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»Es geht um gute Geschichten«

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Will mit dem Programm die Lebenswirklichkeit ihres Publikums spiegeln: Intendantin Simone Sterr. Foto: Rolf K. Wegst © Rolf K. Wegst

Die neue Intendantin Simone Sterr im Gespräch über den Spielplan, unterschiedliche Persönlichkeiten im Ensemble und den Wochenmarkt.

Gießen. Der Neuanfang des Stadttheaters wird schon im Zuschauersaal des Großen Hauses augenfällig. Für die Premiere des Stücks »Posthuman Journey«, das am morgigen Freitag (18 Uhr) seine Premiere feiert, haben die neue Intendantin Simone Sterr und ihr Team die komplette Bestuhlung entfernen lassen. So sorgt der altehrwürdige Saal zusammen mit dem sich weit nach hinten erstreckenden Bühnenraum für eine intensive Raumerfahrung, den die zugleich als künstlerische Leiterin der Schauspielsparte fungierende Intendantin nun für den Start in die Spielzeit nutzen will. Das Haus soll durch eine programmatische Neuausrichtung mit Leben gefüllt werden und künftig auch den ein oder anderen Theatergänger anlocken, der bislang nicht für die Bühnenkunst zu gewinnen war.

Querschnitt der Stadtgesellschaft

Was ihr dabei vorschwebt, sagt die Intendantin im Gespräch mit dem Anzeiger, sei ein Publikum wie jenes, welches sie samstags auf dem Wochenmarkt rund um den Brandplatz antreffe. Dort hat sie die neue Publikation des Hauses »als Türöffner benutzt« und viele Gespräche mit den Marktbesuchern geführt. Es sei eine Art Querschnitt der Stadtgesellschaft: ein kommunikativer Ort, ein politischer Ort, ebenso natürlich ein Ort des Handels, lacht sie. »Wie man dort miteinander umgeht, das wünscht man sich auch im Theater.«

Ihren Arbeitsplatz am Berliner Platz bezogen hat Simone Sterr Anfang September. Doch die Vorbereitungen für die inhaltliche Gestaltung der Spielzeit laufen natürlich schon weit länger. Nachdem ihre Bewerbung - zusammen mit der für das Musiktheater zuständigen Ann-Christine Mecke - um die Nachfolge von Cathérine Miville erfolgreich war, sei das Leitungsteam »drangeblieben« und habe umgesetzt, was es sich vorgenommen habe. Dazu zählte etwa die Förderung des Jungen Theaters mit einem eigenen kleinen Ensemble, das seine erste Premiere am vergangenen Wochenende feiern konnte. Nun steht mit der Trilogie »Posthuman Journey« eine Uraufführung auf dem Programm, in der alle Sparten miteinander verbunden sind. Es sei ein »großes Projekt über die Demokratie« sagt sie. Und das passe inhaltlich perfekt, »weil wir derzeit erfahren, dass es täglich nötiger wird, darüber nachzudenken«. So gebe das Stück der Spielzeit auch eine thematische Richtung vor.

Hinwendung zum Zeitgenössischen

Dieser Umbruch in der Schauspielsparte, weg von den Klassikern hin zu zeitgenössischen Stoffen, sei ein Drahtseilakt, räumt die Intendantin ein. Doch »wir glauben daran, dass es Autoren und Autorinnen von heute gibt, die das Vermögen haben, etwas über die Welt zu erzählen.« Dabei gehe es ihr nicht darum, die Leute mit provokativen Inszenierungen zu erschrecken, sondern vielmehr darum, »gute Geschichten zu erzählen«. Das Theater sei eine Versammlungsstätte, die miteinander Freude und Spaß machen soll - und dabei vielleicht auch einen veränderten Blick auf die Dinge vermitteln kann«.

Die Zuschauer erwarteten, dass »das Theater etwas mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat. Das man sich darin wiederfindet.« Das könne auf verschiedene Weise gelingen. Poetisch verdichtet oder mittels Spaß und Humor oder auch über Diskurse zu brisanten Zeitfragen. Auch wenn sich das Publikum im Theater in eine utopische Welt entführen lassen könne, gebe es ímmer eine »Anknüpfung an Beobachtungen, die man in dieser Welt machen kann.« Ganz auf Klassiker mag die künstlerische Leiterin dabei aber nicht verzichten. Georg Büchners »Dantons Tod« feiert am 23. Oktober Premiere: ein Stück, das »zu Fragen von Despotismus, Freiheit und Selbstbestimmung eine Menge zu sagen hat«.

