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»Es geht um gute Geschichten«

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Von: Björn Gauges

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Das Kinderstück »Ente, Tod und Tulpe« feiert am Sonntag Premiere im Kleinen Haus des Stadttheaters. Foto: Rolf K. Wegst © Rolf K. Wegst

Im Porträt: Mathilde Lehmann ist die neue Künstlerische Leiterin des Jungen Theaters. Dort steht am Sonntag die nächste Premiere auf dem Spielplan.

Gießen. Kinder und Jugendliche sind ein ganz besonderes Theaterpublikum. Sie können sich schnell einmal gelangweilt in ihren Sitzen fläzen. Doch springt der Bühnenfunke über, zeigen sie ihre Begeisterung ebenso unmittelbar und ungefiltert. Die Künstler wissen daher immer, woran sie bei diesem Publikum sind. Genau das macht für Mathilde Lehmann, seit dieser Spielzeit Leiterin der Sparte Junges Theater am Stadttheater Gießen, einen besonderen Reiz ihrer Aufgabe aus. Im Gespräch mit dem Anzeiger berichtet sie von ihrem Werdegang, ihren Plänen und von der nächsten Inszenierung, die am Samstag Premiere feiert, an ein Publikum ab fünf Jahren gerichtet ist, und mit einem existenziellen Thema aufwartet: dem Tod.

Lehmann wuchs in Halle (Sachsen-Anhalt) auf, in einer kulturell geprägten Familie. Ihr Vater war Pfarrer, sie selbst spielte verschiedene Instrumente und sang im Kirchenchor. Mit dem Theater kam sie als 13-Jährige durch die Intervention ihrer Eltern in Kontakt. »Ich war introvertiert, fühlte mich nicht wohl in meinem Körper.« So wurde sie den Jugendklub des Theaters geschickt - und begann dort, aus sich herauszugehen. Zumal »ich das große Glück hatte, mit tollen Pädagogen arbeiten zu können«.

So war ihr beruflicher Weg vorgezeichnet. Sie begann als 18-Jährige ein Studium der Theaterwissenschaft in Leipzig und war dort erneut zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Denn am Leipziger Schauspiel wurde damals eine Spielstätte gegründet, in der Jugendliche mit Jugendlichen arbeiten konnten. »Selbst inszenieren, selbst machen.« So sammelte die junge Studentin nicht nur wichtige erste Theatererfahrungen, sondern traf zugleich viele junge Leute, »denen es ähnlich ging wie mir. Leute, die einen Ort brauchten, um sie selbst sein zu können«.

Nach einem zusätzlichen Regiestudium in München kam sie in den nächsten Jahren, zunächst eher zufällig, häufig mit Stoffen für Kinder und Jugendliche in Berührung. »Immer wieder rief ein Junges Theater an, wenn eine Stelle zu besetzten war. Und irgendwann habe ich gemerkt: Es zieht mich auch dahin. Ich möchte gerne anspruchsvolles Theater für junge Menschen machen«. Denn schon in Leipzig habe sie gelernt, dass es dabei um mehr gehe, als nur um Unterhaltung und Betreuung. »Kinder haben Fragen, Kinder haben Bedürfnisse. Denen muss nachgegangen werden.« Ihre Aufgabe als Spartenleiterin sei es nun, herauszufinden, was für ihr heranwachsendes Gießener Publikum von Interesse ist, was es wissen will. Viele vorgefertigte Antworten müsse das Theater dabei gar nicht liefern. Es gehe vielmehr darum, ihnen »Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie eigene Probleme bewältigen können«.

Beim Jungen Theater handele es sich zugleich um ein tiefernstes, auch handwerklich anspruchsvolles Fach. »Weil man ein Publikum hat, das reagiert und ein direktes Feedback gibt. Da muss man sehr scharf arbeiten.« In Gießen bietet sich der Theaterfrau nun die Chance, erstmals längerfristig eigene künstlerische Vorstellungen vorantreiben zu können. »Ich bin weit rumgekommen, habe ein nomadisches Leben geführt und das sehr genossen«, sagt Lehmann nach Stationen in Göttingen, Bern, Bremen, Heidelberg und Darmstadt. Doch nun habe sie die Möglichkeit, sich auf die kuratorische Arbeit zu konzentrieren und langfristige Kontakte knüpfen zu können.

