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»Es geht nicht nur um ein Stück Stoff«

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Von: Eva Pfeiffer

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Ein Graffito in der Nordanlage in Gießen erinnert an Mahsa Amini. Ihr Tod ist Auslöser der aktuellen Protestbewegung im Iran. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Taraneh aus Gießen blickt zur Zeit besonders genau auf die Proteste gegen das Mullah-Regime.. Denn die Studentin, die lange Zeit im Iran gelebt hat, wurde selbst von der Sittenpolizei bedroht

Gießen . Taraneh blickt zurzeit besonders häufig auf ihr Smartphone. Sie scrollt durch Twitter, wartet auf neue Nachrichten über Whatsapp: Nachrichten aus dem Iran, dem Land, in dem ihre Eltern geboren wurden und in dem sie selbst den Großteil ihres Lebens verbracht hat. Seit Mitte September gehen die Menschen in der islamischen Republik auf die Straße und seitdem ist im Leben der Gießener Studentin nichts mehr so, wie es war: »Es ist keine einfache Zeit. Wir wissen nicht, wie wir mit unseren Emotionen umgehen sollen. Wir fühlen uns hilflos, es ist bedrückend«, beschreibt die junge Frau das Gefühlschaos, das sie und andere Iraner in Gießen derzeit erleben.

Taraneh ist ein Pseudonym, aus Sorge um Familie und Freunde im Iran möchte sie nicht, dass ihr richtiger Name veröffentlicht wird. Auslöser der Proteste war der Tod von Mahsa Amini in Teheran. Die 22-Jährige war von der islamischen Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht korrekt getragen haben soll. Drei Tage nach ihrer Festnahme starb Amini. Offiziell soll ihr Tod mal die Folge eines Herzinfarkts, mal die Konsequenz einer Hirntumor-Operation im Kindesalter gewesen sein. In Sozialen Medien wurde jedoch verbreitet, dass die Polizisten auf den Kopf der Kurdin eingeprügelt hätten, weil diese sich gegen ihre Festnahme gewehrt haben soll.

»Die Ungewissheit ist das Schlimmste«, sagt Taraneh. Denn Informationen aus dem Iran bekommt man kaum, da das Regime das Internet in Folge der Proteste immer wieder blockiert. In westlichen Medien, findet die Gießenerin, werde zu wenig über die Bewegung berichtet. Besonders schockiert hat sie die Gewalt gegenüber Studierenden der renommierten Scharif-Universität in Teheran.

»Die Studierenden wurden im Parkhaus umzingelt, es wurde regelrecht Jagd auf sie gemacht«, erzählt Taraneh. »In den Medien bekommt das aber kaum Aufmerksamkeit.« Für die junge Frau sind diese Nachrichten auch deshalb schwer zu ertragen, weil sie vor ihrem Studium an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) bereits im Iran studiert hat.

»Es ist schwierig zu beschreiben, wie es sich anfühlt, dort zu leben.« Bevor sie die Universität betreten durfte, sei sie zunächst von der Sittenpolizei kontrolliert worden - und zwar jeden Morgen. Ist der Mantel lang genug, sind die Haare bedeckt? Wer Make-up trägt, müsse sich direkt vor Ort abschminken, auch wenn man dadurch zu spät zur Vorlesung kommt. Mit ihren männlichen Kommilitonen habe sie nicht sprechen dürfen, immer Abstand halten müssen. Religiöse Kurse seien Pflicht gewesen, auch wenn sie nicht zu ihrem Studiengang passten. Und auch im Seminar frei die Meinung zu äußern, sei nicht möglich gewesen: »Man wusste ja nicht, ob jemand zuhört, der es meldet.«

Einmal sei sie von der Sittenpolizei der Universität festgehalten worden, den Studierendenausweis habe man ihr abgenommen. »Am nächsten Tag musste ich ein ›Geständnis‹ ablegen.« Bei einer Wiederholung, so die Drohung, könne ihr Studium vorbei sein. »Ich hatte Angst, denn ich wollte Karriere machen. Und das Studium war der erste Schritt.«

Als sie später erneut von einem Ordnungswächter angehalten wurde, sei sie weggerannt. Noch heute fühle sie sich unwohl, wenn sie in der Stadt beispielsweise im Rahmen einer Demonstration ein größeres Polizeiaufgebot sehe.

Im Anschluss an die Polizeigewalt an der Scharif-Universität wurde an der THM eine Rundmail von Studierendenseite verschickt: Präsident Matthias Willems solle die Angriffe auf die Studierenden verurteilen und sich mit den Demonstrierenden solidarisch erklären. »Jeder kann einen Beitrag leisten, die Hochschulen können ein Statement auf ihre Webseite setzen und so andere mobilisieren, mitzumachen«, findet Taraneh. »Die Studierenden im Iran riskieren ihre Freiheit, ihr Leben. Sie riskieren alles und die Welt sieht nur zu.«

THM-Präsident Willems hat das Schreiben laut Pressestelle in einer persönlichen Mail beantwortet. Darin habe er auf zwei Organisationen verwiesen, die Deutschlands Hochschulen repräsentieren und deren Anliegen vertreten, den Deutschen Akademischen Austauschdienst und die Hochschulrektorenkonferenz. »Von beiden liegen offizielle Statements zu den aktuellen Geschehnissen im Iran vor, die auch die Haltung der THM zum Ausdruck bringen. Eine zusätzliche öffentliche Stellungnahme will das THM-Präsidium nicht abgeben.«

Die Justus-Liebig-Universität (JLU) hat dagegen zusätzlich am Dienstag eine Stellungnahme veröffentlicht: Man blicke »mit großer Sorge« auf die Situation im Iran und die staatlichen Repressionen »gegen Studierende und andere Hochschulangehörige, die sich für Freiheit und Menschenrechte einsetzen«. Die JLU sei solidarisch mit den Demonstrierenden, die sich ausdrücklich auch für die Rechte der Frauen engagieren, »und appelliert an alle Beteiligten, auf Gewalt zu verzichten«.

Taraneh findet es wichtig, auch die Situation der Studierenden mit iranischen Wurzeln in Gießen und anderen Orten außerhalb des Irans zu berücksichtigen: Denn die Nachrichten aus dem Land seien belastend, nicht jeder könne daher im gerade gestarteten Wintersemester die Leistungen bringen wie gewohnt. Sie schlafe schlecht und habe Albträume, in denen sie als Demonstrantin erschossen wird. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen sind bei den Protesten schon über 200 Menschen getötet worden, darunter auch Minderjährige.

Die Gießenerin hofft, dass die Protestbewegung tatsächlich zu Veränderungen in dem repressiven Regime führen wird. »Es geht nicht nur um den Hidschab. Es geht um viel, viel mehr, nicht nur um ein Stück Stoff.« Noch sei es als Frau beispielsweise schwierig, alleine zu verreisen, weil Hotels keine Zimmer an ledige Frauen vermieten. Ehemann oder Vater könnten verbieten, dass Frau oder Tochter einem Beruf nachgehen. Die Menschen im Iran seien immer unter Druck, frei leben könnten nicht nur die Frauen nicht.

»Der Tod von Mahsa Amini hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Bislang hat man mit allem gelebt, aber jetzt ist es zu viel.« Das zeige sich auch daran, dass der Protest nicht auf einzelne Bevölkerungsgruppen begrenzt sei. »Wenn ich sehe, dass 15-Jährige Bilder von Ali Chamenei zerreißen und ohne Hidschab auf die Straße gehen, habe ich Hoffnung. Sie haben keine Angst und werden noch mutiger.«

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