Folgen hoher Energiekosten in Gießen

»Erwarte, dass Hartz-Sätze steigen«

Auch in Gießen hat die Sozialberatung derzeit alle Hände voll zu tun. Hohe Energiepreise sorgen für existenzielle Probleme.

Gießen. »Wie soll ich das bezahlen?« - Brigitte Schütz hört diesen Satz immer häufiger. Wegen steigender Energie- und Lebensmittelpreise hat die Sozialberaterin der Caritas derzeit alle Hände voll zu tun. Mehr noch: »Ich mache diese Arbeit seit 1998. Das, was jetzt passiert, habe ich noch nicht erlebt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit kommen«, sagt die diplomierte Sozialarbeiterin. Sie spricht von einer »neuen Qualität«: Klienten berichteten, dass sie sich nur noch jeden zweiten Tag etwas zu essen leisten könnten.

»Besondere Härten auffangen«

Die Stadt reagiert verstärkt mit Beratung zum Energiesparen. »Gleichzeitig stellen wir uns darauf ein, dass wir das Hilfsangebot an Beratung und Begleitung für diejenigen verstärken müssen, die ihre Energierechnung nicht bezahlen können. Dazu zählt auch die Einrichtung eines Härtefallfonds, der im Koalitionsvertrag (natürlich unter anderen Bedingungen vor dem Krieg in der Ukraine) bereits vereinbart wurde. An diesem wird gearbeitet. Dies kann aber nur im Einzelfall besondere Härten auffangen«, führt Magistratssprecherin Claudia Boje aus.

Energie sparen, um Kosten zu senken? Gerade für ältere Klienten sei das keine Option mehr. Denn »viele Bezieher einer kleinen Rente erzählen, dass sie ohnehin schon seit Jahren nur ein Zimmer heizen«, führt Schütz aus. Häufig lebten Menschen so sparsam, auch weil die 449 Euro monatliches Arbeitslosengeld II Strom, Telekommunikation, Essen, Mobilität und die sogenannte Ersatzbeschaffung umfassten. Jetzt erleben »wir, dass immer mehr Menschen nach Essen oder Geld für Lebensmittel fragen. So massiv ist das Problem, auf das wir bislang praktisch keine Antworten haben«, erklärt die Sozialberaterin. Denn auch die »Tafel« sei in einer schwierigen Situation und habe zudem eine Warteliste. Ganz schlecht sei die Lage für Menschen, die nur wenige Euro zu viel verdienten, um einen Anspruch auf Hartz IV zu haben. Zwar finde man mit den Stadtwerken sehr häufig Lösungen im Falle hoher Nachzahlungen für Energie. Aber letztlich verschiebe sich das finanzielle Problem in die Folgejahre.

»Sozialstaat immer mehr abgebaut«

»Die Menschen sind verunsichert,weil einfach nichts mehr zuzusetzen ist«, erklärt Lutz Perkitny mit Blick unter anderem auf Empfänger von Arbeitslosengeld II oder sogenannte Aufstocker im Quartier. Er erwarte dringend, dass die Hartz-Sätze steigen. »Dann darf man natürlich nicht die vergessen, die mehrere Jobs haben, aber trotzdem zu wenig verdienen«, so der Nordstadtmanager. Er sei sehr gespannt, was mit dem Bürgergeld und den Sanktionierungen im Zusammenhang mit Hartz IV geschieht. »Klar, ein Sozialstaat ist kein Wünsch-Dir-was. Trotzdem muss man fairerweise sagen, dass er immer mehr abgebaut worden ist. Auch wenn er im Vergleich zu anderen Ländern noch toll ist«, resümiert Perkitny.

Eine Aussetzung von Strom- und Energiesperren bis 2024 fordert die »Liga der freien Wohlfahrtspflege in Hessen« vom Land in einer Mitteilung. »Es müssen alle wichtigen Akteure in Hessen wie Energieversorger, Kommunen, Sozialverbände, Verbraucherzentrale, Schuldnerberatungen an einen Tisch geholt werden, um gemeinsam einen Aktionsplan zur Bekämpfung der Energiearmut zu entwickeln«, erklärt Jörg Klärner, Vorsitzender des Arbeitskreises »Grundsatz und Sozialpolitik« in der Liga.

In Gießen wird an der Vermeidung solcher Sperren im Härtefall gearbeitet, wobei Boje auf die Komplexität des Themas Energiekosten hinweist. Die »komplett veränderte Situation mit völlig neuen Herausforderungen« werde EU, Bund, Land und Kommunen in den nächsten Monaten noch massiv beschäftigen. »In Gießen werden wir die Herausforderungen nicht alleine bewältigen können - und auch die Stadtwerke Gießen natürlich nicht«, formuliert die Sprecherin. Es sei zu fordern, aber auch zu erwarten, dass »zur Frage nach Möglichkeiten zur Verhinderung einer Armutsfalle aus Energiekosten genauso Lösungsvorschläge aus Berlin kommen werden (Moratorien, Entlastungen et cetera) wie zur Frage, wie städtische Energieversorger (wie die Stadtwerke) vor einer drohenden Insolvenz zu bewahren sind«, erläutert Boje. Genau dies seien die Pole, mit denen es alle Städte zu tun haben werden: die kommunalen Energieversorger als Grundversorger zu sichern, denn sie könnten faktisch nicht auf die Einnahmen aus Energiekosten verzichten, ohne ihre wirtschaftliche Existenz zu gefährden. Und gleichzeitig Menschen in den Städten bestmöglich auf die Lage vorzubereiten und ihnen zu helfen, wenn sie Hilfe benötigen, so die Sprecherin.