solidaritätsadressen übermitteln der Vorsitzende der Deutsch-Eritreischen Gesellschaft, Dirk Vogelsang, und Irene Hoffmann für den Gießener Ausländerbeirat, der sich in Gänze hinter die Demonstranten stellt, während das hintere Ende des Teilnehmerfeldes bereits sichtlich abbröckelt, und die Ersten sich schon auf den langen Heimweg machen.

Spricht man am Rande Demonstrationsteilnehmer auf die aktenkundigen Defizite der eritreischen Führung an, hört man viele Rechtfertigungen. »Es mag sein, dass wir keine freien Wahlen haben«, sagt eine seit 35 Jahren in Gießen lebende Eritreerin, »aber es herrscht Krieg«. Zudem werde das Land von den USA bedroht, die es auf dessen Reichtümer abgesehen hätten. Den Einwand, dass Eritrea bettelarm sei, lässt sie nicht gelten. Eritrea sei reich an Bodenschätzen, »die Präsident Afewerki aber in weiser Voraussicht künftigen Generationen hinterlassen will«.

Die Polizei zieht am Ende ein positives Fazit der Demonstration, die gegen 19.20 Uhr ihr Ende findet. Alles sei friedlich geblieben und es habe auch keine Störungen gegeben. Allerdings wurden am Rande mehrere Täter identifiziert, die sich mutmaßlich an den Angriffen auf das Eritrea-Festival beteiligt hatten. Gegen sie ermittelt jetzt die Soko »Eritrea« des Polizeipräsidiums Mittelhessen.

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giloka_0710_Eridemo03_ib_4c © Ingo Berghöfer
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