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»Es geht immer um die Figuren«

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Von einem Polizisten, der bei einer eskalierenden Demonstration ein Auge verliert, erzählt das Buch »Bullauge«. Foto: dpa © dpa

Draußen Demo, drinnen Demo: Der Münchner Friedrich Ani zeigte sich bei seiner Lesung im KiZ als Meister seines Krimi-Fachs.

Gießen. Manchmal erscheinen die Zusammenhänge so augenfällig, dass man sich nur wundern kann. Draußen legt eine Demonstration von Unterstützern des eritreischen Regimes einen Nachmittag lang die komplette Gießener Innenstadt lahm. Drinnen, im vollbesetzten KiZ, stellte der Krimischriftsteller Friedrich Ani seinen vor wenigen Tagen erschienenen neuen Roman vor. »Bullauge«, so der Titel, handelt von einem Polizisten, der bei einer eskalierenden Demonstration eingesetzt wird - und durch einen Flaschenwurf ein Auge verliert. Der Veranstaltungsort für diese vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG) ausgerichtete Lesung musste kurzfristig wegen der realen Demo aus dem Rathaus an diesen Ort verlegt werden.

Demos draußen und drinnen

Schräge Koinzidenz der Ereignisse könnte man also festhalten. Ani kümmerte dieser Umstand aber wenig. Zumal es ihm weniger um einen handlungsgetriebenen Plot oder Thriller-Elemente geht, sondern vielmehr um spannende Figuren. Und schon die Erzählperspektive in »Bullauge« macht deutlich, wie sehr sich dieser Krimiautor von den meisten seiner Berufskollegen abhebt. Als Erzählstimme fungiert hier ein Beamter namens Kay Oleander, der mit einer Augenklappe auf seinem Revier erscheint, nachdem er von rechtsdrehenden »Spaziergängern« aus deren Reihen von einer Bierflasche getroffen wurde. So beginnt diese Geschichte, die von lakonischem Humor ebenso durchzogen ist wie von der präzisen Zeichnung seiner Protagonisten.

Tatsächlich gehe es ihm beim Schreiben »immer um die Figuren«, betont Ani im anschließenden Publikumsgespräch. Zunächst finde er die Charaktere, erst danach gebe er ihnen eine passende Geschichte. Und zwar immer in der Hoffnung, dass »diese Geschichte zu mir kommt - und nicht zu den Kollegen«, wie er scherzte. Bislang konnte sich Ani, der auf der Bühne einen hemdsärmlig-ironischen Charme versprühte, noch stets darauf verlassen. Der Schriftsteller, 1959 im oberbayerischen Kochel am See geboren, wurde zunächst vor allem durch seine Kriminalromane um den Ermittler Tabor Süden bekannt. Auch mehrere Tatort-Drehbücher hat er geschrieben, die zum Besten gehören, was der TV-Dauerbrenner zu bieten hat. Doch zunächst arbeitete er als Polizeireporter für eine Münchner Tageszeitung, nach dem Wechsel in den literarischen Betrieb kamen auch Gedichte und Jugendbücher hinzu. Sein umfangreiches Werk umfasst bislang rund 30 Bücher.

So verwundert es auch nicht, dass der mehrfache Deutsche Krimipreisträger nicht mit den üblichen Genrekonventionen zu fassen ist. »Wer nach Spannung sucht, wird bei mir eher nicht fündig«, befand der 63-Jährige im KiZ - »zumindest nicht im herkömmlichen Sinne«. Stattdessen widmet er sich viel lieber ausgiebig seinen Charakteren, denen er dichte Biografien, wechselnde Stimmungen und psychologische Fallhöhe verleiht.

So auch in »Bullauge«. Sein durch die Verletzung schwer angeschlagener Erzähler Kay Oleander versucht im in Gießen vorgetragenen Anfangskapitel zusammen mit einem Kollegen herauszufinden, ob Videoaufzeichnungen Aufschluss über den Bierflaschenwerfer geben können. So sitzt er nun in seinem schmucklosen Büro, um die Bilder auf seinem Laptop auszuwerten. Zugleich erzählt Ani dabei aber von lauem Kaffee, einer etwas schrägen Vermieterin und der Atmosphäre im Kommissariat, in dem die Kollegen jederzeit bereit sind, auf alles zu wetten, was sich in Zahlen messen lässt: den Promillegehalt des nächsten angehaltenen Autofahrers oder die Kilozahl des schwergewichtigen Kollegen etwa.

Das alles wirkt ungemein plastisch. Und doch geht es in diesem Buch um mehr, nämlich »um ein Psychogramm der Abgehängten«, wie es in der Ankündigung des Verlags heißt. Denn der Polizist trifft bei seinem Ermittlungen irgendwann auf die Demonstrantin Silvia, die durch einen Fahrradunfall ebenfalls körperlich gezeichnet ist. So findet dieses versehrte Paar zueinander. Was aber nicht bedeutet, dass Friedrich Ani in diesem Plot ohne das Verbrechen auskäme - überraschendes Finale inklusive.

Im KiZ gab der in München lebende Schriftsteller nach der Lesung bereitwillig Auskunft über seine Arbeit, bei der »das Ende meist »bis zum Schluss des Niederschreibens offen bleibt«. Er berichtete von den Drehbüchern, die er ohne zu Zögern in die Hände von Regisseuren und Produzenten gebe und sich freue, »wenn sie den ein oder anderen Satz von mir drin lassen«. Und er erzählte von seiner Zuneigung zu Gießen, wo er immer wieder gerne lese - und auch diesmal »gut untergebracht« sei.

Vor der Lesung erinnerten Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher und LZG-Geschäftsführerin Dr. Anika Binsch an den Krimifestival-Vater und langjährigen LZG-Vorstand Uwe Lischper, der vor wenigen Tagen gestorben ist. Und auch Ani bedankte sich noch einmal bei dem Mann, der ihn dem LZG für diese Lesung empfohlen hatte. »Solche idealistischen Veranstalter wie Uwe sind Helden.«

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In Gießen »gut untergebracht«: Friedrich Ani. Foto: Gauges © Gauges

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