1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Es bleibt sehr viel zu tun«

Erstellt:

giloka_0906_behindertenI_4c
Sozialdezernent Francesco Arman ist zufrieden, Vorsitzende Kornelia Steller-Nass freut sich über Entlastung: Mit Jürgen Becker (re.) gibt es wieder einen Stellvertreter. Foto: Schäfer © Schäfer

Der Gießener Arbeitskreis für Behinderte kritisiert die zögerliche Umsetzung des Teilhaberechts und bestätigt Vorsitzende Kornelia Steller-Nass erneut nach 30 Jahren im Amt.

Gießen. »Ich bin ständig in den verschiedensten Sitzungen, auf denen auch der Umgang mit den Problemen von behinderten Menschen angesprochen, diskutiert und sich eine Meinung gebildet wird. Es ist heftig mit den Terminen.« Und die Frage stellt sich: Könnte man das nicht anders hinbekommen? So Kornelia Steller-Nass bei der Jahreshauptversammlung des Gießener Arbeitskreises für Behinderte (GAB). Steller-Nass ist seit 30 Jahren Vorsitzende dieses Vereins und deshalb auf vielen Sitzungen von Institutionen, die sich auch mit Problemen von Menschen mit Einschränkungen befassen. So im Behindertenbeirat, Seniorenbeirat, Fahrgastbeirat. »Überall tauchen dieselben Probleme auf, die Behinderte haben.«

Und oft ist es ein langer Weg, um die gesetzlich verankerten Rechte von der Politik zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für behinderte Menschen auch in Form von geänderten, angepassten Planungen, Einrichtungen, Umbauten und im persönlichen Umgang zu erhalten. So wie bei der Jahreshauptversammlung des GAB offenbar wurde, ist eine Aufzählung von ausstehenden Problemlösungen schier endlos. Ein barrierefreier Zugang zum Stadttheater durch einen Aufzug wird seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder auf die lange Bank geschoben. Immerhin soll Ende August vom städtischen Hochbauamt »endlich« eine Machbarkeitsstudie vorgelegt werden. Nach 16 Uhr kann man nicht mehr barrierefrei in die Räumlichkeiten der Kongresshalle gelangen. Auf dem Schiffenberg wird immerhin dieser Tage ein barrierefreier Zugang zum Restaurant geschaffen. Allerdings könne man als Rollstuhlfahrer nur mit Assistenz von den Behindertenparkplätzen auf dem großen Parkplatz zum Eingang gelangen, wurde moniert. Am Eingangstor gibt es dann noch eine Schwelle, die überwunden werden muss, um dann auf kiesigem Untergrund allein im Rollstuhl seine Fahrt nur beschwerlich fortsetzen zu können. Je nach Witterung sei dies ohne Assistenz oft nicht möglich.

Netzwerk

Moniert wurde, dass man sich als Behinderter am dortigen Kiosk den Schlüssel besorgen muss, um die Behindertentoilette nutzen zu können. Kritisiert wurde auch, dass es bei Online-Beschwerden an die Stadtwerke (SWG) keine Rückmeldung gebe, »noch nicht einmal eine Empfangsbestätigung.« Auch wegen allerlei Problemen bezüglich des Umganges der Busfahrer mit behinderten Menschen sollen Vertreter der SWG zu einer der nächsten Sitzungen eingeladen werden. Seit mehr als 40 Jahren ist der GAB ein aktives, engagiertes und kompetentes Netzwerk von sozialen Institutionen, karitativen Verbänden, Beratungsstellen, Förderschulen, Selbsthilfegruppen und anderen Behinderteneinrichtungen.

1981, im Internationalen Jahr der Behinderten gegründet, hat er zum Ziel, Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu integrieren und ihre Lebensqualität zu verbessern, weil sie neben besonderer Aufmerksamkeit und Solidarität auch tatkräftige Unterstützung brauchten. GAB vertritt die Interessen behinderter Menschen in der Öffentlichkeit und versucht, ihre Rechte zu stärken. In ihrem Jahresbericht zeigte sich Steller-Nass voller Stolz: »Wir haben als Gießener Arbeitskreis in den letzten vier Jahrzehnten, seit es ihn gibt, sehr viel bewegt. Und wir lassen nicht nach. Wir sind hochmotiviert und es ist schön zu sehen, dass unser Verein weiterhin durch neue Mitglieder wächst.«

Dass das Thema Inklusion und Barrierefreiheit in vielen Köpfen angekommen sei, finde sie sehr erfreulich. »Aber es bleibt noch sehr viel zu tun.« Die Pandemie habe gezeigt, dass soziale Kontakte gebraucht würden. Corona-bedingt hätten in 2020 keine Freizeitmaßnahmen angeboten werden können. Sie dankte dem familienunterstützenden Dienst der Lebenshilfe, die in 2021 Ferienfreizeiten unter schwierigsten Bedingungen durchgeführt hätten, »dieimmer wieder aufgrund von neuen Hygienemaßnahmen und Beschränkungen aktualisieren werden mussten.«

Vorstandswahl

Nach der einstimmigen Entlastung des alten Vorstandes wurde ein neuer - ebenfalls einstimmig - unter Leitung von Jörg Luckert gewählt. Als Vorsitzende wurde Steller-Nass bestätigt. Die bisher vakante Stellvertreterposition nimmt Jürger Becker ein, der bis März 2020 als Behindertenbeauftragter der Stadt tätig war. Kassenwart bleibt Lothar Schüler, Schriftführer Dr. Eberhard Werner. Die Kasse weiterhin prüfen wird Daniela Jensen. Neu ist in dieser Funktion Michael Kolter, der Behindertenbeauftragte des Kreises.

Auch interessant