Doch wie wird das Publikum auf den neuen Stil, auf den neuen Ton, auf die vielen neuen Gesichter in den Ensembles reagieren? »Wenn wir es gut machen, hat das Theater etwas zu sagen, was die Besucher angeht, wo sie sich wiederfinden, wo ihre Wirklichkeiten gespiegelt werden«, ist ihr vor den Reaktionen nicht bange.

Schließlich sei die Stadt bunt, innovativ, es stecke viel Leben drin. Damit sei Gießen »unterschiedlicher, vielstimmiger, auch vielsprachiger, als das Publikum, dass ich in meiner Vorbereitung gesehen habe«. Allerdings stünden die Bühnen im Land grundsätzlich vor dem Problem, jüngere Generationen anzusprechen.

Dieser Spagat, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen, sei reizvoll und schwierig zugleich: »Das Theater ist ein Traditionsbetrieb und ein Motor für neue Ideen. Dazwischen zu moderieren, ist letztlich eine Aufgabe der Theaterleitung«, definiert sie den Anspruch an sich selbst.

Bei der Zusammenstellung der Ensembles habe sie darauf Wert gelegt, unterschiedlicher zu werden. In der Herkunft des Bühnenpersonals ebenso wie in dessen künstlerischer Ausrichtung. Schließlich suche man »ja nicht nur nach Menschen, die einem ähnlich sind. Sondern nach solchen, die etwas mitbringen, was man selbst nicht leisten kann.« Sie selbst sei jedenfalls nicht daran interessiert, die eigene Persönlichkeit zu doppeln, nur damit man sich einig ist.

So waren die ersten Arbeitstage der neuen Intendantin »nicht gerade kurz«, lacht sie. Das Kennenlernen der Mitarbeiter, das Theaterfest zum Spielzeitstart, die ersten Leitungsrunden, Besuche in den Werkstätten. Und schließlich die dramaturgische Arbeit bei »Posthuman Journey«, das nun Premiere feiert. Kein Wunder, dass dabei bislang die Zeit fehlte, sich in ihrem neuen Büro unter dem Dach des Theaters persönlich einzurichten. »Das ist eine Frage der Prioritäten«, winkt sie ab. »Ist doch klar, wo die liegen.«

Für kurze Zeit hatte sie dieses Zimmer übrigens schon einmal als Arbeitsplatz bezogen. Das war Anfang des Jahrtausends, als sie als junge Frau für ein Übergangsjahr das Kindertheater übernahm. »Da haben wir für einen »Froschkönig« eine goldene Kugelwurfmaschine gebaut«, erinnert sie sich. Manch ein Bühnentechniker konnte sich noch an damals erinnern.

20 Jahre später entdeckt sie eine Stadt, die »atmosphärisch ungemein zugelegt hat«. Ihr Domizil hat die Intendantin nun in der Innenstadt bezogen, auch wenn sie vom Land kommt, aus der Nähe von Konstanz. Daher rührt auch die Liebe zum Schwimmen. Als Ausgleich zur intensiven Arbeit am Theater zieht sie in Gießen regelmäßig Bahnen. »Ich bin vom Bodensee: da hopse ich ins Wasser und schwimme, so weit es geht.« Nun darf das Publikum gespannt sein, wie weit sie auf ihrem Weg mit dem Stadttheater kommt.

Simone Sterr, Jahrgang 1970, begann ihre Laufbahn als Dramaturgin am Stadttheater Konstanz. Nach einem Studium der Neueren Deutschen Literatur und Philosophie in Köln war sie Dramaturgin am Schlosstheater Celle, wurde dann Spartenleiterin für Kinder- und Jugendtheater in Würzburg, später in Gießen. Als jüngste Intendantin der Republik übernahm sie 2003 die Leitung des Theaters der Stadt Aalen, 2005 wechselte sie in gleicher Funktion an das Landestheater Tübingen, das sie bis Sommer 2014 führte. Danach wechselte sie als Spartenleiterin Schauspiel und geschäftsführende Dramaturgin an das Theater Bremen. In der Spielzeit 2020/2021 war Simone Sterr stellvertretende Intendantin am Theater Oberhausen. Mit der Spielzeit 2022/2023 ist sie Intendantin des Stadttheaters Gießen. (red).

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