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Es fehlt Raum für Optimismus

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Keine Freunde treffen, keine Freizeitaktivitäten: Die Pandemie hat bei Kindern und Jugendlichen deutliche Spuren bei der psychischen und körperlichen Gesundheit hinterlassen. © dpa

Corona macht auch die Seele krank: In einem Online-Vortrag schilderte Prof. Martin Teufel die Einflüsse der Pandemie auf die Psyche. Eingeladen hatte der Förderverein für Psychotherapie Gießen.

Gießen. »Corona ist nicht nur ein Problem für den Körper, sondern auch für die Seele«, stellte Prof. Martin Teufel gleich zu Beginn seines Online-Vortrags fest. Auf Einladung des Fördervereins für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Gießen referierte Teufel über die Einflüsse der Pandemie auf die Psyche in der Allgemeinbevölkerung und bei Covid-Erkrankten.

Auch wenn der Krieg in der Ukraine gerade Corona in den Schatten stellen würde, hätten sich doch die ersten Bilder aus der stark von der Pandemie betroffenen Region rund um Bergamo (Lombardei) in unser Gedächtnis gebrannt. »Nach den Bildern der vielen Toten im Eisstadion wusste man nicht, was auf einen zukommt. Ein Kontrollverlust im Gesundheitssystem stand zu befürchten«, führte der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Essen aus.

Gefehlt habe Raum für Optimismus. Stattdessen sei es zu einer »Epidemie von psychischen Erkrankungen« gekommen. Die Anzahl an häuslichen Gewalttaten sei ebenso gestiegen wie die Selbstmordrate. Vor allem Menschen, die zuvor schon psychische Probleme gehabt hätten, habe das »Social Distancing« Probleme bereitet.

Der Wegfall von Freizeitaktivitäten habe zur Vereinsamung geführt. Menschen mit einer körperlichen Grunderkrankung seien hingegen mit dem Virus besser klargekommen, hätten sich sogar wesentlich konsequenter als zuvor an ärztliche Vorgaben gehalten. Insgesamt seien eher Frauen und jüngere Menschen depressiv geworden. »Ältere haben schon einiges erlebt, bei Jüngeren fehlt die Lebenserfahrung«, erklärte der Experte. »Generalisierte Angst hat vor allem jüngere Personen ergriffen und diese führt zu Depressionen.« Im Gegenzug dazu hätten ältere Menschen eher Furcht gehabt. »Furcht führt zu dysfunktionalem Verhalten, wie zum Beispiel Hamsterkäufen.« Die Angst vor dem Virus habe sich auch im DAX widergespiegelt.

»Corona-Skeptiker scheinen psychisch belasteter als Nicht-Skeptiker«, führte Teufel weiter aus. »Sie haben gleich viel Angst vor dem Virus, halten sich aber weniger an Hygienemaßnahmen.«

Das Leugnen von Covid sei ein Abwehrmechanismus. »Wenn ich das Virus verleugne, muss ich keine Angst haben«, laute die Devise. Das Demonstrieren gegen Reglementierungen der Regierung bezeichnete Teufel als »kontraphobischen Umgang« mit dem Thema.

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Essen verfüge über ein umfangreiches, niederschwelliges Beratungs- und Interventionsangebot sowohl digital als auch analog. Auch Material zur Selbsthilfe würde angeboten. Beraten werden nicht nur Covid- und Post-Covid-Patienten, sondern auch Nichterkrankte und medizinisches Personal.

Vor allem eine Post-Covid-Erkrankung benötige psychische Mitbetreuung, weiß Teufel. Die Patienten litten häufig unter Depressionen, Angststörungen oder auch Posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch Hyperventilieren, Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust oder Schlafstörungen seien keine Seltenheit. Hier gelte es, die körperbezogenen Ängste und Verunsicherungen zu nehmen. Manchmal reiche schon ein Gespräch aus, ein anderes Mal, sei eine längere Therapie nötig.

»Corona hat unser Leben in den letzten zwei Jahren massiv verändert«, hatte Gastgeber, Prof. Johannes Kruse, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinik Gießen, den Vortrag eingeleitet. Allein im Regierungspräsidium Gießen habe sich jeder fünfte mit dem Virus infiziert, über 400 Menschen seien gestorben.

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