+
Desiree Becker, Nina Heidt-Sommer, Godela Linde und Asli Gürhan (v.l.) debattieren darüber, wie der Kampf gegen Seximsus am Arbeitsplatz gelingen kann. Foto: Volpe

Cat-Calling

Es geht um Macht und Kontrolle

Frauen diskutieren im Gießener DGB-Haus über »Sexismus am Arbeitsplatz« und sehen ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Gießen. Sexualisierte Nachrichten, Cat-Calling, also sexuell anzügliches (Hinterher-)Rufen, Reden, Pfeifen oder sonstige Laute im öffentlichen Raum gegenüber weiblichen Personen oder gar Berührungen: Sexismus am Arbeitsplatz ist nach wie vor Realität in Deutschland.

Hoch oben über den Dächern Gießens - im Dachsaal des DGB-Gebäudes - trafen sich nun Frauen, um über jene misogynen (frauenfeindlichen) Verhaltensweisen zu sprechen. Es sollte eine Möglichkeit geboten werden, sich in einer reinen Frauenrunde auszutauschen und über Lösungsansätze zu diskutieren.

Desiree Becker, die Veranstalterin von der DGB-Jugend Gießen, hatte gemeinsam mit den DGB-Frauen zu einem Vortrag mit Podiumsdiskussion und anschließendem Vernetzungstreffen eingeladen. Gekommen waren vom GEW-Kreisvorstand Gießen SPD-Landtagsabgeordnete Nina Heidt-Sommer, Godela Linde, seit 30 Jahren bei ver.di aktiv, Juristin und Autorin des Buches »Basta! Gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz - Ratgeber und Rechtsberatung« sowie Asli Gürhan, Vorsitzende der didf-Jugend und ebenfalls in der Gewerkschaft ver.di.

Männer seien bewusst nicht eingeladen worden, erklärt Becker zu Beginn, denn es ginge darum, einen Schutzraum zu schaffen und sich ebenso über eigene Erfahrungen mit Sexismus auszutauschen. Sie betonte allerdings, dass Diskriminierung im Allgemeinen kein rein weibliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem sei und demnach männliche Unterstützung richtig und wichtig sei.

Der Abend startete mit einer Präsentation von Asli Gürhan, wie sich Sexismus am Arbeitsplatz äußert und welche Folgen für Betroffene entstehen können, denn »Traumata oder physische Erkrankungen wie Essstörungen oder Schlafstörungen können häufig nach sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz auftreten«, beschreibt Gürhan. Deswegen hätten gerade Gewerkschaften als Arbeitnehmervertreter eine besondere Rolle inne. Insbesondere in Zeiten der Krise sei die prekäre Situation von Frauen in der Arbeitswelt sichtbar. »Sexismus hat nichts mit Begierde oder Lust zu tun, sondern ausschließlich mit Macht und Kontrolle.«

Godela Linde kann dem im anschließenden Gespräch nur zustimmen. Leider fehle es in vielen Betrieben noch immer an Präventionsmaßnamen und Awareness-Strukturen die Bewusstsein schaffen zum Schutz vor Diskriminierung. Die Anwältin habe selbst schon sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz erlebt und vertrat in ihrer Karriere viele Frauen mit ähnlichem Schicksal. Übergriffe würden meist in der Hierarchie von oben nach unten geschehen, so werde ein Machtverhältnis ausgenutzt, beschreibt sie.

Ebenso berichtet auch Nina Heidt-Sommer über diskriminierende Erfahrungen im Landtag: »Sexistische Zwischenrufe während Reden sind nicht selten«, teilt sie mit. Auch im Landtag seien die Beschwerdestrukturen nicht ausreichend, allerdings gäbe es eine hohe Solidarität der weiblichen Abgeordneten untereinander - auch überparteilich. Dies sei auch signifikant für den Kampf gegen Diskriminierung, erläutert Heidt-Sommer; Frauen müssen sich vernetzen und gegenseitig unterstützen und Sexismus solle endlich im Parlament als Grund für eine Rüge etabliert werden, fordert die Abgeordnete.

Politik gefordert

Die anwesenden Damen spendeten Beifall, denn alle haben bereits sexualisierte Gewalt erlebt und alle wünschen sich Veränderungen, mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema.

Asli Gürhan gab in ihrer Präsentation Forderungen der GEW an Politik und Gesellschaft wieder. Bessere Bezahlungs- und Arbeitsbedingungen, die Erhöhung des Mindestlohns sowie die Sichtbarmachung von migrantischer Arbeit waren nur einige dieser Erklärungen, denn es gebe definitiv noch viel zu tun. Nicht nur für die DGB-Frauen, sondern für die ganze Gesellschaft, damit niemand mehr sexualisierte Gewalt erleben muss, waren sich die Beteiligte einig.