Die richtigen Fragen stellen

Reizvoll an der neuen Aufgabe sei zudem, dass sich die Sparte am Stadttheater ausbauen lasse. Dazu zählen drei Mitglieder eines eigens gegründeten Ensembles sowie Schauspieler Sebastian Songin, der an ihrer Seite als Theaterpädagoge arbeitet, sich um das Vermittlungsprogramm kümmert und als Hauptansprechpartner für die Schulen fungiert. So könne ihr Team auf dem aufbauen, was unter ihrem langjährigen Vorgänger Abdul-E. Kunze geschaffen wurde. Zugleich will Mathilde Lehman schauen, wie sich noch mehr junge Leute für das Theater gewinnen lassen. Entscheidend ist für sie die Frage: »Erreichen wir mit unseren Stoffen auch diejenigen, die sie wirklich angehen?«

Dazu sucht sie verstärkt den Kontakt in die Stadt. Derzeit werden etwa in Workshops Programme erarbeitet, die im öffentlichen Raum präsentiert werden sollen. Am 12. Dezember geht es am Elefantenklo um die Frage der Barrierefreiheit. Wie leicht ist es, diese Stadt zu überbrücken?, lautet der programmatische Titel. In einem zweiten Workshop arbeiten junge Frauen an einem Programm, das im Seltersweg gezeigt werden soll: ein »Schrei nach Gleichberechtigung«. Themen und Formen dürfen jeweils die jungen Teilnehmer bestimmen.

Solche Angebote sind laut der Spartenleiterin immer offen. Bereits am Samstag startet die nächste Runde. »Wer kommen möchte, darf gerne kommen«, sagt Lehmann. Manche dieser Jugendlichen können dann auch bei Inszenierungen auf der Bühne stehen, etwa bei dem Jugendstück »Kriegerin«, das im Februar Premiere feiert. Ab Januar soll es zudem wieder Tanzworkshops geben. Infos dazu sind über die Homepage zu finden. Der Kontakt über E-Mail oder direktes Ansprechen ist zudem unbedingt erwünscht, betont die Künstlerische Leiterin.

Doch nun steht erst einmal das Kinderstück »Ente, Tod und Tulpe« auf dem Spielplan. Es ist eher eine Form des Musiktheaters, sein Medium vor allem der Tanz. Die Besucher ab fünf Jahren können auch mitmachen und am Ende selbst die Bühne erkunden. »Die Kinder glauben uns immer genau das, was wir ihnen über das Theater erzählen. Etwa still zu sitzen und nach vorne zu gucken. Doch die Kunst ist freier, ihre Mittel sind unbegrenzt.«

Zugleich wird in dem Stück ein existenzielles Thema verhandelt: der Tod. Da stellt sich die grundsätzliche Frage: Was kann man Kindern im Theater zumuten - und was nicht? Zumuten könne man ihnen jede Menge, ist Lehmann überzeugt. Für sie stellt sich die Frage eher andersherum: »Bei Kindern entsteht eine massive Irritation, wenn ihre Fragen nicht beantwortet werden und die Erwachsenen um den heißen Brei herumreden. Wir müssen ihnen auch erlauben, unbequeme Fragen zu stellen.«

Und mit welchen theatralen Mitteln sind die Kinder zu erreichen? Zum einen »mit der Magie, die uns ein Theaterraum gibt«, lautet die Antwort. Die technischen Mittel des Zauberkastens Bühne dürfen durchaus ausgereizt werden. Vor allem aber gehe es um gute Geschichten. »Wenn die Menschen auf der Bühne interessant sind und ein Anliegen haben. Dann will ich sehen, ob sie gewinnen oder scheitern. Denn im Jungen Theater muss beides möglich sein«, ist die Theatermacherin überzeugt.

»Ente, Tod und Tulpe« lautet der Titel eines Musiktheaterstücks von Leopold Dick, das am Sonntag, 6. November, um 16 Uhr Premiere im Kleinen Haus des Stadttheaters feiert. Die Geschichte nach dem Kinderbuchklassiker von Wolf Erlbruch ist für Besucher ab fünf Jahren konzipiert und eine spielerische Auseinandersetzung mit dem sensiblen Thema Tod. Eine Ente erwacht eines sonnigen Morgens und fühlt sich beobachtet. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und spricht ihren Verfolger an: Es ist der Tod persönlich. Musiktheater, Tanz und Schauspiel kommen in der Inszenierung von Regisseurin Amelie von Godin zusammen, damit eine Ente lernt, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Unter der Leitung von Wolfgang Wels am Klavier musiziert ein fünfköpfiges Ensemble auf der Bühne. Nach der rund 45-mimütigen Vorstellung besteht die Gelegenheit, sich die Spielorte aus der Nähe anzuschauen und mit den Darstellern in Kontakt zu kommen. (red)

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Mathilde Lehmann Foto: Yool GmbH & Co. KG © Yool GmbH & Co. KG

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