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Von: Eva Pfeiffer

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Menschen mit psychischen Erkrankungen, ihre Angehörigen und Experten sollen sich bei dem Projekt »Wissenschaft im Trialog« gleichberechtigt einbringen. Symbolfoto: dpa/Christian Charisius © Red

Forschungsprojekt aus Gießen widmet sich psychischen Erkrankungen - und hört dabei nicht nur auf Experten, sondern auch auf Betroffene und deren Angehörige

Gießen . Nicht nur auf das Wissen der Fachleute hören, sondern gleichberechtigt die Erfahrungen von Betroffenen und Angehörigen einbeziehen - darum geht es bei dem Projekt »Wissenschaft im Trialog«, das das Gießener Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit und das Zentrum für Psychiatrie des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität in dieser Woche vorgestellt haben. Dank einer zweckgebundenen Spende konnten vier Promotionsstipendien an Medizin-Studierende vergeben werden, die in den nächsten neun Monaten rund um die Perspektive von Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Familien forschen werden.

Charlie X. G. Rol-Barbier widmet sich in seinem Promotionsprojekt der Negativsymptomatik im Rahmen einer Schizophrenie. Als negative Symptome können etwa schwache Gefühlsregungen, Motivationsstörungen, sozialer Rückzug oder die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, auftreten. Die Negativsymptomatik kann laut Rol-Barbier deutliche Auswirkungen auf den Alltag des Betroffenen haben, zu sozialem Rückzug und Selbststigmatisierung führen. Gleichzeitig seien die Symptome nur bedingt veränderbar, eine spezifische Behandlung gebe es bislang nicht.

»Die Negativsymptomatik ist ein großes Thema für die Betroffenen und ihr Umfeld«, sagte Dr. Gerhard Weißler, stellvertretender Vorsitzender der Angehörigengruppe Mittelhessen, der das Promotionsvorhaben zusammen mit Dr. Markus Stingl, Leiter des Traumatherapiezentrums am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), begleitet.

Lena Ochotta wird mit Unterstützung von Julia Kistner und Dr. Bernd Hanewald, Oberarzt für Psychiatrie, zu dem Programm »In Würde zu sich stehen« (IWS) forschen. Schizophrenie gehöre zu den am meisten stigmatisierten psychischen Erkrankungen, sagte Ochotta. Je nach Umfeld könne es daher Vor- und Nachteile mit sich bringen, über die eigene Erkrankung zu sprechen. Das Gruppenprogramm IWS soll Betroffene bei der Offenlegungsentscheidung unterstützen.

Julia Kistner, Genesungsbegleiterin des Vereins Ex-In, leitet bereits seit zwei Jahren eine solche Gruppe auf der offen geführten Station 2 der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKGM. Im Rahmen des Forschungsprojekts soll dies ausgeweitet werden,

Stine Ramsl widmet sich mit Unterstützung von Andreas Jung, Vorsitzender des Vereins Ex-In Hessen, Prof. Gebhard Sammer, Leiter der AG Kognitive Neurowissenschaften, und Klinikdirektor Prof. Christoph Mulert der Rolle von Scham und Stigmatisierung im Kontext psychischer Erkrankungen. Beides beeinflusse die Suche nach Hilfe und den Therapieerfolg. Um hier zu unterstützen, müssten vulnerable Patienten frühzeitig erkannt werden.

Das vierte Projekt dreht sich um die Schnittstelle zwischen Betroffenen, externen Institutionen und dem Früherkennungszentrum. Promotionsstudentin Annika Raven, die von den Psychologen Dr. Jona Iffland und Dr. Stefanie Simanowski unterstützt wird, verwies darauf, dass eine Psychose nicht erst mit der Diagnose beginnt. Häufige Frühsymptome wie Unruhe, Angst oder depressive Verstimmungen seien aber unspezifisch und könnten auch auf andere Erkrankungen hinweisen. Ziel ihres Vorhabens soll es sein, jungen Menschen mit unklarer Symptomatik den Weg ins Früherkennungszentrum zu eröffnen.

Christoph Mulert, Vorsitzender des Aktionsbündnisses für seelische Gesundheit, freute sich über die große Resonanz der Medizin-Studierenden. Es habe eine Vielzahl guter Bewerbungen für die vier Stipendien gegeben.

Ex-In-Vorsitzender Jung verwies angesichts der Projektvorstellung, die im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit stattfand, auf seine eigene Erfahrung und die Wichtigkeit der Wertschätzung des Wissens von Betroffenen. In den 1990er Jahren war bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden. Nach seinem ersten Krankenhausaufenthalt habe er sich »hoffnungslos verloren« gefühlt. »Ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass ich mal bundesweit Vorträge halten würde. Die Erkrankung kann einen guten Ausgang haben.«

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